Pieter Webeling: „Das Lachen und der Tod“

Rezension von Mona

„Du kannst dafür sorgen, dass die Menschen das Lager vergessen. Mit einem Lächeln.“   (S. 91)

„Das Lachen und der Tod“ ist die tragische und zugleich stark ermutigende Geschichte des niederländischen Komiker Ernst Hofman, dessen Humor ihn schließlich in ein polnisches Konzentrationslager bringt. Seine Berühmtheit steigert letztendlich seine Überlebenschancen, kann ihn dennoch nicht vor dem harschen Alltag eines damaligen Juden, dem „Müll Europas“ (S. 247), bewahren.

Dies ist ein Buch, das mich mit jeder Zeile mehr in den Sog zog, mich weinen, hoffen, unglaublich wütend und absolut dankbar werden ließ. Dies ist die Geschichte eines Komikers namens Ernst. 1944 wird Ernst Hoffmann mit etlichen anderen Juden in einem Viehwaggon deportiert.

Als jüdische Berühmtheit galt er als Amsterdams Schützling, erlaubte sich dann jedoch eine Spitze gegenüber Adolf Hitler und verlor seinen Sonderstatus. Direkt bei der Ankunft der zum Tode Verurteilten wird klar – dieses Buch beschönigt nichts. Seite an Seite mit dem Protagonisten betreten wir das Konzentrationslager, verabschieden ausgesonderte Menschen in den Tod und versuchen unter fast unmöglichen Bedingungen zu überleben, denn leben ist längst keine Option mehr.

Jeder hat seine eigenen Überlebensstrategien, obwohl auch die den Schutz vor dem Tod garantieren, denn oftmals wird aus reiner Willkür gemordet. Die ganze Abartigkeit dieser Zeit konzentriert sich in diesem Buch und zwar auf eine solch perfide Art, dass ich mir oft gewünscht habe, der Holocaust möge doch bitte bitte reine Fiktion gewesen sein. Damit möchte ich allerdings nicht sagen, dass das Buch sich in Brutalitäten verliert, im Gegenteil!

Viel mehr schafft es der Autor, aus etwas unvorstellbar Grausamen ein Lobgesang an die Hoffnung zu schaffen, eine Hommage an das Leben. Aber auch gleichzeitig ein permanentes Auf und Ab, ein Leben der Gegensätzlichkeiten, in dem man sich bewähren muss.

webeling_lachen_todIm Laufe seines Aufenthalts lernt Ernst Hoffmann den Blockältesten Schlomo kennen, der einen Sonderstatus innehat und für die Einweisung und teilweise Züchtigung der Neuankömmlinge zuständig ist. Vordergründig belehrt er seine Mitgefangenen, tatsächlich aber gibt er ihnen Überlebenstipps und versucht einen Samen der Hoffnung zu sähen. Da kommt ihm Ernst Hoffmann gerade recht, der noch nicht wie die meisten anderen Inhaftierten innerlich gebrochen zu sein scheint und sich mit seinem Humor gegen die Widrigkeiten des Systems auflehnt und ein Stück weit selbst schützt. Gemeinsam beschließen sie, jeden Abend eine Show für alle Gefangenen zu inszenieren, um sie vom Lageralltag abzulenken und ihnen Mut zu machen.

Lange bleibt Hoffmanns komisches Talent unter den SS-Aufsehern nicht unbemerkt und er wird mit sehr widerwärtigen Mitteln gezwungen, die ranghöchsten Nazis zu unterhalten.

Ich spielte den jüdischen Schlemihl, war bereit, mich auf eine überlegene Art kleinzumachen, und meine […] Chancen auf eine Zukunft zu wahren.“ (S. 258)

Der Humor als Revolte gegen ein so abscheuliches System mag im ersten Moment grotesk erscheinen, aber tatsächlich hat es in der Geschichte funktioniert. Für wenige Augenblicke kehrte das Leben in die Gepeinigten zurück, denn „Der Mensch erträgt den größten Schmerz, wenn er das Leiden wert ist.“ (S. 273)

Der Protagonist Ernst Hoffmann sowie Schlomo wuchsen mir auf Anhieb ans Herz. Obwohl von Vornherein klar ist, dass Hoffmann das Lager überleben wird (denn die Geschichte wird im Rückblick erzählt), habe ich trotzdem ständig um sein Leben gefürchtet und mit ihm sämtliche Qualen durchlitten.

Der Schreibstil des Autors ist so eindrucksvoll, dass es mir fast nicht möglich war, mich von dem Buch emotional zu distanzieren. Permanente Todesangst, unmenschliche hygienische Bedingungen, Hunger, Durst, Schmerzen, Krankheiten, physische Gewalt, Verluste, Hoffnungslosigkeit, der ständige Druck, sich vermeintlich angemessen zu verhalten, dem allen waren die Häftlinge ausgesetzt und nie habe ich es so in aller Deutlichkeit zu spüren bekommen, wie hier.

Dem ganzen mit Humor entgegenzuwirken, ist eine so sonderbare, aber geniale Idee, dass es mich schier überwältigt hat. Und alles in allem ist dieses Buch genau das: Überwältigend.

„Humor ist nichts weiter als die strikte Weigerung, der Tragödie das letzte Wort zu überlassen.“ (S. 105)

Fazit

Eines der besten (wenn nicht gar das Beste!) Bücher, die ich, nicht bloß in Hinblick auf das Thema Holocaust, gelesen habe. Ich habe selten ein Buch gelesen, das sich so strikt weigert, den Leser loszulassen und ihm dann noch unglaublich viel mit auf den Weg gibt. Grandios!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.