Shaun Tan: Singende Knochen

Rezension von Mona

„Trotz der Vielzahl wunderschön illustrierter Märchensammlungen, die im Lauf der Jahre zu einem stattlichen Stapel angewachsen sind, war ich immer der Überzeugung, die besten Illustrationen für diese kleinen Meisterwerke der Erzählkunst seien – gar keine.“

Damit beginnt Philip Pullman, ein renommierter Fantasy-Autor, das Vorwort zu unserem Buch. Dass er mit dieser Einschätzung unrecht behalten würde, wurde ihm bald klar, als er die Werke Shaun Tans kennenlernte. Für ihn stand dann außer Frage, dass es keinen geeigneteren Künstler für die Illustrierung seiner Märchensammlung gäbe.

Philip Pullman erzählt weltbekannte grimmsche-Märchen sehr kurz und präzise neu (beispielsweise Dornröschen, die Bremer Stadtmusikanten, Rapunzel, um mal einige wenige zu nennen) und überließ Shaun Tan den Rest.

Alle Werke, die ich von Shaun Tan kenne, sind sehr realistisch und klar und haben nur wenig abstrakte Elemente. „Singende Knochen“ hat nichts mit dem Stil zu tun, den ich von Tan gewohnt bin. Einen hervorragenden Eindruck der Bilder gewinnt man bei Betrachtung des Covers. Es zeigt ein Bild, das ziemlich abstrakt ist und viel Interpretationsspielraum bietet. Zudem ist die Atmosphäre sehr düster. Diese Eigenschaften gelten übrigens für alle enthaltenen Bilder. Im Nachwort sagt Tan, dass er die kleinen Kunstwerke aus Pappmache und lufttrockenem Ton schuf, die später mit Acryl bemalt wurden.

„[…] es ging mir vor allem darum, meinen Objekten den Anschein zu geben, als wären sie bei einer imaginären archäologischen Ausgrabung zu Tage gefördert worden und nun, gleich zahlreichen anderen Ausstellungsgegenständen, nur schwach beleuchtet zu sehen – als schweife der Strahl einer Taschenlampe flüchtig über ein paar seltsam anmutende Objekte, die in den düsteren Etagen unseres kollektiven Unterbewusstseins ruhen.“

Die Neuinterpretation der Märchen gefiel mir gut, sie zentrierte sich auf die zu vermittelnde Botschaft und gab das Wesentliche kurz und bündig wieder, ohne aber ins Neumodische abzudriften. Man gewinnt deshalb einen sehr guten Eindruck der Originalmärchen.

Nun aber zu den Bildern, die für viele auch das Entscheidende sein dürften. Ich musste in der richtigen Stimmung sein, mich auf diese düstere Art der Bilder einlassen zu können, da sie doch teilweise melancholisch stimmen, das Märchenwesen dafür optimal einfangen. Für mich haftete gerade den Grimmschen Märchen immer schon etwas sehr düsteres an, was nicht zu vergleichen war mit beispielsweise den Interpretationen Walt Disneys. Obwohl die zweite Variante für Kinder vermutlich geeigneter wäre. Zweifellos sind Tans Interpretationen sehr besonders und eindringlich, zweifellos werden sie aber auch nicht jedem gefallen. Und auch für mich, die das träumerisch-verspielte liebt, waren die Bilder anfänglich eine Herausforderung.

Doch je mehr ich mich mit der Kombination von Text und Bild auseinandersetzte, desto mehr lernte ich auch die verborgene Schönheit des eben nicht offensichtlich Schönen lieben. Die Bilder haben etwas in mir bewegt, auch wenn ich sie keinem Märchen zuordnen könnte, würde es nicht daneben stehen.

Eine Empfehlung möchte ich in diesem Fall nicht aussprechen, da sich doch jeder selbst ein Bild von der Kunst machen soll und danach entscheiden, ob das seinen Geschmack trifft oder nicht. Für mich war es jedoch mal wieder ein einmaliges Erlebnis geschaffen von einem großartigen Künstler!