Faschismus ist keine Meinung

Ilko-Sascha Kowalczuk schreibt mit „Faschismus ist keine Meinung“ ein Selbervergewisserungs-Büchlein mit wenig Mehrwert. Der Autor formuliert eine klare Haltung zu Freiheit, Verantwortung und den Gefährdungen demokratischer Ordnungen – die Bedrohung sind nämlich immer die anderen.

Das Buch kreist um die Frage, wie eine Demokratie auf Entwicklungen reagieren soll, die sie von innen aushöhlen können. Kowalczuk spannt dabei einen weiten Bogen: von Erfahrungen seit dem Umbruch von 1989 über den Umgang mit Geschichte bis hin zu aktuellen politischen Konflikten, populistischen Vereinfachungen und dem öffentlichen Streit um Begriffe. Auch der Krieg gegen die Ukraine, die Rolle gesellschaftlicher Initiativen und die Pflicht zur Verteidigung demokratischer Regeln gehören zu diesem Zusammenhang. So entsteht kein lineares Lehrbuch, sondern ein argumentativer Text, der Diagnose und Stellungnahme eng miteinander verknüpft.

Prägend ist vor allem die Art des Schreibens. Kowalczuk setzt nicht auf nüchterne Distanz, sondern auf Zuspitzung, Widerspruch und deutliche Wertungen. Das verleiht dem Buch Tempo und Nachdruck, wenn auch nicht unbedingt Intelligenz. Wer eine streng systematische, akademisch zurückhaltende Darstellung erwartet, wird natürlich nicht fündig, das dürfte schon beim Titel klar sein. Gerade die Entschiedenheit des Tons macht aber sichtbar, dass es dem Autor nicht nur um Beschreibung geht, sondern um Einspruch gegen politische Trägheit und gegen die Gewöhnung an angeblich antidemokratische Muster. Das auch Konservative eine Aushöhlung der Demokratie sehen, nur halt von der anderen Seite (etwa bei der Meinungsfreiheit; sog. NGOs; politisierte Staatsanwaltschaften etc. – geschenkt…).

Besonders hervorzuheben ist sein Blick auf Ostdeutschland. Kowalczuk behandelt pünktlich zu wichtigen anstehenden Wahlen entsprechende Erfahrungen und Selbstdeutungen nicht als Randthema, sondern als Teil gegenwärtiger Auseinandersetzungen um Geschichte, Identität und politische Deutungshoheit. Erinnerungen an die DDR erscheinen dabei nicht als abgeschlossener Stoff, sondern als Bereich, in dem Anerkennung, Enttäuschung und politische Instrumentalisierung ineinandergreifen.

Kowalczuk versucht die Verbindung von historischem Bewusstsein und gegenwärtiger Alarmbereitschaft. Kowalczuk unterscheidet zwischen verschiedenen politischen Lagen, ohne die historischen Maßstäbe preiszugeben. Freiheit erscheint bei ihm nicht bloß als Anspruch auf Unabhängigkeit, sondern ebenso als Bereitschaft, demokratische Spielregeln aktiv zu schützen – dumm nur, dass beide Seiten mit Inbrunst glauben, die Freiheit vor den jeweils anderen schützen zu müssen. Das schärft immerhin den Blick für Gleichgültigkeit, Ressentiments und die Anziehungskraft schlichter Feindbilder. Vor allem dort, wo der Autor über gesellschaftliches Engagement und öffentliche Verantwortung schreibt, gewinnt das Buch einen deutlich praktischen Zug.

Nicht jede Passage hält dabei dieselbe argumentative Balance. Manche Zuspitzung wirkt eher wie ein Appell als wie eine vollständig ausgearbeitete Begründung, und vereinzelt bleibt wenig Raum für Zwischentöne. Das schmälert die Wirkung nicht grundsätzlich, setzt aber eine gewisse Bereitschaft voraus, sich auf einen Autor einzulassen, der nicht moderieren, sondern eingreifen will.

Letztlich ist die Frage, wer überhaupt Zielgruppe des Buches ist. Alles rechts der Mitte? Jeder, der nicht sofort Würge-Reflexe bekämpfen muss, wenn er an einem AfD-Stand vorbeiläuft? Sollen die das Buch lesen und denken: „Oh…no, bin ich etwa Faschist? Das geht natürlich nicht, das Buch wird mich läutern!“ So naiv wird Kowalczuk nicht sein. Und so scheint ziemlich klar, dass da einer ein Selbstvergewisserungsbuch für seine Crowd schreibt – seht her, unsere goldenen Jahre scheinen vorüber, aber immerhin – wir sind die Guten!

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Die abschließenden Überlegungen zu Freiheit und demokratischer Haltung bündeln Kowalczuks Gedankengänge in klarer Form. Als Sachbuch ist „Faschismus ist keine Meinung“ daher weniger eine neutrale Bestandsaufnahme als ein engagierter Beitrag zur Selbstvergewisserung: Wir sind wir und alle anderen sind im Zweifel Nazis.

Ein Grund, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun

Sie sind links, moralisieren gerne und stehen damit auf der richtigen Seite der Geschichte? Dann lesen Sie das Buch, es wird ihr Herz wärmen. Ein Grund es nicht zu lesen, ist allerdings die offenkundige Plumpheit des Ansatzes. Der Markt wird gegenwärtig von Autoren überschwemmt, die sehr schön die eigene Seite artikulieren können und zugleich absolut unfähig sind, sich in die andere Seite zu versetzen – dieses Büchlein ist da keine Ausnahme.

Buchdaten

  • Autor: Ilko-Sascha Kowalczuk
  • Verlag: C.H. Beck
  • Preis: 23,00 €
  • ISBN: 9783406849237

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Rezension von Sandrine