
Mit 'Kindergeschichten' legt Louise Anklam eine Sammlung vor, die in ihrer erzählerischen Haltung spürbar aus einer anderen Zeit stammt. Die kurzen Geschichten für Kinder bedienen sich eines sanften, zugewandten Tons und sind in Bildern und Sprache sehr zurückgenommen: Anklam setzt auf Beobachtung, kleine Alltagsszenen und einen charmant altmodischen Ausdruck. Beim Lesen spürt man, dass diese Erzählungen ursprünglich nicht für einen schnellen Konsum am Bildschirm, sondern für das ruhige Vorlesen im Familienkreis konzipiert sind. Das Werk bietet keinen lauten Abenteuersog oder schillernden Eskapismus, sondern arbeitet mit Stille und Leichtigkeit – und verlangt ein Publikum, das Geduld mitbringt. Für heutige Leser stellt sich damit die Frage nach dem Zugang: Ist diese klassische Form der Kindergeschichte noch anschlussfähig – oder bleibt sie ein literarisches Relikt, das seinen Reiz erst durch geduldige Lektüre entfaltet?
Die 'Kindergeschichten' von Louise Anklam sind in ihrer Struktur eng an den ganz gewöhnlichen Alltag angelehnt. Es finden sich darin Szenen, in denen Kinder in behüteten, oftmals familiären Situationen kleine Abenteuer erleben oder über scheinbar belanglose Begebenheiten staunen. Im Zentrum steht häufig das Erleben des Moments – das Staunen über Wetter, Naturbeobachtungen oder winzige soziale Missverständnisse, wie sie dem kindlichen Blick eigen sind. Die Erzählhaltung ist durchgehend ruhig, manches Mal fast meditativ. Auffällig ist, wie zurückhaltend erzogen oder moralisch interveniert wird; die Geschichten sind sanft, verzichten aber nicht auf leise Hinweise auf das Zusammenleben, auf gegenseitige Rücksicht und die Bedeutung kleiner Gesten.
Die Sprache wirkt für heutige Leser ungewohnt, gelegentlich umständlich, mitunter aber auch charmant in ihrer Altersfrische. Häufig finden sich Formulierungen und Vokabeln, die nicht mehr alltäglich sind. Die Dialoge bleiben zumeist knapp, inneres Erleben oder großer Konflikt werden nur angedeutet, nie explizit ausgestellt. Damit fordern die Texte ein konzentriertes Lesen – sie belohnen es aber mit einer feinen Beobachtungsgabe und einer liebevollen Zuwendung zu kindlicher Wahrnehmung. Unaufgeregt, ja fast beiläufig werden kleine Konflikte skizziert und gelöst. Fantasy-Elemente oder große Dramatik sucht man vergeblich. Stattdessen steht die Normalität im Mittelpunkt: Freundschaften, das Verhältnis zu Erwachsenen, Erwartungen und Enttäuschungen im überschaubaren Spielraum einer meist bürgerlich geprägten Alltagswelt.
Der Ton der Geschichten ist unmissverständlich von einer freundlichen, warmherzigen Grundhaltung getragen. Allzu große Gefühlsausbrüche werden gemieden, alles bleibt im Rahmen behutsamer, fast pädagogisch anmutender Zuwendung. Im heutigen Kontext wirkt diese Form mitunter überraschend zurückgenommen, gerade weil sie auf Effekt und Aufregung verzichtet. Manche Passagen verlangen Durchhaltevermögen: Die Geschichten nehmen sich Zeit, verzichten auf große Pointen, sondern folgen in geduldigen Bögen einer Alltagsbeobachtung, die heute leicht überlesen werden könnte.
Atmosphärisch leben die Geschichten von ihren leisen Tönen. Sie bieten sich besonders als Einschlafgeschichten an, da die Stimmungen ruhig und zugewandt bleiben, nie belehrend, selten pathetisch. Gleichzeitig gibt es Strecken, in denen die Spannung fehlt und die Lesenden sich aktiv auf die behutsame Erzählform einstellen müssen. Gerade in einer Zeit, in der Kinderliteratur häufig multimedial aufgearbeitet ist, sorgt diese Reduktion auf das einfache Erzählen für Irritation, kann aber auch gerade deshalb ein reizvoller Gegenentwurf sein.
Insgesamt bleibt festzuhalten: Louise Anklam liefert keine spektakulären Abenteuer, sondern eine Sammlung kleiner, leise nachklingender Szenen. Wer sich darauf einlässt, entdeckt nicht spektakuläre Handlungswenden, sondern eine Annäherung an ein anderes Tempo, an die kontemplative Entdeckung des Alltäglichen.
Warum dieser Klassiker heute noch lesenswert ist – und wo er sperrig bleibt
Die 'Kindergeschichten' sind ein Gegenentwurf zur rasanten Kinderliteratur moderner Prägung. Ihr besonderer Wert liegt gerade im bewussten Zeitlupentempo, mit dem kindliche Begegnungen und das Staunen über die Welt erzählt werden. In einer Welt, in der oft Effekthascherei und Lautstärke prägen, kann die ruhige, besonnene Diktion einen wohltuenden Kontrast bieten. Für Erwachsene, die Kindern heute vorlesen, eröffnen Anklams Geschichten die Möglichkeit, nicht auf Sensation, sondern auf Empathie und geduldige Entdeckung des Gewöhnlichen zu setzen. Die Stärke des Buches liegt dabei in seinem poetischen Alltagsblick und der diskreten, nie aufdringlichen Vermittlung von Werten.
Allerdings bringt diese Besonderheit auch eine Sperrigkeit mit sich. Die Ausdrucksweise wirkt teils antiquiert, manche Situationen und Konflikte erscheinen aus heutiger Sicht wenig dramatisch. Kindern, die ein rascheres Erzähltempo gewohnt sind, könnten die Geschichten zu ruhig, die Handlung zu wenig zugespitzt erscheinen. Das Werk verlangt also, sich einzulassen – und kann, ausreichend Geduld vorausgesetzt, gerade darin einen literarischen Wert für die Gegenwart entfalten.
Buchdaten
- Autor: Louise Anklam
- Titel: Kindergeschichten
- Verlag: Gröls Verlag
- Hardcover-ISBN: 9783966370011
- Softcover-ISBN: 9783966370004