
Diese Märchensammlung verbindet den Ton mündlichen Erzählens mit einer auffallend nachdenklichen Grundstimmung. Wer das Buch liest, begegnet keinem glatten Kunstmärchen, sondern Geschichten, in denen Trost, Verlust und leise Hoffnung eng beieinanderliegen.
Träumereien an französischen Kaminen ist kein Buch, das seine Wirkung durch große Handlungseinheit oder dramatische Zuspitzung sucht. Es versammelt Märchen und märchennahe Erzählungen, die aus einer besonderen Erzählsituation heraus gedacht scheinen: als Geschichten gegen die Härte der Wirklichkeit, als imaginierte Gegenräume von Wärme, Erinnerung und Einfall. Schon der Titel gibt die Richtung vor. Hier geht es nicht um das lärmende Wunder, sondern um die stille Form des Wunderbaren, um Traum, Trost und erzählerische Versenkung. Das Buch lebt von Stimmungswerten, von Bildern und von einer Sprache, die schlicht wirken kann und doch sorgfältig gesetzt ist. Gerade darin liegt seine Eigenart: Es will nicht überwältigen, sondern Schritt für Schritt eine Haltung des aufmerksamen Lesens erzeugen.
Träumereien an französischen Kaminen ist eine Sammlung von Märchen, die sich um keine fortlaufende Haupthandlung organisiert, wohl aber um eine erkennbare Grundsituation: Geschichten werden erzählt, um Kälte, Unruhe und Bedrängnis etwas entgegenzusetzen. Aus dieser Konstellation bezieht das Buch seinen inneren Zusammenhang. Die einzelnen Texte führen in märchenhafte Räume, zu Kindern, Königen, seltsamen Boten, verwunschenen Verhältnissen und Prüfungen, in denen Armut, Sehnsucht, Treue oder Verzicht eine Rolle spielen. Das Geschehen bleibt dabei übersichtlich genug, um dem Leser rasch Halt zu geben, und offen genug, um den Nachklang wichtiger werden zu lassen als den bloßen Ausgang. Wer das Buch aufschlägt, findet keine einheitliche Romanwelt vor, sondern ein Nebeneinander von Geschichten, die sich im Ton und in ihrer seelischen Temperatur berühren.
Seine besondere Stärke hat das Werk in dieser Mischung aus Einfachheit und Ernst. Viele Märchen lassen sich beim ersten Lesen mühelos aufnehmen, weil die Handlung klar gebaut ist und die Bilder deutlich konturiert sind. Zugleich liegt über den Texten ein gedämpfter Schatten, der sie von bloßer Kinderzimmerbehaglichkeit entfernt. Nicht jedes Glück kommt leicht, nicht jeder Verlust wird weichgezeichnet, und selbst freundliche Wendungen tragen oft noch die Erinnerung an Entbehrung in sich. Gerade dadurch gewinnen die Erzählungen Gewicht. Sie sprechen von Wünschen, Ängsten und Hoffnungen, ohne diese psychologisch auszuleuchten; stattdessen verdichten sie Erfahrungen in Figuren, Situationen und kleine symbolische Ordnungen. Das macht die Lektüre zugänglich, aber nicht belanglos.
Auffällig ist auch die Erzählhaltung. Volkmann schreibt mit einer Ruhe, die den alten Ton des Märchens aufnimmt, ohne sich ganz in altertümelnder Feierlichkeit zu verlieren. Die Sprache wirkt oft schlicht, doch sie ist keineswegs farblos. Sie setzt auf Anschaulichkeit, auf wiederkehrende Formeln, auf den präzisen Einsatz von Kontrasten: Wärme und Kälte, Nähe und Ferne, Geborgenheit und Verlorenheit. Vieles daran wirkt, als sei es für das laute Vorlesen mitgedacht, selbst wenn das Buch seine feineren Wirkungen eher in stiller Lektüre entfaltet. Diese Prosa drängt nicht auf Originalität um jeden Preis; sie vertraut darauf, dass ein sauber gesetztes Bild und ein unaufgeregter Satz länger tragen als rhetorischer Aufwand. Man muss sich auf diese Gelassenheit einlassen. Wer nur auf überraschende Konstruktion oder ironische Brechung wartet, wird sie hier kaum finden.
