Elf Jahre hat Leonhard Hagebucher in Afrika in Gefangenschaft und Sklaverei verbracht. Als er endlich nach Deutschland zurückkehrt, könnte man einen klassischen Abenteuerroman erwarten: Der Verschollene kommt heim, erzählt von fremden Ländern und wird von der Familie erleichtert aufgenommen. Wilhelm Raabe macht nahezu das Gegenteil daraus. Die afrikanischen Abenteuer sind größtenteils bereits vorbei, als der Roman beginnt. Das eigentliche Abenteuer ist die Heimkehr. Hagebucher entdeckt ein Deutschland der Kleinstaaterei, Bürokratie, gesellschaftlichen Enge und moralischen Selbstzufriedenheit, in dem der Heimgekehrte bald wieder zum Außenseiter wird. Abu Telfan oder Die Heimkehr vom Mondgebirge von 1867 ist deshalb weniger ein Afrikaroman als eine bittere und häufig sehr komische Satire auf die Heimat. Wer elf Jahre Sklaverei überstanden hat, stellt ausgerechnet in Bumsdorf und Nippenburg fest, dass Freiheit komplizierter sein kann als erwartet.
Leonhard Hagebucher ist 27 Jahre alt, als er seine Heimat verlässt. Er hat in Leipzig studiert und bricht nach Ägypten auf, von wo aus er immer weiter ins afrikanische Landesinnere gerät. 1848 fällt er in die Gewalt der Baggara und wird schließlich nach Abu Telfan im Königreich Darfur verkauft. Dort verbringt er elf Jahre in Gefangenschaft. Erst der Tierhändler Kornelius van der Mook kauft ihn frei. Über Darfur, Kordofan und Chartum gelangt Hagebucher wieder in die Welt europäischer Verkehrswege und schließlich zurück nach Deutschland. Raabe selbst warnt allerdings bereits im Vorwort davor, diese Geografie allzu ernst zu nehmen: Abu Telfan und das „Tumurkieland“ solle niemand auf der Afrikakarte suchen, und selbst das geheimnisvolle Mondgebirge behandelt er mit demonstrativer Ironie. Der Roman benutzt Afrika viel stärker als Gegenraum und Projektionsfläche, als dass er eine realistische Darstellung des Kontinents bieten wollte.
Der Mann aus Afrika landet wieder in Deutschland
Die eigentliche Geschichte beginnt mit Hagebuchers Rückreise. Im Mai 1860 landet der von Alexandria kommende Dampfer in Triest, und der Heimkehrer trägt sich im Fremdenbuch mit der bemerkenswerten Berufsbezeichnung „Kriegsgefangener“ ein. Es folgt eine Reise über Wien, Prag, Dresden und Leipzig, begleitet von misstrauischen Beamten, Passkontrollen und Raabes Spott über die deutsche und österreichische Bürokratie. Hagebucher ist jahrelang außerhalb Europas gewesen, und kaum hat er europäischen Boden betreten, muss er sich wieder in einer Welt zurechtfinden, die Menschen zuverlässig in Akten, Zuständigkeiten und gesellschaftliche Kategorien einsortieren möchte.
Von dort kehrt er in den fiktiven kleinen deutschen Staat seiner Herkunft zurück, in das Dorf Bumsdorf bei der Residenzstadt Nippenburg. Sein Vater, der pensionierte Steuerinspektor Hagebucher, hat den Sohn längst für tot gehalten. Zunächst sorgt die Rückkehr entsprechend für Aufsehen. Ein Verschollener, der aus dem geheimnisvollen Afrika wieder auftaucht, eignet sich hervorragend für Neugier, Sensation und gesellschaftliche Unterhaltung. Schwieriger wird es, sobald Leonhard nicht mehr nur als exotischer Heimkehrer herumgezeigt werden kann, sondern wieder einen Platz in dieser Gesellschaft beanspruchen müsste.
Denn Hagebucher passt nicht mehr hinein. Elf Jahre in der Fremde haben ihm die heimischen Konventionen nicht wertvoller, sondern fremder gemacht. Die Bumsdorfer und Nippenburger hingegen erwarten, dass der verlorene Sohn möglichst schnell wieder zu dem Menschen wird, der er nach ihrer Vorstellung sein sollte. Er soll eine angemessene Stellung annehmen, sich vernünftig verhalten und die Regeln seiner Herkunft wieder akzeptieren. Weil er dazu nicht bereit oder nicht fähig ist, schlägt die anfängliche Bewunderung allmählich in Ablehnung um. Der „Afrikaner“ wird zum Störfall.
