Ambrose Bierce
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Ambrose Bierce war einer der besten amerikanischen Kurzgeschichtenerzähler seiner Zeit – und vermutlich einer der unangenehmsten Literaturkritiker. Er verspottete Schriftsteller, Politiker, Geistliche und gesellschaftliche Größen mit einer Lust an der persönlichen Vernichtung, die ihm den Beinamen „Bitter Bierce“ einbrachte. Ein junger Dichter nahm sich wenige Tage nach einer Serie seiner Angriffe das Leben; Bierce wurde öffentlich mitverantwortlich gemacht und reagierte keineswegs besonders mitfühlend. Ein Gedicht von ihm, in dem er den später tatsächlich ermordeten Präsidenten William McKinley bereits auf der Bahre sah, löste nach dem Attentat einen nationalen Skandal aus. 1913 verabschiedete er sich schließlich im Alter von 71 Jahren, reiste in Richtung des mexikanischen Bürgerkriegs und verschwand so vollständig, dass bis heute niemand sicher weiß, wo und wie er starb. Selbst sein Abgang wirkte wie eine Geschichte von Ambrose Bierce.

Vom Pferd in die Erweckungsversammlung zum Bürgerkrieg

Ambrose Gwinnett Bierce wurde am 24. Juni 1842 als zehntes von dreizehn Kindern in Horse Cave Creek im US-Bundesstaat Ohio geboren und wuchs überwiegend im ländlichen Indiana auf. Sein Vater Marcus Aurelius Bierce war ein wirtschaftlich wenig erfolgreicher Farmer, besaß aber eine ungewöhnlich gute Bibliothek; die Mutter Laura Sherwood Bierce stammte aus einer streng protestantischen Familie. Armut und Religion bestimmten die Kindheit, und wenigstens gegen einen dieser beiden Einflüsse rebellierte Ambrose früh. Sein Bruder Albert erinnerte sich später an eine bemerkenswerte Aktion der beiden Jungen: Sie sollen eine religiöse Erweckungsversammlung gesprengt haben, indem sie ein altes weißes Pferd durch das Lager trieben und die Gemeinde auseinanderjagten. Das ist eine Familienüberlieferung und kein gerichtlich protokollierter Vorgang, passt aber auffällig gut zu dem Mann, der später praktisch sein gesamtes journalistisches Leben damit verbringen sollte, Autoritäten zu provozieren. Mit 15 verließ Bierce das Elternhaus und arbeitete als Druckerlehrling bei der abolitionistischen Zeitung Northern Indianan. 1859 besuchte er kurz das Kentucky Military Institute; ein Brand setzte dem Schulbetrieb 1860 ein Ende. Als 1861 der Amerikanische Bürgerkrieg ausbrach, meldete sich Bierce zur Unionsarmee. Er kämpfte unter anderem bei Shiloh, Chickamauga, Missionary Ridge und Kennesaw Mountain, arbeitete als topografischer Offizier und zeichnete Karten für militärische Operationen. Bei Kennesaw Mountain traf ihn eine Kugel am Kopf; Bierce beschrieb später, sein Schädel sei dabei „wie eine Walnuss“ aufgebrochen. Dass er den Krieg aus unmittelbarer Erfahrung kannte, unterscheidet seine späteren Kriegsgeschichten von einem großen Teil der amerikanischen Literatur seiner Generation.

Der Krieg war für Bierce Grauen und zugleich die intensivste Phase seines Lebens. Noch als alter Mann erklärte er, er habe danach kaum noch etwas erlebt, das mit diesen Jahren vergleichbar gewesen sei. Seine Erzählungen machen daraus keinen patriotischen Heldengesang. Soldaten sterben durch Missverständnisse, Zufälle, Angst und groteske Verkettungen; Ruhm zerfällt häufig innerhalb weniger Sätze in einen toten Körper. Bierce wusste, wie ein Schlachtfeld aussah, nachdem die heroischen Reden beendet waren. Nach dem Krieg nahm er noch an einer militärischen Expedition zu den westlichen Forts teil und gelangte 1866 nach San Francisco. Dort blieb er hängen. Aus dem Soldaten wurde zunächst ein Angestellter der Münzanstalt und dann ein Journalist – und damit begann jene Karriere, in der Bierce lernen sollte, dass man auch mit Sätzen Verwundungen verursachen kann.

