Stefan Zweig: „Die Schachnovelle“

Zwei außerordentlich fähige Schachspieler treffen in Zweigs Schachnovelle aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Der eine, ein grober Klotz aus einem nicht näher benannten osteuropäischen Dorf ist die Sensation schlechthin: Atemberaubend ungebildet und unfähig zu jeder Geistesleistung – von Mathematik über das Schreiben bis zu den sprachlichen Fähigkeiten – entdeckt sein Ziehvater eines Tages eine Inselbegabung bei dem Jungen: Schach. Er besiegt zunächst die Schachkoryphäen des eigenen Dorfes, dann des Landes und wird schließlich der jüngste Weltmeister aller Zeiten.

Der Weltmeister begibt sich eines Tages in New York auf ein Schiff nach Südamerika, wo er für viel Geld gegen die dortigen Großmeister zu spielen gedenkt. Und überhaupt spielt er nur gegen Geld. Geld ist sein Motiv, Geld ist seine Antriebsfeder. In seiner Welt sieht er sich als den uneingeschränkten König und da er die Welt außerhalb des Schachs mangels Bildung kaum kennt, sieht er sich als König schlechthin. Entsprechend tritt er mit ungezügelter Arroganz auf, sehr zum Ärgernis der anderen Passagiere. Auf dem Schiff wird er von einer Gruppe von Amateuren zum Spiel herausgefordert und da sich ein wohlhabender Fabrikant unter den Spielern befindet, wird auch die notwendige Summe aufgetrieben.

Nach einigen Spielen, die die Gruppe kläglich verliert, geschieht plötzlich das Wunder. Ein bis dahin nicht in Erscheinung getretenes altes Männlein gesellt sich hinzu und erwirkt mit wenigen Zügen trotz der bereits bedrohlich schlechten Lage für die Gruppe der Amateure ein Remis. Des Weltmeisters Neugier ist geweckt, ebenso wie die Neugier der anderen Passagiere.  Wer ist der alte Mann, der hier so wundersam eingriff? Der so beäugte wird plötzlich schweigsam, beteuert er habe seit mehr als 20 Jahren kein Schachbrett mehr angerührt, und zieht sich eilig zurück.

Der Erzähler in Zweigs Schachnovelle ist Österreicher, ebenso wie der Retter, und so wird er auserkoren, ein Spiel Mann gegen Mann gegen den Weltmeister für den kommenden Abend zu arrangieren. Doch zuvor gilt es herauszufinden, warum jemand der seit Jahrzehnten kein Schachbrett mehr vor Augen hatte, ohne viel Nachdenken den amtierenden Weltmeister zum Remis zwingt. Hier setzt die Erzählung zu einer ganz besonderen Begegnung mit der Gestapo ein, die vorliegend nicht vorweggenommen werden soll.

Stefan Zweigs bekannteste Novelle ist mit Sicherheit das hier rezensierte Bestseller-Werk. Es gehört zu den großen Werken der Weltliteratur. Man muss das Spiel der Könige nicht beherrschen um mitzufiebern und die Entwicklung der Geschehnisse richtig einzuordnen – darauf hat der Autor sorgsam geachtet. Und doch kann man als Amateur kaum die Novelle lesen ohne hinterher die unbändige Lust zu verspüren, auch einmal wieder eine Partie zu spielen. Oder wie Zweig seinen Protagonisten sagen lässt, zu „ernsten“, denn der Begriff „Spiel“ schien ihm ungebührlich.

Die Schachnovelle handelt von Hochmut, sie handelt davon, dass verschiedenste Wege zu meisterlichem Können führen und sie greift auch das alte Thema auf, dass das Genie nie weit vom Wahnsinn entfernt sei. In vielen Rezensionen ist im Laufe der Jahre mancherlei in das Werk hereininterpretiert und fabuliert worden. Zwar lässt sich die Schachnovelle auch politisch lesen, als Stellvertreterauseinandersetzung für den Kampf der Systeme. Vergnüglicher ist es indes, Zweigs Bestseller zum schlichten Vergnügen zu lesen und das Vordergründige als eigenständiges Thema zu würdigen.

Von Lisa

 

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