An dieser Stelle macht Raabe seine Absicht selbst ungewöhnlich deutlich. Der Erzähler erklärt schon früh, ursprünglich habe man sich natürlich ausführlich mit Hagebuchers afrikanischen Abenteuern beschäftigen können: Gorillas, Tsetsefliegen, Nil, Wüsten und andere exotische Attraktionen hätten genug Stoff geliefert. Doch je besser man den Heimkehrer kennengelernt habe, desto klarer sei geworden, dass er seine eigentlichen Abenteuer nicht in Afrika, sondern in Deutschland erlebt habe. Damit dreht Raabe den klassischen Abenteuerroman um. Die Ferne liefert die Vorgeschichte; das scheinbar harmlose Zuhause wird zum unbekannten Kontinent.
Bumsdorf kann gefährlicher sein als das Mondgebirge
Hier liegt die Stärke der alten Kurzrezension. Hagebucher hat Gefangenschaft, Entbehrung und jahrelange Fremde überlebt und wird nun ausgerechnet vom deutschen Provinzleben zermürbt. Die Frage „Wo war er besser aufgehoben?“ ist natürlich eine groteske Übertreibung. Raabe behauptet nicht ernsthaft, Sklaverei sei angenehmer als ein deutsches Dorf. Aber er nutzt die extreme Vorgeschichte, um die Selbstzufriedenheit der Heimat lächerlich zu machen. Eine Gesellschaft, die sich selbstverständlich für zivilisiert hält, kann einen Menschen ebenfalls einengen, erniedrigen und ausstoßen – nur mit anderen Mitteln.
Das deutsche Provinzmilieu besteht bei Raabe keineswegs nur aus bösen Menschen. Gerade das macht die Satire wirksam. Die Figuren folgen Gewohnheiten, Standesvorstellungen, finanziellen Interessen und Vorstellungen davon, was sich gehört. Der einzelne Mensch mag dabei durchaus freundlich sein; gemeinsam entsteht dennoch eine Welt, in der Abweichungen schwer ertragen werden. Hagebuchers größtes Problem besteht deshalb nicht darin, dass alle ihn hassen. Es besteht darin, dass fast jeder schon zu wissen glaubt, was aus ihm werden müsste.
Die deutsche Kleinstaaterei spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Handlung setzt kurz nach den gescheiterten Revolutionen von 1848/49 ein, in einer politischen Welt, in der Deutschland noch aus vielen Staaten besteht und liberale Hoffnungen auf nationale Einheit und gesellschaftlichen Aufbruch weitgehend enttäuscht worden sind. Raabe verwandelt diese historische Ernüchterung nicht in einen politischen Thesenroman. Stattdessen steckt sie in Ortsnamen, Beamten, gesellschaftlichen Ritualen und jener eigentümlichen Mischung aus Behaglichkeit und Erstarrung, die Hagebucher überall begegnet.
Das „Spießbürgertum“ des alten Textes trifft deshalb etwas Reales, ist aber fast zu grob. Raabe verspottet nicht einfach kleine Leute, weil sie beschränkt wären. Er interessiert sich für eine ganze Kultur der Selbstgenügsamkeit: für Menschen, die ihre kleine Welt für vernünftig halten, weil sie sich innerhalb ihrer Grenzen gut eingerichtet haben. Hagebucher bringt allein durch seine Existenz eine andere Erfahrung in diese Ordnung. Er hat gesehen, dass die Welt größer ist als Nippenburg – und kann deshalb nicht mehr ganz so tun, als seien deren Regeln Naturgesetze.
Ein Anti-Abenteuerroman voller Abschweifungen
Wer Abu Telfan wegen Sklavenhändlern, Wüstenreisen und afrikanischen Abenteuern aufschlägt, könnte deshalb zunächst enttäuscht sein. Raabe erzählt die elf Jahre in Afrika überwiegend rückblickend und fragmentarisch. Das eigentliche Geschehen spielt in Deutschland. Dort verknüpft sich Hagebuchers Geschichte mit einer ganzen Reihe weiterer Figuren und Schicksale. Sein Befreier Kornelius van der Mook taucht später erneut auf und erweist sich als Viktor von Fehleysen, dessen eigene Vorgeschichte wiederum eng mit Deutschland, seiner Familie und der geheimnisvollen Katzenmühle verbunden ist. Auch Hagebuchers Onkel Wassertreter, Professor Reihenschlager, Leutnant Kind, die Frauen der Katzenmühle und zahlreiche andere Figuren ziehen den Heimkehrer immer tiefer in die Geschichten der vermeintlich so überschaubaren Heimat hinein.
