
Vera Buck verbindet in *Keine Angst, Darling* eine zugespitzte Spannungshandlung mit der Frage, was hinter perfekt kuratierten Lebensentwürfen steckt. Der Roman nutzt das Bild der scheinbar glücklichen Hausfrauenwelt nicht bloß als dekorativen Hintergrund, sondern als Ausgangspunkt für eine Geschichte über Einfluss, Anpassung und den Preis vermeintlicher Sicherheit.
Im Mittelpunkt steht Paula Hartmann, die nach Florida reist, weil mit ihrer Schwester Lea etwas nicht stimmt. Lea lebt dort mit ihrer Familie in einer streng geregelten Wohnanlage namens Sancta Familia, deren Alltag von traditionellen Vorstellungen, festen Erwartungen und einer auffallend glatten Selbstdarstellung geprägt ist. Nach außen scheint alles geordnet, doch schon bald zeigt sich, dass hinter diesem Bild mehr Druck als Geborgenheit steckt. Aus Paulas Suche nach Antworten entsteht ein Spannungsfeld aus familiärer Nähe, Fremdheit und unterschwelliger Bedrohung.
Reizvoll ist dabei vor allem, dass der Roman ein sehr gegenwärtiges Thema aufgreift, ohne sich auf bloße Schlagworte zu verlassen. Die Erzählung interessiert sich nicht nur für die Oberfläche eines bestimmten Lebensstils, sondern für die Dynamik darunter: für das Bedürfnis nach Halt, für die Verführung klarer Regeln und für die Frage, wann Orientierung in Fremdbestimmung umschlägt. Dadurch gewinnt die Handlung früh über den Einzelfall hinaus an Bedeutung, bleibt aber dennoch als Roman lesbar und nicht als bloßes Gedankenspiel.
Stark ist außerdem die Beziehung zwischen den beiden Schwestern gestaltet. Paula und Lea sind nicht einfach Gegensätze, sondern tragen eine gemeinsame Geschichte mit sich, in der Verletzungen, Distanz und Verantwortung mitschwingen. Gerade deshalb hat Paulas Reise nicht nur erzählerische Funktion, sondern auch emotionales Gewicht. Die Suche nach Lea wird zugleich zur Auseinandersetzung mit alten Bindungen und unausgesprochenen Konflikten. Das verleiht dem Buch eine zusätzliche Ebene, die über die äußere Spannung hinausreicht.
Sprachlich setzt Vera Buck eher auf einen gleichmäßig wachsenden Sog als auf pausenlose Effekte. Die Welt der Siedlung wirkt ordentlich, freundlich und kontrolliert, und gerade aus dieser Überformung entsteht Unruhe. Kleine Irritationen, unausgesprochene Regeln und das Gefühl permanenter Beobachtung bauen Schritt für Schritt Spannung auf. Das passt gut zum Stoff, weil die Gefahr nicht von außen einbricht, sondern aus einem System hervorgeht, das sich selbst als fürsorglich und richtig präsentiert.
Bemerkenswert ist auch, dass der Roman das Tradwife-Motiv nicht eindimensional behandelt. Er macht verständlich, weshalb entsprechende Bilder für manche Menschen attraktiv sein können: Sie versprechen Übersicht, Anerkennung und einen festen Platz in der Welt. Gleichzeitig legt die Geschichte offen, wie rasch solche Versprechen in Kontrolle, Abhängigkeit und Manipulation kippen können. Gerade diese Doppelbewegung macht den Roman interessant, weil er nicht bei Empörung stehen bleibt, sondern nach den Mechanismen hinter der Fassade fragt.
Nicht alles wirkt dabei in jeder Szene gleich fein austariert. Mitunter ist spürbar, dass das thematische Zentrum sehr stark gesetzt ist und einzelne Figuren oder Konstellationen stärker auf diese Fragestellung hin gebaut sind. Das mindert die Wirkung jedoch nur begrenzt, weil der Roman sein Spannungsversprechen einlöst und seine zentralen Fragen konsequent verfolgt. Wer psychologisch gefärbte Spannung schätzt und sich für gesellschaftliche Untertöne interessiert, findet hier einen Roman, der beides überzeugend zusammenführt.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Ein großer Pluspunkt des Romans ist die Verbindung von Spannung und Gegenwartsbeobachtung: Das Buch greift ein aktuelles Rollenbild auf, ohne sich in bloßer Zuspitzung zu verlieren. Hinzu kommt die wirkungsvolle Atmosphäre einer Welt, die nach Perfektion aussieht und gerade deshalb Misstrauen weckt. Besonders trägt auch die Beziehung der Schwestern, die der Handlung emotionale Tiefe gibt und die Suche nach der Wahrheit persönlich auflädt. Ein möglicher Vorbehalt bleibt, dass die thematische Ausrichtung stellenweise sehr deutlich hervortritt und nicht jede Figur gleich viel Offenheit oder Ambivalenz erhält.
Buchdaten
- Autor: Vera Buck
- Verlag: Lübbe
- Preis: 17,00 €
- ISBN: 9783757702687
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Rezension von Sandrine

