
*Hummerjahre* ist ein Roman über Rückkehr, Verlust und die Frage, ob sich ein Leben auch dann noch neu ordnen lässt, wenn vieles längst festgeschrieben scheint. An der Küste von Maine treffen Erinnerungen, familiäre Erwartungen und unausgesprochene Konflikte aufeinander. Beatrix Gerstberger setzt dabei weniger auf große Wendungen als auf Stimmungen, Beziehungen und die leisen Bewegungen im Inneren ihrer Figuren.
Im Zentrum steht Mina, die mit ihrer Tochter Luca und ihren Eltern nach Eagle Island reist. Der Ort ist für mehrere Figuren eng mit früheren Erfahrungen verbunden und wird so zum Schauplatz alter Bindungen und neuer Spannungen. Nach und nach verknüpft der Roman die Perspektiven von Mina, Judith und Julie und erzählt von Verlust, Krankheit, Schuld, Nähe und dem langen Nachhallen zurückliegender Entscheidungen.
Schnell zeigt sich, dass das Buch seine Wirkung nicht aus spektakulären Ereignissen bezieht, sondern aus Veränderungen, die sich schrittweise vollziehen. Die Rückkehr nach Maine ist mehr als ein Ortswechsel: Sie bringt Verdrängtes wieder an die Oberfläche und macht sichtbar, was über Jahre fortgewirkt hat. Dadurch entsteht ein ruhiger, oft nachdenklicher Erzählton, der sich auf Zwischentöne und Beziehungsdynamiken konzentriert.
Besonders gelungen ist die Atmosphäre des Romans. Eagle Island wirkt nicht bloß als Hintergrund, sondern als prägender Erfahrungsraum. Meer, Küste und das Inselleben geben der Geschichte eine raue, nordatlantische Färbung, die gut zu ihren emotionalen Konflikten passt. Gerade in den stilleren Momenten zeigt sich, wie stark die Umgebung zur Wirkung des Buches beiträgt. Wer Romane mag, in denen ein Ort mehr ist als Kulisse, wird hier vieles finden, das im Gedächtnis bleibt.
Auch die Figuren sind überzeugend gestaltet. Die Frauen im Mittelpunkt erscheinen weder geglättet noch symbolisch überhöht, sondern widersprüchlich, verletzlich und in ihrem Handeln nicht immer eindeutig. Genau darin liegt ein Reiz des Romans. Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen früherer Nähe und späterer Distanz, zwischen Zuneigung und Verletzung werden mit viel Aufmerksamkeit beschrieben. Das verlangt beim Lesen Konzentration, belohnt aber mit einer differenzierten emotionalen Zeichnung.
Das Erzähltempo bleibt insgesamt eher gelassen. Manche Abschnitte widmen sich ausführlich Erinnerungen, Stimmungen und inneren Bestandsaufnahmen, wodurch das Buch bewusst entschleunigt wirkt. Das passt zur Grundanlage des Romans, dürfte aber nicht jede Leserin und jeden Leser gleichermaßen ansprechen. Wer vor allem auf Handlung und Zuspitzung aus ist, könnte diese Art des Erzählens als zurückhaltend empfinden. Wer sich jedoch auf den ruhigen Rhythmus einlässt, findet in *Hummerjahre* einen vielschichtigen Roman über Bindung, Veränderung und das Weiterleben mit dem, was war.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun: Erstens überzeugt der Roman durch seine markante Küstenatmosphäre, in der Landschaft und Gefühlslage eng miteinander verbunden sind. Zweitens erzählt er glaubwürdig von Familie, Verlust und dem Versuch, sich nicht dauerhaft von alten Verletzungen bestimmen zu lassen. Drittens gewinnen die Figuren gerade durch ihre Widersprüche und ihre Verletzlichkeit an Tiefe. Ein möglicher Gegenpunkt ist das ruhige Tempo: Wer eine stark handlungsgetriebene Geschichte mit deutlicher Spannungskurve erwartet, könnte die zurückgenommene, auf Innensicht ausgerichtete Erzählweise als zu verhalten wahrnehmen.
Buchdaten
- Autor: Beatrix Gerstberger
- Verlag: dtv
- Preis: 23,00 €
- ISBN: 9783423285957
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Rezension von Noel