„Bitter Bierce“: Ein Mann macht sich Feinde zum Beruf

San Francisco war damals eine junge, boomende Stadt mit Geld, Korruption, Kultur und einer Presse, die wesentlich aggressiver war als das spätere Ideal nüchterner Nachrichtensprache. Bierce passte hervorragend hinein. Ab Ende der 1860er Jahre schrieb und redigierte er für Zeitungen wie den San Francisco News Letter, später für The Argonaut und The Wasp. Von 1872 bis 1875 lebte er mit seiner Familie in England und schrieb dort unter anderem für das Satireblatt Fun. Nach seiner Rückkehr entwickelte sich seine Kolumne „Prattle“ zu einem gefürchteten Instrument der öffentlichen Demontage. Schließlich arbeitete Bierce lange für William Randolph Hearsts Zeitungsimperium, insbesondere für den San Francisco Examiner. Er attackierte Politiker, Unternehmer, Geistliche, Schriftsteller und Kollegen, und er tat dies nicht mit der höflichen Formel, ein Werk habe ihn „nicht vollständig überzeugt“. Wenn er jemanden für einen schlechten Dichter hielt, sollte möglichst auch der Dichter selbst nach der Rezension Zweifel am Sinn seiner weiteren Existenz bekommen. Henry James und William Dean Howells bekamen seinen Spott ab, Mark Twain wurde gleichzeitig bewundert, verspottet und als Rivale wahrgenommen. Oscar Wilde und George Bernard Shaw fanden ebenfalls wenig Gnade. Ganz gerecht ist allerdings die Behauptung nicht, Bierce habe grundsätzlich niemanden gelten lassen: Autoren, die er schätzte, konnte er enthusiastisch fördern. Besonders der Dichter George Sterling wurde zeitweise fast zu seinem literarischen Adoptivsohn; auch der junge H. L. Mencken beeindruckte ihn. Selbst Mark Twain hatte umgekehrt einzelne Arbeiten Bierces ausdrücklich gelobt. Das „Ekelpaket“ war also selektiv. Wer durch seine Qualitätskontrolle fiel, bekam allerdings kaum Schonung.

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Wie weit Bierce dabei gehen konnte, zeigt der Fall des heute vergessenen Dichters David Lesser Lezinsky. Bierce hatte dessen Verse wiederholt öffentlich lächerlich gemacht. 1895 nahm sich der 31-jährige Lezinsky das Leben. Eine Untersuchung stellte fest, dass er seit längerer Zeit unter schwerer nervlicher Erschöpfung gelitten hatte; einen seriösen Nachweis, Bierces Kritiken hätten den Suizid verursacht, gibt es nicht. Zeitgenossen, darunter die Dichterin Ina Coolbrith, machten Bierce dennoch mitverantwortlich. Bierce verteidigte sich damit, er habe niemals Lezinsky als Menschen, sondern ausschließlich dessen öffentlich vorgelegte Gedichte angegriffen. So weit nachvollziehbar. Weniger schmeichelhaft ist eine von seinem ehemaligen Freund Adolphe Danziger überlieferte Reaktion, wonach Bierce auf die Nachricht vom Tod sinngemäß erwidert haben soll, dies sei das einzig Anständige gewesen, was Lezinsky je getan habe. Ob Bierce den Satz tatsächlich so gesagt hat, lässt sich nicht unabhängig belegen; dass Danziger ihn ihm zuschrieb, ist dagegen dokumentiert. Genau diese Unterscheidung ist wichtig. Bierce war boshaft genug, dass ihm fast jede Grausamkeit glaubwürdig zugeschrieben werden konnte – und seine eigene öffentliche Rolle hatte er selbst geschaffen.

