Seltsame Sally Diamond

Liz Nugent eröffnet den Roman mit einer verstörenden Situation, nutzt sie aber nicht nur als Provokation, sondern als Einstieg in eine vielschichtige Erzählung über Vereinsamung, Prägung und die Frage, wie ein Mensch mit einer beschädigten Vergangenheit überhaupt ein eigenes Leben aufbauen kann. *Seltsame Sally Diamond* ist unbequem, finster und zugleich bemerkenswert aufmerksam gegenüber seiner Hauptfigur.

Sally hat lange zurückgezogen mit ihrem Vater gelebt und bewegt sich in ihrer Umgebung eher am Rand als wirklich mitten unter anderen Menschen. Nach seinem Tod führt ein verhängnisvolles Missverständnis dazu, dass sie plötzlich im Blickfeld der Öffentlichkeit steht. Von diesem Moment an dringen Erwartungen, Urteile und neue Kontakte in ein Leben ein, das bisher von Abschottung bestimmt war. Gleichzeitig häufen sich Anzeichen dafür, dass in Sallys früher Geschichte Dinge verborgen liegen, die noch immer nachwirken.

Die große Stärke des Romans liegt weniger in atemloser Handlung als in der genauen Beobachtung seiner Titelfigur. Sally nimmt vieles wörtlich, reagiert direkt und besitzt kaum Schutzroutinen für soziale Situationen. Gerade daraus entsteht eine eigenartige Mischung aus Verletzlichkeit, Komik, Irritation und Spannung. Man verfolgt nicht einfach eine Außenseiterfigur von außen, sondern bekommt ein Gefühl dafür, wie anstrengend, missverständlich und manchmal bedrohlich selbst gewöhnliche Begegnungen für sie sein können.

Sprachlich bleibt Liz Nugent klar und kontrolliert. Der Roman sucht nicht die große stilistische Geste, sondern entwickelt seine Wirkung aus Präzision und Zurückhaltung. Das passt zum Stoff: Die Folgen von Gewalt, Vernachlässigung und Scham werden nicht ausgestellt, sondern Schritt für Schritt freigelegt. Gerade diese unaufgeregte Erzählweise macht viele Szenen besonders unangenehm, weil sie das Entsetzliche nicht dramatisch auflädt, sondern in seiner langen Nachwirkung sichtbar macht.

Interessant ist auch, wie die Erzählung verschiedene Perspektiven und Zeitebenen nutzt, um Sallys Gegenwart allmählich mit ihrer Herkunft zu verschränken. Die Spannung entsteht dadurch nicht nur aus der Frage, was früher geschehen ist, sondern auch daraus, wie Erinnerungslücken, Fremdbilder und vorsichtige Selbsterkenntnis zusammenwirken. So wird deutlich, dass Gewalt nicht mit dem eigentlichen Ereignis endet, sondern Denken, Beziehungen und Alltagsverhalten über Jahre formen kann.

Nicht jeder wird diese Anlage im gleichen Maß schätzen. Wer vor allem einen schnell getakteten Thriller mit dauernden Wendungen sucht, könnte das Tempo stellenweise als zurückgenommen empfinden. Die Figurenarbeit steht klar im Vordergrund, und manche Entwicklungen entfalten ihre Wirkung eher langsam als spektakulär. Hinzu kommt, dass der Roman schwere Themen ohne große Abfederung behandelt und damit eine gewisse emotionale Belastbarkeit voraussetzt.

Gerade deshalb bleibt Sally so stark in Erinnerung. Sie ist keine gefällige Identifikationsfigur und keine schematische Heldin des Überlebens. Liz Nugent zeichnet vielmehr eine Frau, die sich soziale Nähe, Vertrauen und ein Bild von sich selbst erst mühsam erarbeiten muss. Daraus entsteht ein Roman, der düster und verstörend sein kann, am Ende aber vor allem von Würde, Beschädigung und dem schwierigen Wunsch nach Zugehörigkeit erzählt.

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Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun

Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun: Erstens steht mit Sally eine ungewöhnliche Hauptfigur im Zentrum, die den Roman durch ihre direkte, oft unbeholfene und zugleich sehr einprägsame Wahrnehmung trägt. Zweitens verbindet das Buch psychologische Spannung mit einer genauen Darstellung von Isolation, Beschämung und den langfristigen Folgen früher Gewalt. Drittens entwickelt sich die Geschichte so, dass sich Vergangenheit und Gegenwart nach und nach ineinanderschieben und dadurch eine beständige innere Unruhe erzeugen. Dagegen spricht vor allem eines: Wer sehr empfindlich auf Themen wie Missbrauch, Traumafolgen und emotionale Härte reagiert oder eher ein temporeiches Thrillererlebnis erwartet, wird diesem Roman womöglich nur mit Distanz begegnen.

Buchdaten

  • Autor: Liz Nugent
  • Verlag: Gutkind
  • Preis: 16,00 €
  • ISBN: 9783690450225

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Rezension von Noel