
Josefine Mutzenbacher ist weit mehr als ein berüchtigter Skandaltext. Der Roman irritiert, provoziert und zeigt zugleich mit auffälliger sprachlicher Sicherheit, wie eng Milieuzeichnung, Erinnerungston und kalkulierte Grenzüberschreitung hier zusammenwirken.
Josefine Mutzenbacher gehört zu jenen Büchern, deren Ruf ihnen lange vorausgeht. Wer es aufschlägt, begegnet nicht einfach einem obszönen Kuriosum, sondern einem Roman, der seine Wirkung sehr bewusst organisiert: über den Ton einer rückblickenden Lebensbeichte, über das Wiener Milieu, über drastische Konkretheit und über eine Erzählerin, die Scham fast vollständig durch Freimütigkeit ersetzt. Gerade darin liegt die eigentümliche Spannung der Lektüre. Das Buch will überrumpeln, aber es will auch erzählen, ordnen, zuspitzen. Es lebt von der Reibung zwischen derb-ausgestellter Körperlichkeit und einer erstaunlich kontrollierten erzählerischen Form. Das macht den Text nicht harmloser, wohl aber literarisch interessanter, als es sein skandalumwitterter Titel zunächst vermuten lässt.
Im Zentrum des Romans steht Josefine, die rückblickend aus ihrem Leben erzählt und dabei ihre Kindheit und frühen Erfahrungen im Wiener Milieu schildert. Das Buch ist als Erinnerungsrede angelegt: nicht als lineare Entwicklungsgeschichte im strengen Sinn, sondern als Folge von Episoden, Beobachtungen und Begegnungen, aus denen sich nach und nach ein Bild sozialer Enge, früher Prägungen und sexueller Gewöhnung ergibt. Schauplatz ist ein urbanes Umfeld, in dem Armut, beengtes Wohnen, Neugier, Gewalt, Komik und Zudringlichkeit dicht nebeneinanderliegen. Entscheidender als eine einzelne äußere Handlung ist die Perspektive der Erzählerin selbst: Sie berichtet mit entwaffnender Offenheit, oft schnoddrig, oft spöttisch, und macht gerade dadurch deutlich, wie sehr dieses Leben von frühen Grenzverschiebungen bestimmt ist.
Literarisch auffällig ist zunächst diese Stimme. Josefine spricht nicht feierlich, nicht psychologisch ausgeleuchtet, nicht moralisch reflektierend, sondern in einem Ton, der direkt, plaudernd und kalkuliert unbekümmert wirkt. Gerade diese Leichtigkeit ist ein wesentlicher Teil der Wirkung. Der Roman erzeugt Verstörung nicht allein durch das Dargestellte, sondern dadurch, dass die Erzählerin es mit solcher Selbstverständlichkeit vorträgt. Das Publikum wird dadurch in eine unangenehme Doppelrolle gebracht: Man liest weiter, weil diese Stimme Rhythmus hat, Witz besitzt und Szenen präzise setzen kann; zugleich bleibt die Distanz zum Erzählten ständig umkämpft. In dieser Reibung entwickelt das Buch seine eigentliche Formkraft.
Hinzu kommt die Milieuschilderung. Das Wien dieses Romans erscheint nicht als dekorative Kulisse, sondern als sozialer Druckraum. Wohnungen, Höfe, Gassen, Familienverhältnisse und Gelegenheitsbekanntschaften bilden ein Gefüge, in dem Intimität nie geschützt ist. Alles ist nah, durchlässig, hörbar. Der Roman bezieht daraus eine eigentümliche Dichte. Viele Szenen wirken deshalb nicht bloß provokant, sondern zugleich beobachtend: Das Buch registriert Gesten, Redensarten, Hierarchien und alltägliche Rohheiten mit einem Gespür für das Groteske. Wo andere Texte auf Empörung oder Sentimentalität setzen würden, hält dieser Roman den Ton oft nüchtern oder frech. Das kann man als Verharmlosung lesen; literarisch ist es vor allem eine Methode der Schärfung.
Dabei ist das Buch keineswegs in jeder Hinsicht leicht zugänglich. Wer eine fein ausbalancierte psychologische Entwicklung erwartet, wird hier eher auf Wiederholung, Überdeutlichkeit und serielle Zuspitzung stoßen. Der Text arbeitet weniger mit innerer Vertiefung als mit Steigerung, Variation und demonstrativer Grenzüberschreitung. Gerade darin liegt eine mögliche Sperrigkeit: Die Provokation nutzt sich stellenweise ab, weil sie zum Prinzip wird. Manche Passagen lesen sich heute auch als bewusst auf Effekt gebaut. Doch selbst dort, wo der Roman grob oder monoton zu werden droht, bleibt die Konsequenz seiner Erzählhaltung bemerkenswert. Er will nicht versöhnen, nicht veredeln, nicht nachträglich reinigen.
Ob man Josefine Mutzenbacher für einen großen Roman hält, hängt daher stark davon ab, was man von Literatur erwartet. Als sensibles Seelendrama liest sich das Buch kaum. Als kalkuliert geführter Sprechtext mit starkem Milieusinn, aggressiver Offenheit und einer genau gebauten Mischung aus Komik, Rohheit und sozialer Kälte hat es jedoch ein unverwechselbares Profil. Seine Stärke liegt nicht in moralischer Orientierung, sondern in der sprachlichen Organisation eines Blicks, der alles Verdeckte ans Licht zieht und dabei selbst nie unschuldig wirkt. Gerade diese fehlende Unschuld macht die Lektüre anstrengend, mitunter unerquicklich, aber auch literarisch schwer wegzuwischen.
Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?
Warum dieses Buch über Jahrzehnte präsent geblieben ist, hat weniger mit bloßem Skandalwert zu tun, als man zunächst annehmen könnte. Es hält sich, weil es an einer empfindlichen Schnittstelle von Literatur, Sozialmilieu, Sexualitätsdarstellung und Erzählstimme steht. Viele berüchtigte Texte altern schnell, sobald der Tabubruch historisch geworden ist. Josefine Mutzenbacher bleibt dagegen diskutierbar, weil der Roman mehr bietet als Provokation: eine einprägsame Sprecherfigur, ein scharf konturiertes Umfeld und einen Ton, der zugleich anziehend und abstoßend sein kann.
Hinzu kommt, dass das Werk Fragen aufwirft, die sich nicht bequem erledigen lassen. Wie arbeitet eine erzählte Erinnerung? Was geschieht, wenn Freimütigkeit die Funktion von Scham übernimmt? Wie hängen soziale Verhältnisse, Blickregime und sexuelle Sprache zusammen? Der Roman beantwortet solche Fragen nicht theoretisch, sondern stellt sie in seiner Machart aus. Das erklärt auch, warum er heutigen Lesern fremd oder unerquicklich erscheinen kann. Seine Derbheit, seine Kälte und seine Wiederholungslust verlangen einiges an Distanz. Doch genau diese Widerständigkeit ist ein Grund seiner anhaltenden Präsenz: Das Buch lässt sich weder harmlos lesen noch einfach beiseitelegen.
Buchdaten
- Autor: Salten
- Titel: Josefine Mutzenbacher
- Verlag: Gröls Verlag
- Hardcover-ISBN: 9783988282446
- Softcover-ISBN: 9783988281449
Rezension von Matthias

