Rezension von Annemarie

Eine Familie. Ein Zuhause. Lebenslange Freundschaften. Hatten die ältere Dame und Jupiter aus demselben Werbeprospekt vorgelesen? Oder hatten sie tief in Morrigans Herz geblickt und darin eine Wunschliste entdeckt, von deren Existenz nicht einmal sie selbst etwas geahnt hatte? (Jessica Townsend)

Inhalt

Morrigan Crow ist kein normales Mädchen – als Protagonistin eines Fantasy-Romans wäre das natürlich auch ziemlich langweilig. Was sie allerdings besonders macht, ist keine besondere Begabung, sondern ein Fluch. Seit ihrer Geburt ist sie verflucht und wird daher für jedes Unglück in der Stadt Jackalfax verantwortlich gemacht. Der Fluch sieht auch vor, dass sie zur Abendzeit – das Ende der Ära – sterben soll. Die Abendzeit kommt leider ein Jahr früher als erwartet, an ihrem 11. Geburtstag. Nur knapp kann sie dem Tod in Form der Rauchschattenjagd entkommen – durch die Hilfe des mysteriösen Jupiter North, der ihr Förderer sein möchte, um sie zum Mitglied der Wundersamen Gesellschaft auszubilden. Diese Gesellschaft befindet sich in dem Städtchen Nevermoor im Freistaat. Dort lebt sie fortan im Hotel Deucalion, welches Jupiter leitet. Gemeinsam mit ihm und ihrem neuen Freund Hawthorne bereitet sie sich auf die Prüfungen für die Aufnahme in die Gesellschaft vor. Und wäre das nicht schon aufregend genug, ist auch noch die Polizei hinter ihr her – denn sie ist eine Illegale im Staat. Außerdem geschehen unerklärliche Dinge in Nevermoor, die angeblich mit einem seit 100 Jahren verschwundenen und verbannten Wunderschmied zusammenhängen sollen. Und dann ist da noch die Sache mit der besonderen Begabung – Morrigan hat nämlich keine … oder doch? Ob Morrigan bei der ganzen Aufregung die vier Prüfungen wohl bestehen wird? Oder muss sie letztendlich wieder in die Republik zurückkehren, wo die Rauchschattenjagd bestimmt schon auf sie wartet?

Rezension

Angesprochen von dem zauberhaften Cover, das diesen Roman ziert, war ich gespannt auf die Geschichte. Ist sie wohl so wundervoll und ansprechend wie die Gestaltung des Covers?

Leider war ich zu Beginn nicht wirklich überzeugt. Die Geschichte hat mich, angefangen bei dem Prolog bis hin zu den ersten Kapiteln, wirklich sehr verwirrt. Ständig kamen neue Begriffe, Ortsbezeichnungen und Namen hinzu. Dass einige der Namen ziemlich komisch klingen und wenig ästhetisch sind, hat es nicht gerade besser gemacht. Hinzu kam die häufige Verwendung von Kürzeln, die völlig aus dem Zusammenhang gerissen verwendet wurden – ständig musste ich zurückblättern, um nachzuvollziehen, wofür ein Kürzel eigentlich steht. Auch konnte ich mir die Welt, die Townsend erschaffen hat, nicht so wirklich vorstellen. Gerade zu Beginn wurde mit Ortsbezeichnungen und Gebieten nicht wirklich gegeizt. Später hat mich dann die Tatsache verwirrt, dass es in einer ansonsten komplett fiktiven Welt die schottischen Highlands gibt – das macht auf mich einen wenig durchdachten Eindruck.

Die Ungereimtheiten gehen aber noch weiter. So gibt es beispielsweise ein Fest, das in fast allen Motiven an Halloween erinnert – aber ‚Hallowmas‘ heißt. Wohingegen Weihnachten auch in Nevermoor so genannt wird. Zum einen wird die Kultur im Buch der fiktiven Welt angepasst, aber dann wird es einfach nicht konsequent durchgesetzt – das finde ich schade.

Das wirkt jetzt so, als hätte mir das Buch so gar nicht gefallen. Das stimmt aber nicht. Es war eben der etwas schwierige Einstieg und die gelegentlichen Ungereimtheiten, die mich gestört haben. Ansonsten finde ich die Geschichte sogar sehr gelungen.

