Emily Bold im Interview – „Die Stärke der Selfpublisher liegt im eBook-Bereich“

Emily BoldSie gehört zu den mit Abstand erfolgreichsten eBook-Autoren im deutschsprachigen Raum. „Noch“, muss man wohl sagen – denn jetzt schickt sie sich an, mit der englischsprachigen Übersetzung den US-Markt zu erobern: Emily Bold, 1980 geboren. Mit Ihrem fulminanten Erfolg und ihrer frischen, selbstbewußten Art spornt sie andere Autoren an und ist Vorbild für verlagsunabhängige Self-Publisher. „Viele Selfpublisher sind mittlerweile in der glücklichen Lage, alles zu können, aber nichts zu müssen„, sagt sie beispielsweise und klingt dabei so gar nicht nach dem Typus Jungautor, der demütig die Klinken der großmächtigen Verlage abklappert. Mit Beste Bücher spricht sie über Bestsellerlisten, die Zukunft des eBooks und Schwarmintelligenz als Qualitätsfilter.

Beste Bücher: Wenn es um Indieautoren und eBooks geht, wird der Öffentlichkeit hierzulande ein schizophrenes Bild geboten: Einerseits präsentieren bekannte Medienhäuser wie DER SPIEGEL die Tellerwäscher-zum-Millionär-Storys von Selfpublishern wie Amanda Hocking, die erfolgreicher sind als viele Verlagsautoren. Andererseits nehmen just dieselben Medien solche Autoren in den Bestsellerrankings nicht wahr. Warum diese Ignoranz?

Emily Bold: Die Leser des SPIEGEL sind vermutlich ebenso wie meine Leser, an guten Geschichten mit Happy End interessiert, darum setzt man immer wieder die „vom Tellerwäscher zum Millionär“ – Story ein um zu zeigen, dass in jedem von uns das Potential steckt, reich, berühmt oder bewundert zu werden. Hierbei wird nicht anders, als in vielen Romanen mit den Wünschen und Sehnsüchten der Leser gearbeitet. Mit den Bestsellerrankings oder dem Bild der Indieautoren hat das in erster Linie nichts zu tun. Natürlich würde diese Bestsellerliste ein anderes Bild zeigen, wenn dort auch Selfpublisher gelistet wären, aber in der Summe verkauft ein erfolgreicher Verlagsautor sicher mehr Bücher, als ein Indie – zumindest wenn wir vom Printbuch sprechen. Der Weg in den Buchhandel ist eine große Hürde und wir dürfen trotz des Wandels in der Buchbranche und dem Wachstum des eBook-Marktes nicht vergessen, welchen Marktanteil das gedruckte Buch noch immer hat.

Beste Bücher: Muss man nicht vielleicht auch die Genres wenigstens zum Teil mit verantwortlich machen? Leicht verdauliche Unterhaltungsliteratur, z. B. aus dem Fantasybereich, liegt bei eBooks im Trend. Sie genießt aber auch nicht dasselbe Ansehen, wie Romane, die gesellschaftliche Themen verarbeiten. Von Liebesromanen ganz zu schweigen.

Emily Bold: Wir leben in einer Zeit, in der alles immer schneller konsumiert wird. Musik, Filme, Literatur. Durch die Digitalisierung dieser Medien hat sich unser Konsumverhalten stark verändert. Nie war es einfacher und kostengünstiger, sich immer und überall neuen Lesestoff zu beschaffen. Das hat aber nicht unbedingt unser Wertempfinden verändert und dies wiederrum rückt manche Genres der Unterhaltungsliteratur in den Fokus des schnellen Verzehrs, wohingegen andere Genres weiterhin ehrfürchtig behandelt werden. Liebesromane beispielsweise gehören zu den Büchern, die in der breiten Masse Anklang finden und gerne und oft gelesen werden. Da man sich mit diesen schnelllebigen Genres auch in der Mittagspause und im Zug die Zeit vertreiben will, wächst ihr Stellenwert im eBook-Bereich.

Andere Themen, wie Bildbände, Ratgeber oder Romane des absoluten Lieblingsautors haben jedoch für den Leser einen anderen ideellen Wert – was sich auch dadurch zeigt, dass man hier bereit ist, einen höheren Preis für den Lesestoff zu bezahlen. Dafür stellt man sich dann diese Werke stolz ins Regal. Hätten wir jedoch nur das Verlangen nach solcher Art von Literatur, müssten wir dieses Interview nicht führen, denn dann gäbe es keinen Markt für Autoren wie mich oder Romane aus einem dieser Genres. Ich denke also, die Frage nach dem Ansehen ist ganz einfach: Ich genieße Ansehen bei meinen Lesern, weil ich ihnen das für ihr Bedürfnis passende Produkt liefere.