Damit entsteht ein typischer Raabe-Roman: Die Hauptstraße der Handlung wird ständig von Nebenwegen gekreuzt. Figuren erzählen ihre Vergangenheit, der Erzähler mischt sich ein, kommentiert seine eigene Arbeit und macht sich über literarische Erwartungen lustig. Schon zu Beginn erklärt er ausführlich, wie gern er aus Hagebuchers Geschichte einen konventionellen exotischen Abenteuerroman gemacht hätte. Solche Kommentare können äußerst komisch sein, verlangsamten aber natürlich auch die Handlung.
Gerade hier entscheidet sich, ob man Raabes Stil mag. Der alte Text sagt freundlich, man solle „nicht kleinlich“ sein. Das trifft das Problem gar nicht schlecht. Raabe schreibt nicht mit der Klarheit und Geradlinigkeit eines modernen Unterhaltungsromans. Er liebt Abschweifungen, verschachtelte Sätze, ironische Übertreibung und direkte Ansprachen an den Leser. Manchmal wirkt es, als sitze ein sehr gebildeter, sehr gesprächiger Erzähler neben einem und erzähle eine Geschichte, die er permanent unterbricht, weil ihm noch eine bessere Geschichte dazu eingefallen ist.
Das kann anstrengend sein. Es ist aber zugleich ein wesentlicher Teil des Vergnügens. Abu Telfan lebt nicht nur davon, was Hagebucher erlebt, sondern davon, wie Raabe darüber erzählt. Der Erzähler behauptet immer wieder, historische Wahrheit und sorgfältige Dokumentation zu liefern, während er gleichzeitig offen zugibt, dass ihm Akten fehlen, Orte erfunden sind und seine Fantasie einspringen muss. Der Roman parodiert damit sogar den Anspruch, eine ordentliche, lückenlose Lebensgeschichte erzählen zu können.
Fremde, Heimat und ein erstaunlich moderner Heimkehrer
Hagebucher gehört zu einer alten literarischen Figurengruppe: den Heimkehrern. Schon die Odyssee erzählt davon, dass Rückkehr nicht einfach bedeutet, dort weiterzumachen, wo man aufgehört hat. Wer lange fort war, hat sich verändert; gleichzeitig ist die Heimat nicht stehen geblieben. Raabe verschärft dieses Problem dadurch, dass Hagebucher mehr als ein Jahrzehnt in einer vollkommen anderen Lebenswelt verbracht hat. Er kehrt biologisch in dasselbe Land zurück, kulturell jedoch als Fremder.
Die Umwelt bezeichnet ihn entsprechend immer wieder als „Afrikaner“. Das ist ironisch, denn Hagebucher ist Deutscher. Aber nach elf Jahren Fremde wird er von seinen Landsleuten wie ein exotisches Wesen betrachtet. Genau dadurch kann er Deutschland mit einem Blick sehen, der den Daheimgebliebenen fehlt. Gewohnheiten, die für sie selbstverständlich sind, erscheinen ihm plötzlich merkwürdig. Der Heimkehrer wird zum ethnografischen Beobachter seiner eigenen Gesellschaft. Das ist wahrscheinlich der modernste Aspekt des Romans. Menschen, die lange in einer anderen Kultur gelebt haben, kennen bis heute das merkwürdige Gefühl, nach Hause zurückzukehren und festzustellen, dass „Zuhause“ nicht mehr vollständig funktioniert. Dinge, die früher selbstverständlich waren, wirken plötzlich fremd; gleichzeitig behandelt die alte Umgebung den Rückkehrer so, als müsse er einfach wieder der frühere Mensch werden. Raabe macht aus diesem Zustand eine Komödie, aber die Erfahrung dahinter ist ernst.
Allerdings sollte man die Afrika-Darstellung aus heutiger Sicht nicht unkritisch übernehmen. Afrika ist weitgehend eine europäische Fantasiefläche. Schon die Namen Abu Telfan und Tumurkieland sind erfunden, und Raabe spielt im Vorwort offen damit. Zugleich verwendet der Roman zeittypische exotisierende und rassistische Bezeichnungen, die für heutige Leser deutlich auffallen. Afrikanische Figuren erhalten nicht dieselbe psychologische Tiefe wie die deutsche Gesellschaft, und der Kontinent dient wesentlich dazu, Hagebuchers Fremdheit und die deutsche Selbsttäuschung sichtbar zu machen.