Der Text liest sich sehr flüssig und die Geschichte hat mich nach kurzer Zeit in ihren Bann gezogen. Sobald Morrigan im Freistaat und in Nevermoor angekommen ist, wurde es weniger verwirrend. Dies kann zum einen damit zusammenhängen, dass viele der Wesen einem bereits aus anderen fantastischen Geschichten bekannt sind – Trolle, Drachen usw.

Die Geschichte hat mich tatsächlich in einigen Teilen – beispielsweise im Aufbau und in einigen Ideen – stark an eine Mischung aus Harry Potter, Alice im Wunderland und Mary Poppins erinnert. Hinzu kamen die sehr fantasievollen eigenen Ideen der Autorin – so zum Beispiel das lebende Hotel Deucalion mit den wunderbar magischen Räumen. Dadurch hat das Buch ein sehr bunt gemischtes Repertoire an magischen und fantastischen Wesen, Orten und Situationen. Zum Großteil werden diese von der Autorin sehr anschaulich und bildlich beschrieben – wodurch die Vorstellungskraft beim Lesen angeregt wird und man sich direkt als Teil dieser Welt fühlt. Was mir an dem Buch aber besonders gefallen hat, ist der Spannungsaufbau. Der Autorin ist es hervorragend gelungen, die Spannung von der ersten Seite an aufzubauen und fast bis zum Ende hin aufrechtzuerhalten. Außerdem hat sie mehrere Spannungsbögen miteinander verwoben, ohne dass es verwirrend wurde. Auch die Themenvielfalt ist lobend zu erwähnen. Neben den üblichen Themen wie Freundschaft, Mut und Zusammenhalt geht es in dem Buch auch um spannende Prüfungen und Wettkämpfe, Ängste, Vorurteile, Außenseitersein und vieles mehr. Außerdem wird ein sehr aktuelles Thema angesprochen: Flucht und illegaler Aufenthalt. Durch Morrigan als ‚Illegale‘, die bei einer Abschiebung um ihr Leben bangen muss, bietet sich für die Leser die Möglichkeit, sich in die Lage Schutzsuchender hineinzuversetzen, die bei einer Rückkehr in ihre Heimat ebenfalls in Lebensgefahr schweben könnten.

Morrigan und die anderen Hauptcharaktere waren mir weitestgehend sympathisch. Durch den personalen Erzähler konnte man gut an Morrigans Gefühlswelt teilhaben und sich so in einigen Situation mit ihr identifizieren. Allerdings nehme ich ihr das Alter von 11 Jahren teilweise nicht so ganz ab – dafür reagiert sie in einigen Situation zu erwachsen. Hinsichtlich der Charaktere hat die Autorin es geschafft, dass nicht direkt offensichtlich ist, wer Freund und wer Feind ist. Morrigan weiß daher bis zum Schluss nicht, wem sie eigentlich vertrauen und auf wen sie zählen kann.

Schade finde ich, dass sich in dem Buch selbst keine so zauberhaften Illustrationen wie auf dem Cover wiederfinden. Hier gibt es lediglich zu Beginn jedes Kapitels dekorative Vignetten der Illustratorin Eva Schöffmann-Davidov.

Fazit

Ich bin bei neuen Fantasy-Romanen immer etwas skeptisch. Gerade aufgrund der mittlerweile sehr hohen Auswahl an Büchern in diesem Genre ist es schwierig, etwas zu finden, das einen überzeugt. Jessica Townsend ist mit ihrem Auftakt zur Nevermoor-Trilogie ein Werk gelungen, das es weitestgehend geschafft hat, meine Erwartungen zu erfüllen. Die Geschichte ist spannend und weist alles auf, was ein guter Fantasy-Roman braucht. Zwar gibt es einige Kritikpunkte, die überzeugende Handlung und der Schreibstil der Autorin machen diese aber weitestgehend wieder wett. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung, die im März 2019 erscheint – und ein fast noch traumhafteres Cover hat. Teil 1 bekommt von mir 4 von 5 Sterne.