
Shakespeares "Was ihr wollt" verbindet Verwechslungskomödie mit feinsinnigen Reflexionen über Identität, Liebe und gesellschaftliche Maskenspiele. Ein Spiel mit Schein und Sein – und dabei überraschend modern.
Mit "Was ihr wollt" präsentiert William Shakespeare die Kunst der doppelten Böden: Die Komödie spielt in der imaginären Welt von Illyrien, in der sich Schicksal, Zufall und Leidenschaft unaufhaltsam durchkreuzen. Was als Wirrwarr um Liebe, Rollentausch und Täuschung beginnt, entwickelt sich rasch zu einer vielstimmigen Bühnenerzählung, die humorvoll, rätselhaft und mitunter hintergründig die Themen Identität und Begehren auslotet. Die Figuren sind allesamt Getriebene: Ob Melancholiker, Spaßmacher oder romantisch Leidende – alle geraten in einen Tanz widersprüchlicher Wünsche. Dieses vielfältige Versteckspiel ist nicht allein dramaturgisches Mittel, sondern wirkt immer auch wie ein kritischer Kommentar auf Gesellschaft und menschlichen Umgang. Shakespeares Stück fordert damit – einst wie heute – die Aufmerksamkeit und Offenheit seiner Leser heraus.
Im Zentrum von "Was ihr wollt" steht die junge Viola, die nach einem Schiffbruch an der Küste Illyriens strandet und sich als junger Mann verkleidet, um unter dem Namen Cesario am Hof des Herzogs Orsino Dienst zu tun. Der Herzog selbst ist unglücklich verliebt in die Gräfin Olivia, die sich jedoch gegen seine Werbung sperrt. Durch Violas Verkleidung entspinnt sich ein komplexes Geflecht aus Liebesirrtümern und Verwechslungen: Olivia verliebt sich in Cesario, während Viola ihre eigenen Gefühle für Orsino verbergen muss. Parallel dazu sorgen ausgefallene Nebenfiguren und komische Intrigen für weitere Turbulenzen im märchenhaft überzeichneten Illyrien. Konsequent meidet das Stück eindeutige Auflösungen und bleibt damit bewusst ein Spiel mit Identitäten, Begehren und gesellschaftlichen Konventionen.
Shakespeare lässt seine Figuren überaus geschmeidig zwischen den Ebenen von Anschein und Wirklichkeit wandeln. Die Handlung verzweigt sich in Dialogen, die mal derb und ausgelassen, mal hochgestochen und verspielt in Szene gesetzt werden. Häufig ist die Sprache Mittel zur Verschleierung oder Entblößung, zur Verführung oder Verwirrung. Gerade dieser Ton – wechselnd zwischen Melancholie, ironischer Distanz und Ungeniertheit – fordert vom Leser eine besondere Aufmerksamkeit, eröffnet aber auch einen weiten Resonanzraum. Die szenische Struktur bleibt dynamisch: Gleichzeitig erzählt Shakespeare nicht nur eine Komödie, sondern bricht sie immer wieder mit Momenten von Nachdenklichkeit und Tiefe.
Als literarisches Motiv erweist sich die Maskerade als tragendes Fundament des Werks: Die Verkleidung Violas, das Spiel um reale und vorgestellte Liebe, das Schicksal der Nebenfiguren wie Malvolio oder Sir Toby – sie alle illustrieren unterschiedliche Spielarten von Selbsttäuschung und Fremdwahrnehmung. Wer das Stück liest, begegnet einer vielstimmigen Gesellschaft, in der soziale Grenzen und Rollenzuschreibungen stückweise ausgesetzt werden. Gleichzeitig legt der Text offen, wie fragil und wandelbar menschliche Identität erscheinen kann. Nicht zuletzt durch die fein gestaffelte Komik und das Spiel mit Perspektiven bleibt das Stück in seiner Wirkung offen für verschiedene Lesarten.
Stilistisch besticht "Was ihr wollt" durch seine Verspieltheit: Shakespeare nutzt aufwendige Sprachbilder, pointierte Dialoge und rhythmisch ausgewogene Szenen. Der Humor bewegt sich dabei auf unterschiedlichen Ebenen: von Slapstick über Wortwitze bis hin zur subtilen Ironie. Gleichzeitig kann gerade dieses Wechselspiel für heutige Leser eine gewisse Sperrigkeit bergen – nicht alle Anspielungen oder Referenzen erschließen sich sofort, manche Pointen leben von ihrer Zeitgebundenheit. Dennoch erhält das Stück durch seinen spielerischen Umgang mit Sprache und Szene eine Frische, die es auch abseits der Bühne tragfähig erscheinen lässt.
Gerade die Balance zwischen Leichtigkeit und gedanklicher Tiefe prägt die Lesewirkung. "Was ihr wollt" ist weit mehr als eine klassische Verwechslungskomödie: Das Werk lädt dazu ein, die eigenen Kategorien von Geschlecht, Liebe und Identität zu befragen, und tut dies ohne moralisierende Schwere. Aus der gelungenen Mischung aus Unterhaltsamkeit, stilistischer Raffinesse und doppelbödigen Motiven erwächst eine Leseerfahrung, die ihre Komplexität nie aufdrängt, aber immer mittransportiert. Shakespeare gelingt es, auf engstem Raum eine ganze Welt aus Spiegelungen, Reflexionen und – immer wieder – durchbrochenen Erwartungen zu gestalten.
Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?
Die anhaltende Stellung von "Was ihr wollt" im literarischen Kanon speist sich nicht allein aus dem kunstvollen Geflecht seiner Handlung, sondern ebenso aus der scharfsinnigen Durchdringung menschlicher Erfahrung. Das Stück verhandelt Fragen der Identität, des Begehrens und der gesellschaftlichen Rollenzuweisung mit einer Leichtigkeit, die auch heute noch überrascht – besonders, weil hinter dem Humor stets doppelte Böden liegen. Für das Publikum war und ist es reizvoll, wie Shakespeare Genderrollen, Machtstrukturen und die Unzuverlässigkeit von Wahrnehmung subtil hinterfragt. Das Werk reflektiert sowohl Lust am Spiel mit Konventionen als auch deren Risiko.
Zudem präsentiert "Was ihr wollt" einen Stilpluralismus zwischen Poesie, Prosa und komödiantischem Ernst, der dazu beiträgt, dass sich das Drama immer wieder neu interpretieren lässt. Die Mehrdeutigkeit der Charaktere und das gezielte Spiel mit Masken sprechen für eine Modernität, die das Stück über Jahrhunderte hinweg anschlussfähig hält. Auch wenn einzelne sprachliche Wendungen oder gesellschaftliche Verweise heutigen Lesern zunächst fremd erscheinen mögen, bleibt die Grundfrage nach dem Eigenen und Fremden, nach erfüllbarer oder unerfüllter Sehnsucht dauerhaft relevant. Nicht zuletzt daher kann "Was ihr wollt" immer wieder neu entdeckt werden.
Buchdaten
- Titel: Shakespeare; Was ihr wollt
- Verlag: Gröls Verlag
- Hardcover-ISBN: 9783988282774
- Softcover-ISBN: 9783988281777
Rezension von Matthias