Das ist eine klare Grenze des Romans. Man kann Raabes Satire auf europäische Selbstgewissheit würdigen, ohne daraus rückwirkend einen antikolonialen Autor nach heutigen Maßstäben zu machen. Abu Telfan interessiert sich letztlich sehr viel stärker für die Deutschen als für Afrika.
Freiheit, Zivilisation und die Frage, wo man eigentlich hingehört
Damit wird auch die zugespitzte Frage des alten Textes interessanter: Ist Hagebucher in Afrika oder in Deutschland besser aufgehoben? Wörtlich genommen ist die Antwort selbstverständlich. Elf Jahre Gefangenschaft und Sklaverei sind keine Alternative zum deutschen Provinzleben. Raabe stellt eine andere Frage: Reicht die Abwesenheit körperlicher Unfreiheit bereits aus, um einen Menschen frei zu machen? Hagebucher kommt in eine Gesellschaft zurück, die über sein Leben verfügen möchte, ohne dies selbst als Zwang wahrzunehmen. Familie, Beruf, gesellschaftlicher Rang und öffentlicher Ruf bilden ein Netz von Erwartungen. Niemand besitzt ihn wie einen Sklaven, aber jeder möchte einen Teil seiner Biografie für ihn festlegen. Gerade nach seiner extremen Vergangenheit reagiert er darauf empfindlicher als Menschen, die diese Regeln nie verlassen haben.
Interessant ist dabei auch Kornelius van der Mook beziehungsweise Viktor von Fehleysen. Der Mann, der Hagebucher aus der Sklaverei freikauft, ist selbst ein Flüchtling aus der deutschen Gesellschaft und trägt seine eigenen familiären und moralischen Verstrickungen mit sich herum. Afrika wird so für beide Männer weniger zum Ort einer erfolgreichen Expansion als zum Raum der Flucht. Sie gehen hinaus und kehren beschädigt zurück. Das ist ein bemerkenswerter Gegenakzent zu jener Abenteuerliteratur des 19. Jahrhunderts, in der die außereuropäische Welt vor allem zur Bühne männlicher Bewährung und Eroberung wird.
Raabe verweigert seinem Heimkehrer außerdem den großen Triumph. Hagebucher bringt zwar Geschichten, Erfahrungen und sogar exotische Gegenstände mit, doch daraus entsteht keine glanzvolle neue gesellschaftliche Stellung. Erfahrung lässt sich nicht einfach in sozialen Erfolg umtauschen. Die Provinz kann mit einem Mann, der Dinge gesehen hat, die ihre Ordnung relativieren, nur begrenzt etwas anfangen.
Darin liegt eine erstaunlich ernüchternde Vorstellung von Bildung. Reisen erweitert den Horizont, aber ein erweiterter Horizont macht das Leben in einer engen Umgebung nicht unbedingt leichter. Vielleicht sogar im Gegenteil.
Wie liest sich Abu Telfan heute?
Zunächst langsamer, als die Inhaltsangabe erwarten lässt. Ein Mann war elf Jahre Sklave in Darfur, wird von einem Tierhändler befreit und kehrt zurück – daraus ließe sich ein enorm geradliniger Abenteuerroman bauen. Raabe interessiert gerade dieser Roman kaum. Er verbringt viel mehr Zeit mit Gesprächen, gesellschaftlichen Verwicklungen, Erinnerungen und ironischen Kommentaren. Das verlangt eine gewisse Bereitschaft, nicht permanent auf das nächste Ereignis zu warten.
Hat man sich an diesen Ton gewöhnt, kann das Buch sehr unterhaltsam sein. Raabe besitzt eine Lust am Spott, die viele ältere deutsche Klassiker deutlich weniger steif erscheinen lässt, als ihr Ruf vermuten lässt. Schon die Reise durch Mitteleuropa mit ihren Polizeibeamten ist eine kleine bürokratische Komödie. Bumsdorf und Nippenburg sind keine realistischen Ortsnamen, sondern tragen ihre Provinzialität beinahe wie ein Schild vor sich her.
Schwieriger sind neben den langen Abschweifungen einige zeittypische sprachliche und kulturelle Vorstellungen. Man sollte den Roman deshalb nicht wegen realistischer Informationen über Darfur lesen. Sein Afrika gehört zur europäischen Vorstellungswelt des 19. Jahrhunderts und sagt oft mehr über Deutschland aus als über den Kontinent, den es zu beschreiben vorgibt. Raabe macht daraus teilweise selbst einen Witz: Bereits im Vorwort fordert er den Leser auf, Abu Telfan und Tumurkieland gar nicht erst auf der Karte zu suchen.