Ein Gedicht, ein ermordeter Präsident und ein gewaltiger Skandal

Noch explosiver wurde eine journalistische Geschmacklosigkeit, die zunächst fast niemand beachtete. Nachdem 1900 der Gouverneur von Kentucky, William Goebel, angeschossen worden war, veröffentlichte Bierce im New York Journal vier Verse, in denen er sich vorstellte, die Kugel sei auf dem Weg, auch Präsident William McKinley auf die Bahre zu bringen. Zwanzig Monate später wurde McKinley tatsächlich von Leon Czolgosz angeschossen und starb an den Folgen des Attentats. Nun wurde Bierces alter Vierzeiler landesweit hervorgeholt. Politische Gegner machten die aggressive Sprache der Hearst-Presse für ein Klima verantwortlich, das zur Tat beigetragen habe; Bierce und Hearst gerieten massiv unter Beschuss. Bierce erklärte später, sein Gedicht sei als Warnung gedacht gewesen: Ein erfolgreicher politischer Mord könne weitere hervorbringen. Ob diese nachträgliche Erklärung überzeugt, kann jeder Leser selbst beurteilen. Einen Beleg dafür, dass Czolgosz Bierces Gedicht kannte oder sich davon zum Attentat anregen ließ, gibt es nicht; entsprechende Behauptungen wurden bereits damals bestritten. Bierces Verse waren geschmacklos und politisch verheerend für seinen Arbeitgeber – eine Mitverantwortung für den Mord lässt sich daraus nicht ableiten.

Der Fall zeigt trotzdem, warum Bierce als Journalist eine solche Wirkung hatte. Er schrieb nicht, um Einverständnis herzustellen. Er wollte treffen. 1896 schickte Hearst ihn nach Washington, wo Bierce gegen ein Gesetzesvorhaben kämpfte, von dem große Eisenbahninteressen profitiert hätten. Als der mächtige Eisenbahnunternehmer Collis P. Huntington ihn angeblich aufforderte, seinen Preis zu nennen, soll Bierce einen Betrag genannt haben, der genau der Summe entsprach, die das Unternehmen dem Staat schuldete – zahlbar an den Schatzmeister der Vereinigten Staaten. Ob jedes Wort der später überlieferten Szene genauso gefallen ist, ist weniger wichtig als das Muster: Bierce konnte seine Angriffslust auch gegen sehr mächtige Gegner richten. Er war nicht bloß ein Mann, der schwache Dichter quälte. Heuchelei, Korruption und gesellschaftlicher Respekt waren für ihn geradezu Einladungen zum Angriff.

Zwei tote Söhne – und ein Zyniker, der keineswegs gefühllos war

Privat verlief das Leben ähnlich konfliktreich. 1871 heiratete Bierce Mary Ellen „Mollie“ Day. Das Paar bekam die Söhne Day und Leigh sowie die Tochter Helen. Die Ehe zerbrach; 1888 trennte sich Bierce von seiner Frau, nachdem er Briefe eines Verehrers an sie entdeckt hatte. Die Scheidung wurde erst 1904 vollzogen, Mollie starb 1905. Noch schwerer trafen ihn die beiden Söhne. Day geriet 1889 im Alter von 16 beziehungsweise 17 Jahren in einen dramatischen Liebeskonflikt, erschoss seinen Rivalen und anschließend sich selbst. Leigh entwickelte sich zum schwer trinkenden jungen Journalisten. Ende 1900 zog er sich nach einem betrunkenen Weihnachtseinsatz in Schnee und Kälte eine hartnäckige Erkältung zu. Während er bereits krank war, ließ ihn sein Vater einem ebenfalls erkrankten Freund Geld ins Krankenhaus bringen; einige Wochen später entwickelte sich Leighs Zustand zur Lungenentzündung. Bierce eilte nach New York und blieb an seinem Bett. Am 31. März 1901 starb Leigh mit 27 Jahren. Die Behauptung, Bierce habe kein Geld für die Behandlung seines Sohnes gehabt, weil er es dem Freund gegeben habe, ist damit falsch. Überliefert ist etwas psychologisch fast Interessanteres: Derselbe Mann, der öffentlich gern den Unberührbaren spielte, schrieb nach Leighs Tod, er sei schwer getroffen und „ein wenig gebrochen“. Ein Jahr später zählte er nach eigener Aussage noch immer die Tage seit dem Tod seines Sohnes.

