Kader Abdolah: „Die Krähe“

Eine Rezension von Amir Junuzović

Die Tür zur Welt.

Das menschliche Schicksal bietet uns vielerlei Möglichkeiten an, wie wir unser Leben gestalten können – besonders in der modernen Gesellschaft, die uns mit Hilfe eines Knopfdrucks die Tür zur Welt öffnen kann, kann man meistens den Weg, den man gehen möchte, selbst wählen! Naja, theoretisch könnte man es…

Dass es nicht so blumenhaft ist, zeigt uns am besten Kader Abdolah, oder Refiq Foad, oder… wie immer man auch den iranisch-niederländischen Schriftsteller und Kaffeeverkäufer nennen möchte, der unter einem Pseudonym seine Werke veröffentlicht. Jedoch zeigt uns Abdolah (nennen wir ihn mal so, obwohl er eigentlich Hoseyn Sadschadi Qa’emmaqami Farahani heißt), dass mit Hilfe von Fleiß, Ehrgeiz und einer großen Ladung Glück, die Sachen doch eine positive Wendung nehmen können.

Von einem Möchtegern-Revolutionär zum erfolgreichen Schriftsteller

Vielerlei Werke, die sich mit dem Exil und dem Schicksal der aus der Heimat verbannten Leute befassen, kann man nicht, ohne den historischen Hintergrund des Verfassers zu kennen, verstehen – jedoch hat Abdolah hier selbst daran gearbeitet, um uns faulen Lesern den Weg zum Verständnis des Werkes zu erleichtern. Aufgewachsen im stark vom kommunistischen Russland geprägtem, konventionellem Iran, entdeckt der junge Sohn eines Tischlers die Freude an der Kunst – besonders durch seinen Vater, der ihn mit der kunstreichen Vergangenheit seiner Familie konfrontiert und der auch selbst ein guter Porträtmaler ist, und mit Hilfe seines Onkels, der ein offener Kritiker seiner ersten Werke ist und im Kino-Business arbeitet, entdeckt er die tief in ihm schlummernde Liebe – das Dichten, das Schreiben, das Erzählen.

Was jedoch heutzutage eine Selbstverständlichkeit ist, konnte früher leicht mit der Todesstrafe enden – wer schreibt, was dem Regime nicht passt, wird vom Regime klein gemacht! Deshalb veröffentlicht auch unser Protagonist seine ersten Werke, wie er es auch im wahren Leben gemacht hatte, anonym, bei einem „illegalem Verlag“.

Der Beginn einer menschlichen Tragödie – mit „Happy End“?!

Amerika, das allgemein seine Finger in fast jedem Krieg und jeder Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat, wollte auch das wachsende Iran unter ihrer Herrschaft sehen, und, wenn man Abdolah glauben möchte, verübte die CIA einen Putsch und der demokratisch gewählte Ministerpräsident flog von seinem Posten, der alte Schah kam wieder an die Macht. Als später die Revolution ausbrach und als die linke Bewegung auch was von der Macht abhaben wollte, am Ende aber leer ausging, musste Abdolah, der auch ein Mitglied der gleichen war, fliehen – und ab diesem Zeitpunkt beginnt der Leidensweg des Schriftstellers, Kaffeehändlers, des ehemaligen Iraner.

Das günstigste Land ist Holland!

Hier finden wir wieder viele Ähnlichkeiten mit dem wahren Schriftsteller und seinem Protagonisten – beide flüchteten aus dem in der Krise sich befindendem Iran, beide waren zwei Jahre lang in der Türkei und beide schafften es bis nach Holland – das günstigste Land, wo ein Menschenhändler einen hinführen könnte. „Für zehntausend Dollar brachten die Schmuggler einen innerhalb einer Woche nach New York. Für neuntausend war man innerhalb von drei Tagen in London. Mit achttausend war man innerhalb von drei Tagen in Paris. Für Berlin zahlte man siebentausend, für Stockholm fünf, für Oslo vier und für Kopenhagen drei.
Wer nur zweitausend Dollar hatte, musste sich mit den Niederlanden begnügen. “

Und so fand sich Abdolah, nach einer erstickenden und engen Reise in einem Lkw, am Ende in den Niederlanden. Er beginnt ein neues Leben, versucht sich zurechtzufinden, lernt die Sprache, arbeitet, schreibt seine eigene Manuskripte und versucht, das neue Leben lebenswert zu gestalten.

Leicht geschrieben, mit einer Prise Spannung und vielen Erkenntnissen

Einerseits muss man ehrlich sagen, dass es Abdolah (der Schriftsteller) wahrlich geschafft hat – im nicht gerade jüngsten Alter die Schrift und die Ausdrucksweise einer Sprache in einer kürzeren Zeit so gut zu beherrschen, dass man sogar seine ersten Bücher in dieser Sprache schreibt, ist mehr als nur bemerkenswert – Hut ab!

Andererseits merkt man stark die teilweise schwache Ausdrucksweise des Schriftstellers – manchmal fehlt es an Biss, es fehlt den Sätzen an einem starken Durchhaltevermögen und somit können sie auch nicht den tiefen Eindruck hinterlassen, den sie hinterlassen sollten. Er erinnert mich an Beckett – geboren in Dublin, eigentlich ein Mann der englischen Sprache, zog er später nach Frankreich, lernte die Sprache und veröffentlichte und schrieb seine wichtigsten Werke auf Französisch! Jedoch beherrscht Beckett perfekt die französische Sprache anscheinend besser, als seine Muttersprache und so was würde ich auch Abdolah zumute – lassen wir ihm einfach Zeit!

Andererseits las ich auch aus diesem Buch hinaus die starke, ein bisschen verwirrte islamische Tradition der Perser – die Sunniten und die Schiiten, die eine große Mehrheit der islamischen Bevölkerung bilden, haben auch einige andere Ansichten der Religion gegenüber! Besonders das Ereignis in der unmittelbaren Nähe eines Tempels wirft viele Fragen auf, die aber einer anderen Thematik entsprechen.

Jedenfalls ist die alleinige Ausgabe des Buches ein Leckerbissen: Schon Abdolah erzählt, dass sein Vater immer eine kleine Version des Koran bei sich in seiner Arbeitstasche trug – genauso machte es auch sein Sohn, der aber eher atheistische Züge hat. Und eben dieses Buch, das der Verfasser dieser Rezension gelesen hat, würde exzellent in eine kleinere Tasche passen und man könnte es immer und überall lesen – mehr als nur ein gekonnter Schachzug des Verlags!

In großem und ganzem, ein Buch, das ich jedenfalls weiterempfehlen würde!

Meine Bewertung

(O – war grausam!! 10- exzellentes Buch!!)
Historischer Wert: 0-10: 9
Spannung: 0-10: 8
Lesefreude: 0-10: 8
Muss-man-gelesen-haben: 0-10: 8

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