Alles wird Asche

Mit „Alles wird Asche“ führt Nele Neuhaus ihre Taunus-Reihe in ein Umfeld, in dem wirtschaftliche Macht, persönliche Verletzungen und digitale Gegenwart eng zusammenliegen. Der Roman greift das Thema Künstliche Intelligenz auf, nutzt es aber nicht als Selbstzweck, sondern als Teil eines größeren Konfliktfeldes aus Beziehungen, Besitzfragen und verdeckten Loyalitäten.

Im Zentrum steht der zwölfte Fall für Pia Sander und Oliver von Bodenstein. Mehrere Todesfälle, die anfangs nicht sofort auf ein gemeinsames Muster schließen lassen, führen in das Umfeld des verstorbenen Unternehmers Patrick Brinkhoff. Von dort aus öffnet sich ein Geflecht aus Firmeninteressen, familiären Bindungen, alten Spannungen und verdeckten Ansprüchen. Der Roman baut seine Spannung deshalb nicht nur über die Frage nach dem Täter auf, sondern auch über die allmähliche Freilegung eines sozialen Systems, in dem fast jede Figur eigene Interessen verfolgt.

Besonders auffällig ist, wie Neuhaus das aktuelle Technikthema in eine klassische Krimistruktur einbindet. Künstliche Intelligenz erscheint hier nicht als spektakulärer Zukunftseffekt, sondern als Teil einer Gegenwart, in der Einfluss, Selbstdarstellung und Abhängigkeiten neue Formen annehmen. Entscheidend ist aber, dass der Roman seine Konflikte letztlich aus menschlichen Motiven bezieht: gekränkter Stolz, Gier, Verlust, Konkurrenz und das Bedürfnis nach Kontrolle treiben die Handlung stärker an als die Technik selbst.

Wie in der Reihe häufiger arbeitet die Autorin mit vielen Figuren, Perspektiven und Verbindungslinien. Dadurch entsteht ein breites Bild des Milieus, in dem Reichtum, Status und private Geschichte eng aufeinanderwirken. Das macht den Reiz des Buches aus, fordert aber auch Aufmerksamkeit. Beziehungen, frühere Verletzungen und wechselnde Verdachtsmomente werden Schritt für Schritt zusammengeführt. Leserinnen und Leser, die komplexe Konstruktionen mögen, finden hier viel Material zum Mitdenken; wer einen sehr geradlinigen Fall erwartet, braucht etwas Geduld.

Pia Sander und Oliver von Bodenstein stehen dabei als verlässliche Mitte des Romans. Sie werden nicht als übergroße Ausnahmefiguren inszeniert, sondern als sachliche Ermittler, die Ordnung in ein zunehmend unübersichtliches Geschehen bringen. Gerade diese zurückgenommene Anlage passt gut zum Ton des Buches. Das Interesse liegt stärker auf den Verhältnissen zwischen den Beteiligten als auf spektakulären Eigenkrisen des Ermittlerteams. So bleibt die Reihe auch in einem aktuellen Stoff erkennbar bei ihrer klassischen Grundhaltung.

Stilistisch setzt Neuhaus auf klare Sprache und einen gut lesbaren Erzählfluss. Die kurzen Verschiebungen in Perspektive und Verdachtslage halten die Bewegung der Handlung aufrecht, auch wenn der Roman sich immer wieder Zeit für Milieu, Vorgeschichte und Beziehungskonflikte nimmt. Das verleiht der Geschichte Substanz, führt aber dazu, dass nicht jede Passage gleich straff wirkt. Vor allem in der Mitte macht sich der Umfang bemerkbar, weil manche Entwicklungen ausführlicher entfaltet werden, als es für den Spannungsbogen allein nötig wäre.

Insgesamt ist „Alles wird Asche“ daher eher ein weit ausgreifender Kriminalroman als ein reiner Tempothriller. Das Buch interessiert sich ebenso für Machtverhältnisse, familiäre Dynamiken und soziale Abhängigkeiten wie für die eigentliche Auflösung des Falls. Gerade in dieser Verbindung aus aktuellem Rahmen und vertrauten menschlichen Konflikten liegt seine Stärke. Nicht jeder Einfall überrascht, doch der Roman überzeugt über weite Strecken durch seine solide Konstruktion, seine dichte Verknüpfung der Figuren und das sichere Gespür für ein Milieu, in dem hinter äußerer Ordnung vieles in Bewegung geraten ist.

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Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun

Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun: Erstens verbindet der Roman einen klassischen Ermittlungsfall mit einem aktuellen digitalen Umfeld und bleibt dabei klar als Krimi lesbar. Zweitens lebt das Buch von seinem vielschichtigen Figurenfeld, in dem Familie, Vermögen, Eitelkeit und alte Konflikte eng miteinander verzahnt sind. Drittens bietet das vertraute Ermittlerduo für Reihenleser erneut eine ruhige und verlässliche Perspektive durch einen komplexen Fall. Ein möglicher Einwand bleibt jedoch: Wer kurze, sehr stringente Krimis bevorzugt, könnte die große Zahl an Figuren und die ausführliche Ausarbeitung einzelner Handlungsstränge stellenweise als zu umfangreich empfinden.

Buchdaten

  • Autor: Nele Neuhaus
  • Verlag: Ullstein
  • Preis: 26,00 €
  • ISBN: 9783550202261

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Rezension von Sandrine