Beste Bücher: Ein Thema das Indieautoren ebenso wie die ganze eBook-Branche umtreibt, ist der Preis. Also wenn Du an die 99-Cent-eBooks denkst, oder an die Kindle-Tages-Deals: Wie beurteilst Du das?

Emily Bold: Der Preis ist eine wichtige Marketingwaffe der Indie-Autoren. Ich selbst habe ebenfalls zwei 99 Cent Novellen, die sich hervorragend verkaufen. Allerdings sind diese im Umfang natürlich auch deutlich kürzer, als meine Romane. Gegenüber den Lesern halte ich es nur für fair, den geringeren Umfang auch in Form eines niedrigeren Preises weiterzugeben. Jedoch finde ich diese Geiz-Ist-geil-Mentalität bedenklich. Als Selfpublisher der sich den Anspruch setzt eine Qualität abzuliefern, die mit der von Verlags-eBooks mithalten kann, bin ich nicht bereit, meine Arbeit zu verschenken. Cover, Lektorat, Satz und Konvertierung sind für viele Selfpublisher nicht aus eigener Hand zu leisten, darum muss hier im Vorfeld Geld investiert werden. Um diese Ausgaben wieder einzuspielen, ist ein entsprechender Verkaufspreis nötig.
Wenn jedoch der Leser nicht mehr bereit ist, diesen (im Vergleich mit Verlags-eBooks sehr geringen Preis) zu bezahlen, dann ist nicht verwunderlich, dass die Qualität mancher selbstverlegter Bücher zu wünschen übrig lässt. Dass nun auch Verlage anfangen diesen Trend zu schüren halte ich für falsch. Um weiterhin wirtschaftlich bleiben zu können, sollten Verlage und Indies den Wert des geschriebenen Wortes bedenken und nicht in einen Preiskampf verfallen, der der Qualität nur abträglich sein kann.

 

 

 

 

 

 

Beste Bücher:  Wenn wir mal eine provokant zugespitzte Kritik äußern dürfen: Wenn eBook-Autoren ihre ohnehin nicht-stofflichen Produkte zu Preisen aus dem 1-€-Shop anbieten, sollten Sie sich vielleicht nicht wundern, wenn z. B. der SPIEGEL nicht bereit ist, diese mit gebundenen 25 €-Werken von Jonathan Franzen & Co. in ein Ranking zu stellen!

Emily Bold: Natürlich ist es nicht sinnig, eBooks und Printbücher miteinander zu vergleichen. Und da ich schon erwähnt hatte, dass es für Selbstverleger nicht einfach ist, die Hürden in den Buchhandel und damit zum gedruckten Buch im Buchladen vor Ort zu nehmen, erübrigt sich ein solcher Vergleich. Die Stärke der Selfpublisher liegt im eBook-Bereich und im niedrigen Preis, aber auch in der Lesernähe. Hier können meines Erachtens Verlagsautoren noch viel lernen.

Beste Bücher: Wie wird nach Deiner Einschätzung der eBook-Trend – im Verein mit den von Verlagen emanzipierten Indieautoren – die Verlagswelt beeinflussen?

Emily Bold: Es werden wohl in den nächsten Jahren noch so einige Indieautoren den Weg zu einem Verlag finden, denn die Vorteile einer Zusammenarbeit mit einem Verlag dürfte jedem, der selbst veröffentlicht, klar auf der Hand liegen. Nur wird sich die Verlagswelt umstellen müssen, denn viele Selfpublisher sind mittlerweile in der glücklichen Lage, alles zu können, aber nichts zu müssen. Nach diesem Motto gehe ich meinen Weg. Interessante Angebote werden gesichtet, überdacht und vielleicht in Erwägung gezogen, aber ich muss keine Verträge eingehen, die an moderne Sklaverei grenzen, oder nur einem dienen – nämlich dem Verlag. Ich könnte mir auch vorstellen, dass Selfpublishing in den Augen von erfolgreichen Verlagsautoren eine Alternative darstellen könnte. Und je erfolgreicher und bekannter ein Autor bereits ist, desto leichter würde es ihm fallen, ein Buch ganz ohne Verlagsmarketing zu verkaufen. Wir werden sehen, wohin uns die Summe dieses Wandels führt.

