Daniel Kehlmann – „F“

Zusammenfassung, Infos und Rezension

Inhalt:

Die Krise der katholischen Kirche, das Schlingern der Finanzmärkte und der hysterische Kunsthype: Es sind die aktuellen Themen des Newsgewerbes, die „F“ aufgreift und zum Symptom einer tiefer sitzenden Grundmalaise erklärt. „F“ ist ein Gesellschaftsroman, ein Familienroman und ein wenig auch: Ein Hochstaplerroman.

Im Mittelpunkt stehen die drei Brüder Martin, Eric und Iwan. Martin ist ein ungläubiger katholischer Prieser mit Essstörung, Eric ein bankrotter und halbseidener Finanzberater mit Schneeballsystem und Iwan, der Kunstkenner ist ein ziemlich fleißiger Fälscher. Das Unglück der drei hat ihren frühen Ursprung in jenem Nachmittag, von dem schon der erste Satz des Buches berichtet: Als die Friedland-Söhne gemeinsam mit ihrem Vater zu einem Hypnotiseur gehen.

Welche Rolle spielt Arthur Friedland, der umstrittene Schriftsteller, der seine Söhne im Kindesalter, schon nach dem Besuch des Hypnotiseurs, verließ, um seinen Nihilismusroman zu schreiben, der die Leser reihenweise in den Tod treibt, wie zuletzt Goethes „Leiden des jungen Werthers„? Eric wird von beunruhigenden Visionen gequält – wird er sie seinen Brüdern mitteilen und lässt sich der Lauf der Dinge dadurch abändern?

Rezension:

Eine eindeutige Rezension des neuen Kehlmann-Werkes im Sinne einer Leseempfehlung fällt nicht leicht. ‚“F“ wie Firlefanz‘ dichtet der Spiegel, dessen Redakteure sich ohnehin am leichtesten mit dem Verriss tun. Doch so einfach ist es nicht: Da sind zum einen die Charaktere, die bei Kehlmann so scharf umrissen und vielschichtig sind, dass sie den Figuren in Jonathan Franzens „Korrekturen“ nicht nachstehen. In ihrer Persönlichkeit herrlich widersprüchlich und letztlich uns allen so nahe, dass man als Leser Sympathie empfinden muss. Auch darf „F“ getrost als „Pageturner“ gelten, also als ein temporeiches Buch, dass mit einer gewissen Spannung gelesen wird – eine Eigenschaft, die man bei Krimis erwartet, weniger strikt bei Gesellschaftsromanen. Der Plot ist intelligent und wohldurchdacht. Soweit zur Habenseite.

Daniel Kehlmann / © Heji Shin
Daniel Kehlmann / © Heji Shin

Ambivalent bleibt das Gefühl bei Kehlmanns ironischen und, sicher, oft auch geistreichen Einwürfen. Gemessen an seinem gefühlten Anspruch, künftige Klassiker zu schaffen, kann er anders gar nicht schreiben. Dennoch mag man sich bei den vielen eingeschobenen Beweisen seiner Bildung und Scharfsichtigkeit auch des Gefühls nicht erwehren, dass hier ein Musterschüler vorführen mag, was er gelernt hat. Dabei wäre es nicht (mehr) nötig. Daniel Kehlmann ist fraglos ein Könner seines Metiers, er beherrscht sein Kunsthandwerk. Seit seinem Humboldt-Roman war das jedem klar und auch mit „F“ hat er das wieder bewiesen.

Wozu dann das Vorführen? Am Beispiel seines Titels: „F“ lehnt sich an Orson Welles letzten Film „F – wie Fälschung“ an, und so lässt Kehlmann einen seiner Protagonisten im Kino in ebendiesen Film gehen. Der Titel steht aber auch noch ein bisschen für „Fatum“ (lat. Schicksal), wie uns der Autor an anderer Stelle verrät. Und schließlich ist es ja auch ein wenig ein Familienroman – und der beginnt ja nun ebenfalls mit dem 6. Buchstaben des Alphabets – alles klar, mag man als Leser Fragen, na und? Bekommt man einen Preis, wenn man alle zehn Bedeutungen erraten hat? Es bleibt das Bild eines Autors, der uns mal vorführen möchte, was ihm so alles Schlaues einfällt.

f_kehlmannOb Daniel Kehlmann dem tieferen Anspruch seines 380-Seiten-Romans gerecht wird, ist schwer zu einschätzen – es wird nicht ganz klar, welche Ziellinie er sich gesetzt hat. Ausgezeichnet und witzig ist die Kulturbetriebspersiflage, doch macht sie alleine nicht den Kern des Buches aus. Gott, Geld und Kunst sind die Themen, mit denen er die Welt umrissen sieht. Will er damit den Zeitgeist des Jahres 2013 in Deutschland (oder im Westen? oder weltweit?) erklären? Dann wäre die Mission gescheitert. Will er lediglich Impulse, Denkanstöße, Hinweise zum Diskurs liefert – dann bravo. Das ist gelungen und sein „F“ regt uns zum Nachdenken, auch zum Widerspruch an. Doch ein Buch, das lediglich Impulse liefert, kann kaum der große Gesellschaftsroman unserer Zeit sein – vielleicht wollte der Schriftsteller das aber auch gar nicht. Er hat ja noch Zeit.

Lesenswert, soviel sollte deutlich geworden sein, ist das Buch allemal. Es handelt sich mit Sicherheit um eine der besseren Neuerscheinungen des Jahres 2013. Das die Kritik an seinem Werk vielfach etwas überzogen scheint, liegt lediglich an dem Anspruch, den man mittlerweile an ihn stellt: Das sich hier nun gefälligst zügig der nächste deutsche Großschriftsteller zu etablieren habe.

Infos:

  • Kehlmanns Bestseller „Die Vermessung der Welt“ war 2006 nach Berechnungen der New York Times der zweitmeist verkaufte Titel weltweit.
  • Der Roman bei Rowohlt.

Unsere Bewertung:

Spannung: 4

Lesefreundlichkeit: 5

Ratgeber: 2

Muss-man-gelesen-haben: 3

Allgemeinbildung: 5

(1= Kaum zutreffend / 5 = Besonders zutreffend)


Autor: Beste Bücher

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