Gerade an dieser Stelle zerbricht das einfache Bild vom menschenfeindlichen Zyniker. Die Edition seiner Briefe zeigt einen Mann, der sich intensiv um seine Tochter kümmerte, junge Schriftsteller unterstützte, Freunde finanziell half und überraschend warmherzige Briefe schreiben konnte. Gleichzeitig konnte er dieselben Menschen bei einem Streit mit geradezu grotesker Härte von sich stoßen. Kurz vor seinem Verschwinden zerstritt er sich sogar mit George Sterling und seinem Bruder Albert, dem Menschen, dem er seit der Kindheit wahrscheinlich am nächsten gestanden hatte. Sterlings Beschreibung eines der letzten Briefe ist bezeichnend: Bierce habe geschrieben wie „Gott zu einem Gossenjungen“. Der Mann, der sein Leben lang gegen Sentimentalität anschrieb, scheint Nähe immer wieder selbst zerstört zu haben, sobald sie kompliziert wurde. Genau deshalb ist „Ekelpaket“ als Überschrift reizvoll, als vollständige Charakterbeschreibung aber zu einfach. Seine Korrespondenz zeigt mehr Empathie, als seine öffentliche Pose vermuten lässt.

Bürgerkrieg, Horror und das Wörterbuch des Teufels

Literarisch ist Bierce vor allem wegen seiner kurzen Prosa geblieben. An Occurrence at Owl Creek Bridge gehört zu den berühmtesten amerikanischen Kurzgeschichten überhaupt. Ein zum Tode verurteilter Mann steht während des Bürgerkriegs auf einer Eisenbahnbrücke, und Bierce spielt anschließend so konsequent mit Zeit, Wahrnehmung und Bewusstsein, dass die Geschichte auch mehr als 130 Jahre später kaum etwas von ihrer Wirkung verloren hat. Wer sie noch nicht kennt, sollte sich den Schluss nicht vorher erklären lassen. Ebenfalls lesenswert sind Chickamauga, A Horseman in the Sky, The Damned Thing, The Death of Halpin Frayser und die autobiografisch gefärbte Erinnerung What I Saw of Shiloh. Seine Kriegserzählungen erschienen 1891 gesammelt als Tales of Soldiers and Civilians und später in erweiterter Form unter dem Titel In the Midst of Life. Bierces Horror bildet zugleich eine wichtige Verbindung zwischen Edgar Allan Poe und H. P. Lovecraft. In An Inhabitant of Carcosa erfand er bereits 1886 den Namen Carcosa; Robert W. Chambers übernahm ihn später in The King in Yellow, und von dort gelangten Motive weiter in die Weird Fiction des 20. Jahrhunderts. Selbst die viel spätere Fernsehserie True Detective griff Carcosa wieder auf.

Sein populärstes satirisches Werk entstand dagegen über Jahrzehnte. Bereits seit den 1880er Jahren veröffentlichte Bierce seine boshaften lexikalischen Definitionen in Zeitungen. 1906 erschien ein Teil davon als The Cynic’s Word Book; 1911 setzte sich schließlich der Titel durch, unter dem das Werk bis heute berühmt ist: The Devil’s Dictionary. Bierce definiert dort gewöhnliche Begriffe so, dass gesellschaftliche Selbsttäuschungen plötzlich sichtbar werden. Religion, Politik, Ehe, Geld, Moral und Ruhm werden auf egoistischere Motive zurückgeführt, als die Beteiligten gern eingestehen würden. Das Verfahren wirkt heute erstaunlich modern: Eine gute Bierce-Definition liest sich mitunter wie ein besonders böser Social-Media-Post, nur erheblich besser formuliert. Daneben schrieb er Fabeln, Gedichte, Essays und das Stilhandbuch Write It Right. Dass ausgerechnet dieser notorische Spötter außerordentlich streng auf korrekten sprachlichen Ausdruck achtete, passt gut zu ihm. Bierce war kein Freund des Chaos. Er wollte lediglich selbst entscheiden, wen er mit präzise gesetzten Worten darin versenkte.

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Mit 71 Jahren auf dem Weg in einen Bürgerkrieg

1913 war Bierce 71 Jahre alt, litt seit langem unter Asthma und hatte einen erheblichen Teil seiner alten Bindungen hinter sich gelassen. Im Oktober verließ er Washington und besuchte noch einmal die Schlachtfelder seiner Jugend. Danach reiste er weiter nach Texas und offenbar nach Mexiko, wo seit 1910 Revolution und Bürgerkrieg herrschten. Die oft erzählte Version lautet, Bierce habe sich zeitweise den Truppen Pancho Villas als Beobachter angeschlossen und sei bis Chihuahua gekommen. Hier wird die Quellenlage allerdings unsicherer, als viele Biografien vermuten lassen. Der berühmte letzte Brief vom 26. Dezember 1913 wird Chihuahua zugeschrieben und endet mit der Mitteilung, er werde am nächsten Tag zu einem „unbekannten Ziel“ aufbrechen. Die Überlieferung der letzten Briefe ist teilweise kompliziert, weil nicht alle Originale erhalten sind. Sicher ist nur: Danach gibt es keine verlässliche Nachricht mehr von Bierce. Kein eindeutig identifizierter Leichnam, kein Grab und kein gesichertes Todesdatum wurden gefunden.

