
Mit *Leben mit AuDHS* widmet sich Florian Malicke einem Thema, das für viele Erwachsene erst spät klar konturiert wird: dem gleichzeitigen Erleben von Autismus und ADHS. Das Buch möchte Orientierung bieten, ohne vorschnelle Vereinfachungen zu liefern. Besonders interessant wird es dort, wo widersprüchliche Erfahrungen nicht geglättet, sondern nachvollziehbar beschrieben werden.
Das Sachbuch konzentriert sich auf AuDHS im Erwachsenenalter und erklärt, wie sich autistische und ADHS-bezogene Anteile im Alltag gegenseitig beeinflussen können. Dabei bleibt es nicht bei Grundbegriffen stehen, sondern richtet den Blick auf typische Belastungen und Missverständnisse, die aus dieser Überschneidung entstehen. Themen wie Bedürfnis nach Struktur, Reizoffenheit, Erschöpfung, soziale Anforderungen und Selbstorganisation werden so aufbereitet, dass sowohl Betroffene als auch Angehörige und allgemein Interessierte einen Zugang finden können.
Bemerkenswert ist die Art, wie Malicke erklärt: nicht trocken und abstrakt, sondern eng an Situationen, die im Alltag wiedererkennbar wirken. Das Buch ordnet Begriffe ein, ohne sich in Fachsprache zu verlieren, und verbindet seine Erläuterungen immer wieder mit erlebbaren Spannungen. Gerade bei einem Feld, das häufig missverstanden oder auf wenige Merkmale verkürzt wird, ist diese Herangehensweise hilfreich. Der Text zielt weniger auf endgültige Festlegungen als auf ein genaueres Verständnis der inneren Dynamik von AuDHS.
Eine besondere Stärke liegt in der Beschreibung von Gegensätzen, die viele Menschen mit AuDHS prägen können. Das Bedürfnis nach Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit kann neben Impulsivität, innerer Unruhe oder dem Wunsch nach Abwechslung bestehen. Aus solchen Gegenzügen entstehen Reibungen, die von außen oft widersprüchlich wirken, für Betroffene aber den Alltag stark bestimmen. Das Buch nimmt diese Spannungen ernst und macht deutlich, warum einfache Ratschläge häufig zu kurz greifen.
Sprachlich bleibt der Ratgeber zugänglich und lesefreundlich. Das erhöht die Verständlichkeit, auch wenn manche Leserinnen und Leser sich an einzelnen Punkten mehr fachliche Tiefe oder eine stärker wissenschaftlich ausgearbeitete Darstellung wünschen könnten. Für die Zielsetzung des Buches ist dieser Stil jedoch stimmig: Es möchte einordnen, entlasten und Orientierung geben, statt primär eine akademische oder klinische Fachdiskussion zu führen. Gerade dadurch eignet es sich gut für Menschen, die einen ersten fundierten Zugang zum Thema suchen.
Besonders nützlich ist das Buch dort, wo es die Auswirkungen auf die Lebensführung mitdenkt. Es geht nicht nur um Merkmale oder Begriffe, sondern auch um soziale Reibungen, Überforderung, Routinen, Selbstorganisation und den Druck scheinbar einfacher Alltagsaufgaben. Für Angehörige kann das hilfreich sein, weil Konflikte verständlicher werden, ohne vorschnell zu bewerten. Für Betroffene wiederum bietet der Text an vielen Stellen Wiedererkennung, ohne daraus ein starres Schema zu machen.
Völlig grenzenlos ist der Nutzen des Ratgebers dennoch nicht. Wer bereits sehr tief im Thema steckt oder ein umfassend wissenschaftlich belegtes Fachbuch mit breiter Studiengrundlage sucht, wird hier eher eine praxisnahe als eine systematisch-akademische Darstellung vorfinden. Die Stärke des Buches liegt weniger in Vollständigkeit als in seiner Fähigkeit, ein komplexes Thema in klare und nachvollziehbare Sprache zu übertragen. Gerade als Verbindung zwischen Selbsterleben, sozialem Umfeld und grundlegender Wissensvermittlung erfüllt es damit eine sinnvolle Rolle.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Für dieses Buch spricht erstens der deutliche Fokus auf das Erwachsenenalter, in dem AuDHS oft in besonders widersprüchlicher Weise erlebt wird und deshalb eine präzise, aber verständliche Einordnung hilfreich ist. Zweitens überzeugt die zugängliche Sprache, die auch ohne großes Vorwissen einen Einstieg ermöglicht. Drittens ist der alltagsnahe Zugriff ein Pluspunkt: Der Ratgeber bleibt nicht bei Begriffserklärungen stehen, sondern macht typische Belastungen, Reibungen und Missverständnisse anschaulich. Eher zurückhaltend sollte man zugreifen, wenn man vor allem eine stark fachwissenschaftliche, diagnostisch sehr detaillierte oder besonders studienorientierte Darstellung erwartet, denn darauf ist das Buch erkennbar nicht in erster Linie ausgerichtet.
Buchdaten
- Autor: Florian Malicke
- Verlag: Yes Publishing
- Preis: 18,00 €
- ISBN: 9783969054291
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Rezension von Sandrine

