
Florian Illies folgt in „Träume aus Feuer“ dem Alchemisten und Glasmacher Johannes Kunckel auf die Berliner Pfaueninsel und verbindet Wissenschaftsgeschichte mit höfischer Kultur. Das Ergebnis ist ein Buch über Ehrgeiz, Täuschung, Experiment und die Verwandlung eines Goldtraums in eine präzise Kunst des Glases.
Im Zentrum steht Johannes Kunckel, der im Umfeld des Hofes nach dem Geheimnis der Verwandlung sucht: zuerst nach Gold, dann nach einem Material, das der Zeit etwas Neues abringen kann. Das Buch verortet ihn auf der Pfaueninsel in Berlin, an einem Ort zwischen Rückzug und Repräsentation, und verfolgt seine Arbeit an Glas, seine Stellung am Hof sowie die Erwartungen, die sich mit Alchemie, Macht und Nutzen verbinden. Dabei entfaltet sich ein historisches Porträt, das nicht nur eine einzelne Figur beschreibt, sondern auch den Denkstil einer Epoche.
Ab dem zweiten Blick zeigt sich, wie sorgfältig Illies diese Welt arrangiert. Er schreibt klar und dicht, ohne die historische Stofffülle zu überladen, und gibt der Erzählung einen Rhythmus, der zwischen Beobachtung, Szene und Einordnung wechselt. Gerade darin liegt der Reiz: Das Buch behandelt ein Spezialthema, bleibt aber nicht im Fachhistorischen stecken. Es macht sichtbar, wie nah wissenschaftlicher Versuch, Aberglaube, ökonomisches Interesse und höfische Selbstdarstellung damals beieinanderlagen.
Besonders gelungen ist die Perspektive auf den Menschen hinter der Erfindung. Kunckel erscheint nicht als abstrakte Gelehrtenfigur, sondern als jemand, der zwischen Hoffnungen, Abhängigkeiten und Intrigen seinen Weg sucht. Dadurch gewinnt die historische Materie Spannung, ohne dass sie künstlich dramatisiert werden muss. Illies arbeitet mit feinen Kontrasten: Feuer und Zerbrechlichkeit, Anspruch und Scheitern, Pracht und Unsicherheit. Das macht die Lektüre anschaulich und gibt dem Stoff eine literarische Spannung, die über die reine Wissensvermittlung hinausgeht.
Gleichzeitig verlangt das Buch ein Interesse an historischen Konstellationen und an der besonderen Sprache des Autors. Wer eine stark handlungsgetriebene Erzählung erwartet, wird hier eher ein konzentriertes, gelegentlich distanziertes Nachzeichnen von Zusammenhängen finden. Das ist keine Schwäche im engeren Sinn, kann aber den Zugang für Leserinnen und Leser erschweren, die vor allem Tempo oder emotionale Nähe suchen. Die Stärke liegt klar in der Verdichtung eines ungewöhnlichen Lebens und in der Verbindung von Kulturgeschichte und erzählerischem Blick.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun: Erstens eröffnet „Träume aus Feuer“ einen ungewöhnlichen Zugang zur deutschen und europäischen Kulturgeschichte, weil es ein scheinbar randständiges Thema in einen größeren Zusammenhang von Wissenschaft, Macht und Kunst stellt. Zweitens überzeugt die Figur Johannes Kunckels als historischer Mittelpunkt, an dem sich Ehrgeiz, Abhängigkeit und Erfindergeist sehr plastisch zeigen. Drittens liest sich die Verbindung von Alchemie und Glasherstellung als kluge Geschichte über Versuch und Verwandlung. Ein Grund dagegen: Wer vor allem eine schnelle, stark dramatisierte Erzählung sucht, könnte die eher konzentrierte, reflektierende Form als zu ruhig empfinden.
Buchdaten
- Autor: Florian Illies
- Verlag: Pfaueninsel
- Preis: 20,00 €
- ISBN: 9783691310054
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Rezension von Sarah


