Henry Kissinger – „Weltordnung“

Kissinger geht in seinem Buch der Reihe nach die Kontinente durch und beschreibt deren Wertesystem und ihre Ordnung. Dazu präsentiert er kurz die Geschichte des Kontinents bzw. auch einzelner Länder. Den Anfang macht Europa. Kissinger sieht insbesondere das Westfälische System als einen essentiellen Schritt in der internationalen wie auch nationalen Ordnung. Jeder Staat besitzt seine eigene Souveränität, klare territoriale Grenzen und alle Staaten sind untereinander gleichberechtigt.

Mit diesen Grundsätzen, die 1648 in Münster und Osnabrück geschaffen wurden, geht der Autor durch alle Epochen und Kontinente und versucht das System anzuwenden bzw. zeigt auf wo es nicht funktioniert. Er zeigt auf, dass die asiatischen Staaten ein komplett anders geprägtes Wertesystem, wie auch Interessen haben. China war nicht bestrebt, wie die europäischen Mächte Expansion zu betreiben, viel mehr war China darin bestrebt sich zu schützen.

Gleiches wendet Kissinger bei der islamisch geprägten Welt an. Immer wieder greift sich Kissinger einzelne Probleme heraus und umschreibt diese in kleineren Kapiteln. Zum Beispiel, Palästina, Syrien, USA und der Iran wie auch Russland. Präzise Beschreibungen und eine klare Argumentationslinie machen jedes der Probleme selbst für Laien verständlich und bieten genug Informationen um sich einen Überblick zu verschaffen. Wie ich finde, wirken seine Argumentationen sachlich und frei von Vorurteilen.

Sicherlich kann man einige seiner Thesen nicht unterschreiben, andere sind hoch interessant. Besonders gut gefällt mir das Kapitel über Russland. Skizziert wird dabei die russische Geschichte und ihre Prinzipien. Man findet fast alles davon in den heutigen Konflikten wieder in die Russland involviert ist. Gegen Ende des Buchs widmet sich Kissinger der modernen Welt, dem Zeitalter des Internets. Was der Autor hier von sich gibt, dürfte jedem Menschen der regelmäßig die Nachrichten verfolgt geläufig sein. Das Kapitel hätte man schon fast weglassen können, denn was „Neues“ erfährt man hier nicht.

Was bringt denn die neue Weltordnung?

Kissinger_WeltordnungEine 100% Antwort kann selbst der große Realpolitiker hier nicht liefern. Anders als ich mir dachte, sieht Kissinger nicht die Weltpolizei USA in der Pflicht. Gewiss scheint nur eins: Die Welt ist aus den Fugen. Die USA alleine werden es nicht schaffen. China muss mit ins Boot geholt werden. Aber kann man anderen Staaten das westliche Werteprinzip aufzwingen, wie die USA es noch im 20. Jahrhundert versuchten? Kissinger sieht ein, Länder wie Afghanistan, die von Stammesherrschaft geprägt sind oder Länder die der konfuzianische Lehre folgen, werden wohl nie das gepriesene westliche System assimilieren.

Die Zukunft Europas, die uns alle betrifft. Wie soll es weitergehen? Wird der europäische Traum zerplatzen oder schaffen wir es doch eine neue Vision zu entwickeln? Schaffen wir es die Vergangenheit zu überwinden oder wird Europas daran zerbrechen? Kissinger weiß Rat, aber keine Antworten. Die gesamte Welt steht vor einer Herausforderung.

Der einzig wirklich große Kritikpunkt an Kissingers neustem Geniestreich dürfte sein, dass es so gut wie keine kritischen Äußerungen gibt. Völlig außer Acht gelassen werden die heiklen Themen in der US-Außenpolitik. Stichworte: Operation Kondor, Osttimor, Kambodscha. Selbstreflektion oder Reflektion von fragwürdigen Methoden bei der Erreichung der von ihm proklamierten Ziele einer Weltordnung durch die USA, prallen an ihm scheinbar ab. Einer seiner berühmtesten Sätze aus den 80er Jahren: America has no permanent friends or enemies, only interests. So sieht der kühle Politiker wohl immer noch seine Rolle in der Welt.

Fazit

Der Name Kissinger steht für viele in Verbindung mit Kriegsverbrechen und einer fragwürdigen Rolle in der US-Außenpolitik. Abschrecken lassen sollte man sich davon jedoch nicht!
Kissinger ist ein genialer Historiker, ein scharfsinniger Analytiker und ein brillanter Mann wenn es ums Argumentieren geht. Das Buch ist verständlich und gut geschrieben, es macht einfach Spaß zu lesen. Desweiteren ist es hoch aktuell und sollte von jedem Politik- und Geschichtsinteressierten gelesen werden.

Zum Autor

Henry Kissinger ist 1923 in Fürth geboren. 1938 emigrierte er in die USA, wo er in Harvard Politikwissenschaften studiert und später dozierte. Ab 1969 war er Sicherheitsberater im Weißen Haus, von 1973 bis 1977 war er US-Außenminister unter den Präsidenten Nixon und Ford. 1973 erhielt er den Friedensnobelpreis, da er maßgeblich an der Entspannung im Vietnamkrieg beteiligt war.

Infos

Verlag: C. Bertelsmann
ISBN:978-3-570-10249-7
Seiten: 478 inklusive Sachregister und 359 Fußnoten
Kartenmaterial in Schwarz-Weiß

Rezension von Noel

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