Rezension von Ramon

Inhalt

Doris Dörrie hat ein Buch über das autobiografische Schreiben geschrieben und gleichzeitig eine Autobiografie. Die verläuft nicht immer zeitlich linear, sondern oft assoziativ. Während man als Leser gebannt ihren Erinnerungen folgt, wird man gleichzeitig immer wieder ermuntert, sich schreibend dem eigenen Leben und erleben zu nähern. Nicht um Perfektion sollte es dabei gehen, im Gegenteil, Dörrie plädiert dafür, den Fluss der Inspiration so wenig wie möglich durch Nachdenken zu unterbrechen und dabei immer in Kauf zu nehmen, auch Blödsinn zu schreiben und Fehler zu machen.

Statt sich zu viel mit Konsum vollzustopfen, schlägt Dörrie vor, den instinktiven Erinnerungen zu folgen, um das Leben genauer wahrzunehmen und zu genießen. Den Erinnerungen an Bücher, Möbelstücke, Eltern, die Wohnung der Kindheit. An eigene Lügen, Träume und Gefühle. Wer waren wir und wer wollten wir sein? An Gerüche, Süchte und Prüfungen. An Verluste: Was haben wir verloren, wann ist überhaupt etwas verloren, was vermissen wir?

Jede Erinnerung, schreibt Dörrie, vermischt sich mit denen anderer und wandert so in einen Pool gemeinsamer Geschichten:  „Die genaue Beschreibung der Einzigartigkeit jedes einzelnen von uns bewahrt uns vor der Vorstellung, dass die Dinge klar und einfach sind. Sind sie nicht. Sie in all ihrer Widersprüchlichkeit zu beschreiben ist Waffe gegen Dogmatismus und Ausgrenzung.“

Die Autorin empfiehlt, in der dritten Person zu schreiben, wenn einem die Erinnerungen zu schwierig oder schmerzhaft erscheinen. Mitunter lohne es sich auch, zwei Fassungen zu schreiben, eine in der ersten Person und eine in der dritten und dann die Ergebnisse zu vergleichen. Dörrie greift selbst in mehreren Kapiteln des Buchs auf diese Technik zurück und verschafft so einen Eindruck davon, wie unterschiedliche Wirkungen dieser Perspektivwechsel haben kann. Die scheinbar größere Distanz der dritten Person kann auch helfen, tiefer zu sich selbst zu kommen.

In der Erinnerung der Autorin vermischen sich Schweres und Leichtes, Alltägliches und einschneidende Erlebnisse. Gegen Ende des Buchs werden die Themen existenzieller: Die Geister der Verstorbenen, das Unglück von Fukushima, der Tod ihres ersten Mannes nach längerer Krankheit und verzweifelten Versuchen mit alternativen Heilungsmethoden. Doch zuletzt schlägt Dörrie trotzdem den Bogen zurück zum optimistischen Anfang des Buches.

Fazit

Was Dörrie ihren Lesern empfiehlt, hat sie selbst getan, so fühlt es sich beim Lesen an. Ihre Erinnerungen wirken lebendig, sinnlich und assoziativ, niemals zu verkopft. Vieles ist von einem ironischen Humor getragen. Man hat auch nicht den Eindruck, dass hier sofort über die Außenwirkung nachgedacht wurde, alles macht einen authentischen Eindruck und hat Ecken und Kanten. Trotzdem sind die zahlreichen Erinnerungen und Details natürlich mit großem Gestaltungswillen zusammengefügt. Das Spontane der Erinnerungen ist von einer klaren Struktur mit fast romanhafter Dramaturgie zusammengehalten. Wer autobiografisch schreiben möchte, wird hier zudem viel Ermutigung und Inspiration finden, ganz jenseits von üblichen Ratgeberbüchern. Mir hat das Buch gut gefallen.