Barbara Wendelken: „Der Leser möchte nicht belehrt werden“

Interview mit Barbara Wendelken 

 

(c) Ilka Perc
(c) Ilka Perc

Barbara Wendelken wurde 1955 in Schwanewede bei Bremen geboren. Sie arbeitete als Kinderkrankenschwester, bevor sie das Schreiben für sich entdeckte. Bis heute sind mehr als dreißig Bücher erschienen, darunter die Kinderkrimireihen um Oskar Nusspickel und die Zuckerschwestern. Ihre Gesamtauflage liegt bei 500.000. Sie wurde in mehrere Sprachen übersetzt.  Einige ihrer Bücher wurden ausgezeichnet. Zuletzt  wurde 2010 das Kinderbuch „Die Zuckerschwestern“ in die internationale Bestenliste „white ravens“ aufgenommen. Von 1999  bis 2010 organisierte sie die Jury, die jährlich den Hansjörg Martin Kinder- und Jugendpreis vergibt. Aktuell startet im Piper Verlag eine neue Reihe um die beiden Ermittler Renke Nordmann und Nola van Heerden, die in Martinsfehn, einem fiktiven Ort in Ostfriesland spielt.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein, überhaupt nicht. Wer einmal die Frankfurter Buchmesse besucht hat, weiß wie groß und unüberschaubar das Angebot ist.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise  die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Ich nehme sie zur Kenntnis, sie spiegeln den jeweiligen Trend. Meiner Ansicht nach beeinflussen sie vor allem das Einkaufsverhalten der Buchhändler, für die es ja schon fast zur Pflicht geworden ist, die komplette Spiegel-Bestseller-Liste vorrätig zu haben. Ich stelle mir vor, dass viele Buchkäufer sich an der Höhe der Buchstapel im Laden orientieren, ohne dass sie vorher die Rankinglisten studiert haben. Die am besten präsentierten Bücher fallen zuerst ins Auge und werden gekauft.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Eine echte Schreibblockade hatte ich zum Glück noch nie. Wenn es mal vorrübergehend hakt, hilft es mir auf keinen Fall, den leeren Monitor anzustarren. Ich muss raus aus der Geschichte und was ganz anderes tun. Oft bringt mich Gartenarbeit auf  andere Gedanken. Leider funktioniert das nur im Sommerhalbjahr. Selbstzweifel sind ein immer wiederkehrendes Thema, das mich meist in der Mitte eines Romanprojektes trifft. Ich habe das schreckliche Gefühl, dass Anfang und gedachtes Ende sich nicht miteinander verbinden lassen. Inzwischen habe ich gelernt, auf meine Fähigkeiten zu vertrauen. Ich weiß, dass ich es schaffen werde.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Ich wohne recht ländlich und da sollte man die Bedeutung der örtlichen Presse nicht unterschätzen. Ein großer Artikel mit Bild zieht Buchkäufe und oft auch Lesungen nach sich.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Ich glaube, dass die vielen Leseblogs oder Formate wie lovelybooks das langfristig ändern werden. Nicht umsonst werden die Blogger von den Verlagen bereits großzügig mit Rezensionsexemplaren versorgt. Hier scheinen mir die Rezensenten sehr viel offener für neue Autoren zu sein.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Ich rate dazu, das fertige Buch ein paar Wochen ruhen zu lassen und erneut zu lesen. Und zwar sehr kritisch und mit der Bereitschaft, den Text noch mal zu ändern, wenn es sein muss auch radikal und zeitaufwändig. Von Testlesern aus dem Freundes- und Verwandtenkreis rate ich dagegen ab. Sie sind in der Regel viel zu voreingenommen.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Schwierig finde ich Szenen, die körperliche Auseinandersetzungen beschreiben. Ein männlicher Kollege hat mal gesagt, dass Frauen das nicht so gut hinkriegen, weil ihnen die persönliche Erfahrung fehlt. Könnte stimmen. Ich hab mich jedenfalls nie geprügelt und plane auch nicht, das aus Recherchegründen nachzuholen.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren  insgesamt zu dem Thema?

Generell sind das für mich keine Randthemen die man nebenbei abhandelt, nur weil sie gerade in sind. Da meine Krimis in Ostfriesland auf dem Land spielen, kommen die genannten Themen als tragendes Handlungselement für mich eher nicht  in Frage, bisher jedenfalls. Dass Schriftsteller eine politische Meinung haben, setzte ich voraus.  Jedoch sollte ein Autor nicht der Versuchung erliegen, über die Figuren seine Leser direkt anzusprechen, etwa  indem die Protagonisten  in Endlosdialogen oder Selbstreflektionen seine eigene politische Meinung kundtun. Der Leser möchte nicht belehrt werden. Ganz schlimm, wenn Dinge gesagt oder gedacht werden, die überhaupt nicht mit Alter oder Bildungsstand der Figur übereinstimmen oder nichts mit dem eigentlichen Plot zu tun haben.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Ich schreibe vor allem in der Zeit zwischen elf und sechzehn Uhr. Wenn es gut läuft, auch länger. Sollte ich schon morgens im Bett eine gute Idee entwickelt haben, fange ich eher an. Mein Ziel sind 1500 Wörter am Tag.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Gerade schreibe ich an dem dritten Band meiner Martinsfehn-Krimireihe, die im Piper-Verlag erscheint. (Bd. 1. Das Dorf der Lügen; Bd. 2 Die stille Braut).

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


www.barbarawendelken.de

 

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