Wer diese Konstruktion versteht, erkennt allerdings, wie clever der Roman gebaut ist. Das vermeintlich exotische Afrika ist größtenteils erfunden, während die ebenfalls erfundenen deutschen Orte Bumsdorf und Nippenburg gesellschaftlich sehr real wirken. Der Leser glaubt zunächst, die Ferne sei das Fremde. Am Ende hat Raabe gezeigt, dass das wirklich merkwürdige Land direkt vor der eigenen Haustür liegen kann.
Fazit
Abu Telfan ist ein ungewöhnliches Buch, weil es sein größtes Abenteuer dorthin verlegt, wo normalerweise keines erwartet wird. Hagebucher hat Entführung, Sklaverei und elf Jahre Fremde bereits hinter sich, als die eigentliche Romanhandlung beginnt. Deutschland sollte das sichere Ende seiner Odyssee sein. Stattdessen wird die Heimat zur nächsten Prüfung.
Raabe beschreibt dabei nicht bloß „Spießbürger“. Das wäre zu einfach. Er zeigt eine Gesellschaft, die ihre eigenen Regeln für vernünftig und natürlich hält und deshalb nur schwer bemerkt, wie eng sie sein können. Hagebucher kommt von außen genug zurück, um diese Regeln zu sehen, gehört aber gleichzeitig noch ausreichend dazu, um unter ihnen zu leiden. Gerade dieses Zwischenstadium macht ihn interessant. Er ist weder wirklicher Fremder noch wieder vollständig Einheimischer. Die Afrikaner nennen ihn nicht mehr ihr Eigentum; die Deutschen möchten ihn dagegen möglichst schnell wieder zu dem machen, der er ihrer Ansicht nach sein müsste. Freiheit liegt irgendwo zwischen diesen beiden Extremen und erweist sich als schwerer zu finden, als eine Landkarte vermuten lässt.
Das Buch ist sprachlich kein Selbstläufer. Raabe schweift ab, kommentiert, spottet und verschachtelt. Wer ausschließlich einen spannenden Plot sucht, kann daran verzweifeln. Wer sich auf den Erzähler einlässt, entdeckt jedoch eine sehr eigenwillige Mischung aus Abenteuerroman, Heimkehrergeschichte, Gesellschaftssatire und philosophischer Komödie. Die alte Frage „Wo war Hagebucher besser aufgehoben?“ würde ich deshalb beibehalten, aber anders beantworten: Natürlich nicht in der Sklaverei. Der Witz des Romans besteht vielmehr darin, dass die Rückkehr in die Freiheit nicht automatisch bedeutet, wieder frei leben zu können.
Und genau deshalb ist das Buch erheblich interessanter, als sein heute fast vergessener Titel vermuten lässt.
Wilhelm Raabe und Abu Telfan – die wichtigsten Fakten
- Vollständiger Titel: Abu Telfan oder Die Heimkehr vom Mondgebirge
- Entstehung: 1865–1867
- Erstveröffentlichung: 1867 zunächst in der Zeitschrift Über Land und Meer
- Buchausgabe: Ende 1867
- Hauptfigur: Leonhard Hagebucher
- Ausgangspunkt: Hagebucher verlässt als junger Mann Deutschland, gerät 1848 in Afrika in Gefangenschaft und verbringt elf Jahre als Sklave in Abu Telfan
- Befreiung: der Tierhändler Kornelius van der Mook kauft ihn frei
- Rückkehr: 1860 über Triest und verschiedene mitteleuropäische Städte nach Deutschland
- Deutsche Hauptschauplätze: die fiktiven Orte Bumsdorf und Nippenburg
- Afrikanische Geografie: Abu Telfan und Tumurkieland sind ausdrücklich erfunden; Raabe spielt bereits im Vorwort mit der Unsicherheit europäischer Afrikakenntnisse
- Zentrale Themen: Heimkehr, Fremdheit, gesellschaftliche Enge, Freiheit, deutsche Kleinstaaterei, Bürokratie, Familie und die Frage nach der Bedeutung von Heimat
- Erzählweise: ironischer, stark präsenter Erzähler mit zahlreichen Abschweifungen und Kommentaren
- Historischer Hintergrund: Deutschland nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 und vor der Reichsgründung von 1871
- Heutige Lektüre: gesellschaftlich und erzählerisch weiterhin interessant, bei der Afrika-Darstellung jedoch deutlich von exotisierenden und kolonialen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts geprägt

