Unter Toten

„Unter Toten“ erzählt keinen Effekthriller, sondern einen Kriminalroman, der seine Spannung aus Vergangenheit, Beharrlichkeit und persönlicher Beteiligung gewinnt. Im Mittelpunkt steht eine Untersuchung, bei der sich nach und nach zeigt, dass ältere Ereignisse keineswegs abgeschlossen sind. Gerade die Verbindung aus nüchterner Polizeiarbeit, Milieubeobachtung und Rückblicken auf frühere Stationen von Julia Durant verleiht dem Buch seine eigene Stimmung.

Am Anfang steht ein Todesfall, aus dem sich bald eine deutlich größere und weiter zurückreichende Ermittlung entwickelt. Was zunächst wie ein begrenzter Vorgang wirkt, öffnet den Blick auf ältere Spuren, verschwundene Personen und Kontakte in Frankfurter Randzonen. Dabei führt der Roman nicht nur durch verschiedene soziale Umfelder, sondern auch zu Geschehnissen, die mit Durants frühen Berufsjahren verknüpft sind. So entsteht ein Fall, in dem Gegenwart und Vergangenheit einander ständig kommentieren.

Auffällig ist vor allem, wie stark die persönliche Ebene der Hauptfigur in diesen Band hineinwirkt. Die Rückbezüge dienen nicht bloß dazu, der Figur etwas Hintergrund zu geben, sondern verändern die Wirkung der gesamten Ermittlung. Das macht die Geschichte weniger schematisch als viele Reihenkrimis, in denen die private oder berufliche Vorgeschichte nur am Rand mitläuft. Hier wird spürbar, dass alte Erfahrungen nachwirken und Ermittlungen nicht immer sauber von früheren Prägungen zu trennen sind.

Der Roman nimmt sich Zeit für seine Entwicklung. Statt permanent neue Schockmomente zu setzen, legt er Verbindungen schrittweise offen und baut seine Spannung aus Erinnerungen, Hinweisen und Verschiebungen in der Wahrnehmung auf. Das verlangt eine gewisse Aufmerksamkeit, weil nicht jede Wirkung aus unmittelbarer Action entsteht. Gerade dieses überlegte Erzähltempo passt aber gut zu einem Stoff, der von Verdrängung, Schweigen und lange verdeckten Zusammenhängen handelt.

Auch der Schauplatz ist mehr als nur Hintergrund. Frankfurt erscheint als Stadt mit sehr unterschiedlichen sozialen Räumen, in denen Macht, Abhängigkeit und Unsichtbarkeit eng beieinanderliegen. Besonders die Milieus am Rand der bürgerlichen Oberfläche werden nicht nur als dekorative Kulisse benutzt, sondern als Teil der Bedingungen, unter denen Gewalt möglich bleibt. Dadurch interessiert sich das Buch nicht allein für die Auflösung des Falls, sondern auch für die Strukturen, die Taten begünstigen oder über Jahre verdecken.

Julia Durant bleibt die klare Mitte des Romans. Zugleich wirkt sie hier nicht nur als erfahrene Ermittlerin, sondern als Figur, die von früheren beruflichen Erfahrungen mitgeprägt wurde. Das gibt ihr zusätzliche Tiefe und sorgt dafür, dass die Ermittlungen emotional stärker aufgeladen sind als in einem rein funktionalen Polizeiplot. Leserinnen und Leser, die die Reihe bereits kennen, werden diese Nuancen vermutlich besonders schätzen. Der Einstieg gelingt aber auch ohne umfassende Vorkenntnisse, weil die wichtigsten Beziehungen und Spannungen verständlich bleiben.

Ganz ohne Einwände ist das nicht. Die Verzahnung von länger zurückliegenden Ereignissen und aktueller Ermittlungsarbeit wirkt an einzelnen Stellen etwas stark arrangiert, und das Erzähltempo bleibt bewusst eher gleichmäßig als gehetzt. Wer einen Thriller erwartet, der fast ausschließlich über Tempo funktioniert, könnte das als zu zurückhaltend empfinden. Als Kriminalroman über späte Folgen, hartnäckige Erinnerung und das Wiederauftauchen verschütteter Zusammenhänge entwickelt „Unter Toten“ jedoch ein eigenes, durchaus markantes Profil.

Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun

Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun: Erstens lebt der Roman davon, dass ein aktueller Fall nach und nach in deutlich ältere Zusammenhänge hineinführt und so mehr Gewicht bekommt als ein reines Gegenwartsrätsel. Zweitens gewinnt Julia Durant zusätzliche Tiefe, weil frühere Erfahrungen hier nicht bloß erwähnt, sondern spürbar in die Handlung eingebunden werden. Drittens entsteht ein stimmiges Bild von Frankfurt als Schauplatz, dessen verborgene Bereiche für die Geschichte entscheidend sind. Ein möglicher Gegenpunkt: Das Buch setzt eher auf sorgfältigen Aufbau als auf pausenlosen Adrenalindruck, was nicht jeder Lesegeschmack gleichermaßen bevorzugt.

Buchdaten

  • Autor: Andreas Franz, Daniel Holbe
  • Verlag: Knaur
  • Preis: 12,99 €
  • ISBN: 9783426529270

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Rezension von Flora