Beste Bücher: Immerhin waren die Verlage für die Qualitätskontrolle gut. Auch wenn bei denen sicher vieles nicht durch die Firewall kam, was wohl veröffentlichungswürdig war und umgekehrt Werke gefördert wurden, die besser nie das Tageslicht gesehen hätten. Über das Selfpublishing wird natürlich jetzt auch viel, viel Unsinn publiziert. Brauchen wir Qualitätsstandards und wie könnten die aussehen?

Emily Bold: Ich halte es für sehr schwer, Qualitätsstandards für Selfpublisher einzuführen, denn letztendlich sind wir alle selbst dafür verantwortlich, was wir veröffentlichen. Jeder Autor, der langfristig erfolgreich sein will, muss sich darüber im Klaren sein, das den Leser nicht interessiert, ob der Autor unabhängig ist, oder einen Verlag im Rücken hat. Der Leser will gute Unterhaltung in guter Qualität. Bekommt er diese nicht, wird er in Zukunft einen großen Bogen um den entsprechenden Autor machen. Hier ist es also im eigenen Interesse, die Messlatte hochzulegen. Außerdem wird hier die Schwarmintelligenz gute Dienste leisten. Ein schlechtes Buch – egal, ob von einem Verlag verlegt oder nicht – wird relativ schnell abgestraft werden. Inhaltlich wird es schwierig sein, eine Qualitätskontrolle zu etablieren, denn wer sollte dies leisten? Wollen wir das überhaupt? „Shades of Grey“ ist ein gutes Beispiel, denn die Leser diskutieren noch heute unermüdlich über das „Schmuddel“-Thema und den Schreibstil. Als mündiger Leser kann ich aber in der heutigen Zeit sehr schnell und einfach auf Hunderte von Rezensionen zurückgreifen, Leseproben lesen oder meine sozialen Netzwerke nach Meinungen durchforsten, und mich dann entscheiden, ob das gewählte Buch meinen Ansprüchen genügt. Wenn ja, wird gekauft, wenn nein, dann eben nicht.

Beste Bücher: Kommen wir zur letzten Frage. Im Web gibt es manchmal eine Diskussion, die wir ziemlich abstrus finden: Der Kampf Papierbuch gegen eBook. Viele hängen sich z. B. dieses „i pledge to read the printed word“-Button auf ihren Blog. Wir finden das eBook ist längst etabliert, aber weniger als Alternative, denn als Ergänzung. So wie Taschenbücher die gebundenen Ausgaben ergänzt haben. Wie siehst Du das? Geht mit dem eBook das traditionelle Buch unter?

Emily Bold: Das traditionelle Buch wird nicht untergehen. Es werden sich Genres entwickeln, die im eBook-Bereich stärker sein werden, als im Print, aber ebenso werden manche Werke auf einem eReader nie ihre volle Wirkung entfalten können. Klar, das Taschenbuch hat Konkurrenz bekommen, aber wann hat Konkurrenz je geschadet? Auf welcher Seite stehen wir denn? Um wen geht es uns? Um Autoren, Buchhändler oder Verlage? Für mich ist diese Frage sehr leicht zu beantworten: Mir geht es um Leser! Für den Leser ist es doch unheimlich toll, zu Hardcover, Taschenbuch und Hörbuch nun auch noch das eBook zur Wahl zu haben. Niemand zwingt den Konsumenten, zu diesem Medium zu greifen.

Wer den Vorteil des eBooks für sich erkannt hat, kann auf eine Unzahl an Büchern zu günstigen Preisen zurückgreifen und sich an den Preisaktionen der Verlage genauso erfreuen, wie den günstigen eBooks der Selfpublisher. Dennoch glaube ich nicht, dass einer dieser modernen Leser dem Papierbuch abschwört, oder möchte, dass die Buchhandlung ums Eck schließen muss. Wie Verlage mit dieser Veränderung umgehen oder darauf reagieren wird sich zeigen, aber sicher gibt es bereits jetzt Leser, die sich fragen, warum Verlags-eBooks so teuer sein müssen. Der Buchmarkt ist im Wandel – es gibt viele Gewinner und auch etliche denen diese Veränderung schadet, aber für den Leser, der ja für alle Beteiligten des Buchgeschäftes im Mittelpunkt des Interesses stehen sollte, ist es eine positive Entwicklung.

Beste Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch und wünschen Dir weiterhin viel Erfolg. 

Emily Bold: Vielen Dank.

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