
Wer den Begriff ‚Taunus-Krimi‘ hört, landet vermutlich unweigerlich bei Nele Neuhaus. Sie hat es geschafft, einer vermeintlich unscheinbaren Region (Wohnen da nicht nur Frankfurter Banker und Lufthansa-Piloten?) zu literarischer Bekanntheit zu verhelfen – und mit ihren Ermittlerfiguren das Krimigenre im deutschsprachigen Raum ein wenig verschoben. Neuhaus’ Weg von der Fleischtheke bis an die Spitze der Bestsellerlisten ist dabei fast so erzählenswert wie einer ihrer eigenen Fälle.
Leben und Zeit
Nele Neuhaus wächst als eine von fünf Geschwistern in einer Familie auf, in der Bücher überall sind. Geboren in Münster, verschlägt es sie im Kindesalter in den Taunus. Die Region, in die sie als Elfjährige umzieht, bleibt biografisch und literarisch ihr Anker. Nach dem Abitur beginnt sie ein Studium in Jura, Germanistik und Geschichte, verlässt die Universität aber bald. Es folgen Arbeitsjahre – zunächst in einer Werbeagentur, dann im Fleischereibetrieb ihres damaligen Mannes. Erst nachts, am Rand des Alltags, entstehen die ersten Manuskripte. Immer spielt der Taunus eine zentrale Rolle: als Gegenüber, Landschaft und Projektionsfläche. Dass Neuhaus später ausgerechnet über ihre Wahlheimat schreibt, ist kein Zufall – sie kennt die Brüche, das Ländliche, die Nähe zur urbanen Welt.
Der Weg zum Schreiben
Das Schreiben beginnt früh, zunächst mit Lautschrift, später auf der Schreibmaschine. Dennoch ist der Pfad von der Buchleidenschaft zur Autorinnenbiografie alles andere als gradlinig. Neuhaus heiratet jung und arbeitet tagsüber in der Fleischerei. Nur nachts gehört ihr der Schreibtisch – hier nimmt der Traum vom Schreiben, über Jahre hinweg, konkrete Gestalt an. Der Sprung aufs literarische Parkett gelingt nicht sofort: Sie veröffentlicht eigenständig, der Selbstverlag ist Notlösung und Initialzündung zugleich. Eine Chance, aus der Untiefe der Schubladenmanuskripte aufzutauchen. Mit dem Roman „Unter Haien“ (2005) und dem Auftakt der Taunus-Krimis „Eine unbeliebte Frau“ (2006) verschiebt sich das Kräfteverhältnis: Plötzlich liest die Öffentlichkeit mit. Den sicheren Durchbruch markiert 2010 „Schneewittchen muss sterben“.
Der Mensch hinter den Büchern
Nele Neuhaus wirkt in Interviews als jemand, der das Schreiben ernst nimmt, aber seine Figuren durchaus zu einer Art Lebensgemeinschaft erweitert hat. Sie will Ermittler, deren Privatleben mit den Fällen verschränkt sind. Authentizität ist für sie kein Marketingschlagwort. Ihre Beziehung zum Taunus als Schauplatz bleibt ebenso programmatisch wie persönlich – Neuhaus nennt die Region „unterschätzt“, hebt deren Gegensätze hervor, das Ineinandergreifen von Bankenviertel und Dorfidylle. (Wobei die Idylle in der Realität unterschiedlich ausgeprägt ist. Für Kronberg kann man das zum Beispiel bejahen. Aber Oberursel zum Beispiel ist auch ein Taunus-Städtchen. Die Grundsteuern dort scheinen an den Starnberger See angelehnt und Touristen zahlen in den Hotels Kurtaxe – für ein nichtssagendes Kaff, in dem auf Schritt und Tritt alles vermüllt ist.) Als Haltung tritt ein ausgeprägtes Beharren auf Kontrolle über ihre Stoffe hervor. Spürbar wird das besonders an den Adaptionen ihrer Romane für das Fernsehen: Neuhaus reagiert enttäuscht auf handlungsverändernde Eingriffe der Filmschaffenden – eine Kollision von künstlerischer Eigenständigkeit und Medienwirklichkeit. Zu Recht möchte man meinen, denn allzu oft verhunzen Film-Leute die Werke bis zur Unkenntlichkeit. Wer beispielsweise „Der Schwarm“ nur als Film gesehen hat, wird das mehr oder weniger zugrunde liegende Werk von Schätzing vielleicht gar nicht mehr lesen wollen, denn der Film ist atemberaubend woker Unsinn.
Das Werk: Was man lesen sollte
Wer einen Einstieg sucht, greift zu „Eine unbeliebte Frau“, dem ersten Band der Taunus-Serie. Der eigentliche Popularitätsschub aber kommt mit „Schneewittchen muss sterben“: Hier kulminiert Neuhaus’ Hang zu komplexen Strukturen und vielschichtigen Figuren in einem Plot, der zwischen dörflicher Enge, Verdächtigungen und den Schattenseiten des Alltäglichen changiert. Ihr Werk bleibt dem Kriminalroman als Form verpflichtet – und lotet dabei immer wieder das Zusammenspiel von Region und Weltläufigkeit aus. Neben den Taunus-Krimis legt Neuhaus Wert auf realistische Dialoge und eine sorgfältig konstruierte Handlung, in der Ermittlerleben und Fallarbeit untrennbar miteinander verschmelzen. Wer den Taunus bisher nur vom Durchfahren kannte, bekommt durch Neuhaus eine neue Perspektive auf das Vertraute – und auf das Unheimliche.
Verfasst vom Autorenteam.


