Alfred Andersch – „Efraim“

Eine Rezension von Amir Junuzović

„Efraim? Efraim? … Ist das nicht ein jüdischer Name?“, solche Fragen kommen einem auf, wenn er den Umschlag des Buches sieht – und ja, Efraim ist ein jüdischer Name und es geht um einen jüdischen Journalisten! Doch hat diese Tatsache maßgebend etwas mit dem Werk zu tun. Eigentlich: Ja!

George Efraim ist vieles: Einer von vielen, die Deutschland verlassen musste, einer von vielen, die nach Deutschland zurückkehren, er ist einer von vielen Journalisten, die lieber Schriftsteller sein würden und er ist auch einer von vielen, die das Leben restlos satthaben! Doch Efraim ist anders, obwohl er eine von Millionen verlorenen Seelen ist. Er hat andere Ziele, denkt anders, sieht die Welt ander und handelt anders – hat da der Herr Andersch wieder ein autobiografisches Werk geschrieb? Die Kritiker sagen: Ja! Ich schließe mich an!

Efraim kommt eigentlich nur nach Deutschland, weil er hier sein muss: Er sucht nämlich die uneheliche, halbjüdische Tochter seines Chefredakteurs, der sein Kind während der großen Katastrophe schutzlos in Deutschland ließ. Naja, eigentlich soll er „über die Kubakrise“ berichten, doch dass ist nur halbrichtig.

andersch_efraimWer die Handlung mehr als die Beschreibungen liebt, sollte die Finger von diesem Roman lasse: Anderschs Still an sich mag keine Handlung – ich bekomme den Eindruck, dass er am liebsten ganz die Handlung aus dem Roman rauswerfen möchten uns sich nur den Beschreibungen, der inneren Welt der Protagonisten wenden möchte. Doch diese sind fabelhaft geschrieben: Wir erfahren mehrere Dimensionen des Ich-Erzählers, welche Autoren er mag, welches Essen, ja sogar welches Wetter er am liebsten hat, aber auch eine Dimension, die das ganze Judentum schockierte: Man muss sowieso mit jeder Aussage, die mit dem Holocaust zu tun hat, vorsichtig umgehen. Ob das im Roman auch der Ich-Erzähler berücksichtigt? Eher nicht.

Doch man darf die Handlung natürlich nicht vergessen: Es handelt sich nämlich um einen Roman, in dem der Ich-Erzähler beginnt, die Welt mit offenen Augen zu betrachten und nebenbei betrügt ihn seine Frau mit seinem Chefredakteur und er betrügt seine Frau! Allgemein schildert jedoch der Roman ein Problem, mit dem sich alle Juden nach dem Zweiten Weltkrieg befassen: Wer bin ich, was ist geschehen und wo ist mein Zuhause? Wie Efraim diese Frage löst und was eigentlich mit Efraim noch alles passiert, werde ich natürlich nicht sagen – das Buch wartet auf Sie!

Weitere Infos

• Andersch, einer der Gründungsmitglieder der „Gruppe 47“, war ein zeitkritischer Autor und er veröffentlichte neben den bekanntesten Romanen auch zahlreiche Erzählungen – Andersch war politisch sehr kritisch und ein wahrer Pazifist jener Zeit.
• Er befasst sich nicht nur in diesem Roman, sondern auch in den anderen Werken mit der Judenfrage – manchmal wird sie am Rande erwähnt, manchmal steht sie im Mittelpunkt, wie es hier der Fall ist.
• Im „Diogenes Verlag

Meine Bewertung:  (O – war grausam!!
10- excellentes Buch!!)
Historischer Wert: 0-10: 8
Spannung: 0-10: 6
Lesefreude: 0-10: 7
Muss-man-gelesen-haben: 0-10: 5

 

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