Jo Nesbø – „Der Sohn“

Sonny Lofthus ist ein schwer drogenabhängiger Häftling in einem modernen Hochsicherheitsgefängnis mitten in Oslo. Als sein Vater, ein angesehener Polizist und Korruptionsbekämpfer, sich das Leben nahm, ging es mit Sonny steil bergab. Im Abschiedsbrief gab der Beamte als sein Motiv bekannt, selbst korrupt gewesen zu sein. Der Sohn zerbricht daran fast.

Inzwischen, viele Jahre später, ist Sonny nicht nur ein Junkie, er ist auch so etwas wie der inoffizielle Geistliche des Gefängnisses Staten. Die Mitgefangenen, die dem offiziellen Priester mißtrauen, wenden sich an Sonny. Er hört gut zu, urteilt nicht, und erteilt Absolution. Bei der Gelegenheit erfährt Sonny allerdings auch viele Geheimnisse und so liegt nach einigen Jahren das Verbrechermilieu mit seinen handelnden Akteuren, Verstecken und Deals wie eine offene Landkarte vor ihm. Als Sonny durch Zufall erfährt, dass der Tod seines Vaters kein Selbstmord war, fast er einige einsame Entschlüsse, bei dem ihm sein Spezialwissen zugute kommt…

Rezension

Nesbøs „Der Sohn“ ist neben Deutschland auch in England, Dänemark und den USA ein Bestseller. Zu Recht. In Punkto Spannung versteht Nesbø sein Handwerk – man mag das Buch nur ungern aus der Hand legen bevor es ausgelesen ist. Das soll andererseits nicht den Blick für gewisse Übertreibungen verstellen, in denen der Autor die ganz großen Verschwörungstheorien bastelt, in denen die Spitze der Gesellschaft aus Politik, Geschäftswelt und Verwaltung mal wieder in die schmierigsten Skandale verwickelt ist.

Im Vergleich zu anderen aktuelle Werken, etwa Passagier 23, hält sich der Gewaltpegel in „Der Sohn“ noch einigermaßen in Grenzen, ohne dass dadurch dem Werk aus dem Hause Ullstein die Spannung genommen würde. Es bleibt einem anderen Autor als Nesbø, nämlich Fitzek vorbehalten, eine seiner Romanfiguren die simple Wahrheit aussprechen zu lassen, dass es eine Merkwürdigkeit der heutigen Zeit ist, dass Bücher keine Altersfreigabe besitzen wie Filme und Videospiele.

Nesbo_SohnWas Nesbø geradezu spielerisch gelingt, dass sind schnelle Perspektivwechsel. So überrascht er die Leser immer wieder mit Handlungssträngen, die er nicht hat kommen sehen. Ein Teil seines Geheimnisses liegt dabei in der Tiefe, die er seinen Figuren gibt. Gewiss – man hat es nicht mit „Anna Karenina“ oder „Krieg und Frieden“ zu tun, doch im Vergleich zu anderen aktuellen Bestsellerromanen, z. B. dem unsäglich eindimensionalen „Circle“ von Dave Eggers, sind die Firguren um ein vielfaches komplexer und, ja – auch tiefgründiger, ohne dabei anstrengend oder unsympathisch zu wirken.

Leicht aufgesetzt wirkt allenfalls noch die Romantik, die Nesbø mit Gewalt in die Handlung quetscht. Als ob ein jahrelanger Junkie, den seine Rachedurst im Handumdrehen zum Killer mit James-Bond-Elite-Soldaten-Qualitäten verwandelt, nun unbedingt auch noch der gutaussehende Herzensbrecher sein muss.

Fazit: „Der Sohn“ ist ein rundum gelungener „Blockbuster-Roman“ der verlässlich Spannung und Lesevergnügen bietet.

 

Autor: Beste Bücher

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.