
Ein Sommer im Jahr 1975, ein abgelegenes Camp und das Verschwinden eines Mädchens: Aus diesen Motiven entwickelt Liz Moore einen Roman, der nicht nur auf die Auflösung eines Falls zielt. „Der Gott des Waldes“ verbindet Spannung mit genauer Milieubeobachtung und fragt zugleich nach Macht, Zugehörigkeit und den stillen Regeln einer gesellschaftlich ungleichen Welt.
Im Mittelpunkt steht das Verschwinden der dreizehnjährigen Barbara Van Laar, die im August 1975 aus Camp Emerson verschwindet, einem Ferienlager im Besitz ihrer wohlhabenden Familie. Der Fall bleibt nicht isoliert, denn in der Geschichte der Van Laars gibt es bereits ein früheres, nicht aufgeklärtes Verschwinden. So gewinnt die Handlung von Beginn an eine doppelte Spannung: Sie kreist um die Suche nach Barbara und zugleich um alte Leerstellen innerhalb der Familie.
Moore erzählt diese Geschichte nicht als schnörkellosen Whodunit, sondern als breit angelegten Roman mit mehreren Blickrichtungen. Erinnerungen, Perspektivwechsel und zeitliche Verschiebungen setzen die Handlung nach und nach zusammen. Dadurch steht weniger der schnelle Effekt im Vordergrund als ein allmähliches Erkennen von Beziehungen, Abhängigkeiten und verdrängten Konflikten.
Der Schauplatz ist dabei sorgfältig gewählt. Der Wald und das Camp schaffen nicht nur Atmosphäre, sondern prägen auch die Wahrnehmung der Figuren. Die Abgeschiedenheit des Ortes verstärkt Unsicherheit und Kontrolle zugleich. Hinter dem Bild von Sommer, Natur und jugendlicher Freiheit wird eine Ordnung sichtbar, in der Besitz, Herkunft und sozialer Rang den Ton angeben.
Besonders stark ist der Roman in der Zeichnung seines Personals. Die Familie Van Laar erscheint nicht bloß als Symbol für Reichtum, sondern als Gefüge aus Erwartungen, Verletzungen und Machtansprüchen. Ebenso wichtig sind die Menschen, die im Umfeld des Camps arbeiten oder von der Familie abhängig sind. Gerade in diesen Konstellationen wird deutlich, wie soziale Unterschiede den Alltag strukturieren und wie sehr sie bestimmen, wessen Stimme Gewicht hat.
Auch stilistisch setzt Liz Moore eher auf Verdichtung als auf vordergründiges Tempo. Informationen werden dosiert freigegeben, wodurch eine anhaltende Spannung entsteht. Der Roman lebt nicht vor allem von spektakulären Wendungen, sondern von Atmosphäre, Beobachtung und dem Gefühl, dass unter der Oberfläche ständig etwas mitläuft. Das verlangt ein wenig Geduld, belohnt aber mit einer dichten, durchgehend kontrollierten Erzählweise.
Hinzu kommt, dass Fragen nach weiblicher Selbstbehauptung und gesellschaftlicher Erwartung spürbar in den Text eingearbeitet sind. Die 1970er Jahre bilden dabei mehr als eine bloße Zeitkulisse; sie wirken auf die Handlung und auf die Spielräume der Figuren zurück. Wer einen sehr geradlinigen Kriminalplot sucht, könnte die Breite des Romans gelegentlich als ausgreifend empfinden. Gerade diese Offenheit macht das Buch jedoch als literarisch ambitionierten Spannungsroman interessant.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun: Erstens verbindet Liz Moore die Spannung eines Vermisstenfalls mit einem präzisen Blick auf soziale Verhältnisse und familiäre Machtstrukturen. Zweitens ist der Schauplatz so gestaltet, dass Camp, Wald und Besitzverhältnisse die Geschichte nicht nur rahmen, sondern aktiv prägen. Drittens tragen die vielschichtigen Figuren den Roman auch in den ruhigeren Passagen. Ein möglicher Einwand bleibt jedoch: Wer vor allem einen schnellen, streng linearen Krimi erwartet, sollte wissen, dass dieses Buch sich bewusst mehr Raum für Atmosphäre, Figuren und gesellschaftliche Zusammenhänge nimmt.
Buchdaten
- Autor: Liz Moore
- Verlag: C.H. Beck
- Preis: 18,00 €
- ISBN: 9783406851674
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Rezension von Sandrine

