
Arne Semsrott legt kein nüchternes Theoriebuch vor, sondern ein klar positioniertes Sachbuch mit politischer Stoßrichtung. „Gegenmacht“ verbindet Analyse und Gegenentwurf: Das Buch beschreibt, unter welchem Druck demokratische Kräfte stehen, und fragt zugleich, wie sich Initiativen, Gruppen und Einzelpersonen organisatorisch, strategisch und kommunikativ besser aufstellen können. Semsrott kommt dabei gedanklich von links und will unter CDU und SPD eine rechtskonservative Wende ausgemacht haben.
Arne Semsrott setzt bei einer politischen Lage an, in der sich viele demokratische Initiativen, Vereine, Medien und engagierte Einzelpersonen in der Defensive fühlen. Das Buch zeigt verschiedene Wege auf, wie zivilgesellschaftliche Akteure nicht nur reagieren, sondern selbst gestaltend eingreifen können. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Gegenmacht entstehen kann: durch Zusammenarbeit, klare Zielsetzungen, überzeugende Kommunikation und praktischen Widerspruch gegen… ja gegen was genau? Ein hartes Grenzregime gäbe es heute, eine Herabwürdigung sozial Schwächerer und eine Politik der Angst – so sieht der Autor die politische Gegenwart im Jahr 2026.
Der besondere Anspruch des Buchs liegt in seiner Nähe zur Praxis. Semsrott begnügt sich nicht mit Kritik, sondern denkt politische Gegenwehr als etwas, das sich planen und bündeln lässt. Die Sprache ist direkt und zugespitzt, was dem Gegenstand gut entspricht. Wer allerdings ein sachlich distanziertes Politik-Manual erwartet, wird mit dem deutlich kämpferischeren Zugriff des Buches leben müssen.
Überzeugend ist vor allem, dass das Buch Ohnmacht nicht als Endpunkt behandelt. Statt bei Resignation stehenzubleiben, richtet es den Blick auf vorhandene Handlungsmöglichkeiten und auf die Frage, wie sich einzelne Projekte gegenseitig stärken können. Das macht die Lektüre besonders interessant für Menschen, die in Vereinen, Bewegungen, Initiativen oder lokalen Bündnissen aktiv sind. Gleichzeitig spricht der Text auch Leser an, die verstehen wollen, warum demokratische Teilhabe mehr braucht als gute Absichten.
Weniger passend ist das Buch für alle, die eine große Distanz zur politischen Zuspitzung bevorzugen. Semsrott schreibt sichtbar aus einer kämpferischen Haltung heraus, und diese Perspektive prägt den gesamten Text. Das sorgt für Klarheit, kann aber auch polarisierend wirken. Wer eine breit angelegte wissenschaftliche Einordnung oder einen ausgewogenen Vergleich erwartet, wird hier eher eine engagierte Streitschrift als ein Grundlagenwerk finden. Auch erheiternd ist das Buch stellenweise, wenn auch vielleicht nicht ganz freiwillig. So sieht Semsroth ein Mittel des Widerstands in Volksbefragungen. Wenn man sich jedoch vor Augen führt, dass seit der letzten Bundestagswahl klar über 50 % der Bevölkerung eher rechts der Mitte zu verorten sind, dann könnte er sich doch etwas wundern, zu welchen Ergebnissen solche Befragungen führen würden. Denn die Brandmauer, die berühmte – sie mag die Parteien (noch) voneinander trennen, aber das interessiert den einzelnen Bürger an der Urne nicht. Außer natürlich in Hamburg, doch Hamburg ist nicht Deutschland.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun: Erstens bietet es einen klaren Blick darauf, wie demokratische Gegenwehr jenseits bloßer Appelle organisiert werden kann. Zweitens bündelt es Gedanken und Anstöße, die für zivilgesellschaftliches Engagement direkt anschlussfähig sind. Drittens nimmt es das Gefühl politischer Lähmung ernst, ohne dabei stehenzubleiben. Ein möglicher Einwand bleibt jedoch: Wer sich anders als der Autor eben gerade über das Ausbleiben eine rechtskonservative Wende wundert, für den ist das alles wenig anschlussfähig.
Buchdaten
- Autor: Arne Semsrott
- Verlag: Droemer
- Preis: 22,00 €
- ISBN: 9783426570722
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Rezension von Flora