Die Motive des Buches sind klassisch märchenhaft, aber ihr Ton ist eigentümlich herb. Es geht um Prüfungen, Verwandlungen, um das Erkennen des Wesentlichen hinter dem äußeren Schein, um Güte, die nicht sentimental erscheint, und um Gefährdungen, die nie ganz folgenlos bleiben. Dabei ist interessant, wie selten die Geschichten bloß dekorativ wirken. Selbst dort, wo das Wunderbare in den Vordergrund tritt, behalten die Texte eine menschliche Erdung. Das Märchen ist hier kein Ort schrankenloser Phantasie, sondern eine Form, Lebenserfahrung zu bändigen und in Erzählung zu verwandeln. Darin liegt auch ein stilles Pathos des Buches: Es hält daran fest, dass Geschichten trösten können, ohne die Welt schönzureden. Für heutige Leser kann gerade diese Nüchternheit überraschend sein.
Freilich gehört zu einer fairen Würdigung auch, dass nicht jede Passage die gleiche Intensität besitzt. Manche Stücke folgen vertrauten Mustern so eng, dass ihr Verlauf absehbar wirkt. An anderen Stellen verlangt der Ton eine Bereitschaft zu jener älteren, weniger psychologisch motivierten Art des Erzählens, in der Figuren eher Träger von Haltungen als individuelle Charaktere sind. Wer moderne Märchenadaptionen gewohnt ist, könnte darin eine gewisse Starrheit sehen. Doch diese vermeintliche Einfachheit ist Teil der Form. Das Buch sucht nicht den realistischen Menschen in all seinen Widersprüchen, sondern die erzählerische Klarheit, in der sich seelische Erfahrungen sammeln lassen. Wenn man dies akzeptiert, zeigt sich Träumereien an französischen Kaminen als ein stilles, ernstes und eigenwillig getöntes Märchenbuch, das seine Wirkung nicht durch Größe, sondern durch Beharrlichkeit entfaltet.
Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?
Dass sich Träumereien an französischen Kaminen über lange Zeit behaupten konnte, hängt weniger an einzelner Berühmtheit einzelner Geschichten als an der Geschlossenheit seines Tons. Das Buch steht für eine Form des Kunstmärchens, die das Wunderbare nicht als bloßen Schmuck benutzt, sondern als Mittel der seelischen Verdichtung. Seine Erzählungen sind knapp genug, um erinnerbar zu bleiben, und ernst genug, um nicht in bloßer Niedlichkeit aufzugehen. Gerade diese Verbindung hat dazu beigetragen, dass das Werk immer wieder gelesen werden konnte: als Märchenbuch, als Sammlung stiller Trostgeschichten und als Beispiel dafür, wie stark einfache Formen sein können.
Zugleich ist seine fortdauernde Präsenz wohl auch darin begründet, dass es etwas bewahrt, was in späterer Literatur nicht selbstverständlich blieb: Vertrauen in die Kraft des Erzählens selbst. Die Geschichten behaupten nicht, die Wirklichkeit zu erklären; sie antworten auf sie mit Bildern, Prüfungen und kleinen Hoffnungen. Das kann heutigen Lesern fremd vorkommen, zumal dort, wo die Typisierung der Figuren oder der gemessene Ton Distanz schaffen. Doch gerade diese Fremdheit gehört zum Reiz des Buches. Es zeigt eine andere Vorstellung davon, was Literatur leisten kann: nicht vor allem Analyse, sondern Sammlung, Trost und Form.
Buchdaten
- Autor: Volkmann
- Titel: Träumereien an französischen Kaminen
- Verlag: Gröls Verlag
- Hardcover-ISBN: 9783988286673
- Softcover-ISBN: 9783988285676
Rezension von Sandrine