Dass er mit dem eigenen Tod zumindest kokettierte, ist dagegen gut belegt. Schon vor der Reise schrieb er von der Möglichkeit, in Mexiko an eine Wand gestellt und erschossen zu werden. Seiner Nichte gegenüber formulierte er die berühmte Pointe: „To be a Gringo in Mexico—ah, that is euthanasia!“ Daraus entstand die attraktive Theorie, Bierce sei bewusst in einen Krieg geritten, um sich einen dramatischeren Tod als Krankheit und Alter zu verschaffen. Möglich ist das. Bewiesen ist es nicht. Ebenso wenig sind spätere Geschichten bewiesen, Pancho Villa persönlich habe ihn erschießen lassen, Bierce sei wegen Spionage exekutiert worden oder habe sich heimlich in den Grand Canyon zurückgezogen und dort selbst getötet. Die ehrlichste Version seiner Biografie endet deshalb nicht mit einem Todesdatum, sondern mit einem Fragezeichen. Ausgerechnet der Autor, der in seinen Geschichten so gern den Moment zwischen Leben, Wahrnehmung und Tod verschob, verschwand selbst in einer biografischen Leerstelle.

Was man von Ambrose Bierce lesen sollte

Wer nur einen einzigen Bierce-Text lesen will, sollte mit An Occurrence at Owl Creek Bridge anfangen. Die Geschichte ist kurz, erzählerisch nahezu perfekt gebaut und zeigt Bierces große Stärke: Er kann mit wenigen Seiten Wahrnehmung, Zeit und Tod gegeneinander verschieben. Danach bieten sich Chickamauga und What I Saw of Shiloh an, weil dort deutlich wird, was seine eigene Kriegserfahrung aus seiner Literatur gemacht hat. Wer den unheimlichen Bierce sucht, sollte The Damned Thing, The Death of Halpin Frayser und An Inhabitant of Carcosa lesen. Für die andere Hälfte seines Talents gibt es The Devil’s Dictionary: kein Buch, das man unbedingt von vorne bis hinten durcharbeiten muss, sondern eines, das man aufschlägt, einige Definitionen liest und wieder zuklappt, nachdem Bierce einem die Menschheit für den Nachmittag ausreichend verdorben hat.

Ambrose Bierce war kein großer Romancier, und er wusste das vermutlich selbst. Seine Versuche als Dichter sind heute weit weniger wichtig als seine Kurzgeschichten und Satiren. Aber in der kurzen Form war er außergewöhnlich. Seine besten Kriegsgeschichten gehören zu den härtesten literarischen Auseinandersetzungen mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg; seine phantastischen Geschichten führen von Poe weiter in Richtung Lovecraft; seine journalistische Bosheit nimmt den späteren H. L. Mencken vorweg. Und hinter dem öffentlichen Zyniker kommt bei genauerer Betrachtung ein widersprüchlicherer Mensch zum Vorschein: tapferer Soldat, verletzlicher Vater, großzügiger Mentor, nachtragender Freund und Kritiker ohne eingebaute Notbremse. Die schärfste Pointe seines Lebens schrieb er am Ende nicht einmal selbst. Er verbrachte Jahrzehnte damit, andere Menschen mit Worten verschwinden zu lassen – und wurde schließlich vor allem dadurch berühmt, dass er selbst verschwand.

Ambrose Bierce – die wichtigsten Fakten

  • Vollständiger Name: Ambrose Gwinnett Bierce
  • Geboren: 24. Juni 1842 in Horse Cave Creek, Ohio
  • Gestorben: unbekannt; seit Ende 1913 verschollen
  • Familie: zehntes von dreizehn Kindern
  • Militärdienst: Unionsarmee im Amerikanischen Bürgerkrieg
  • Wichtige Schlachten: unter anderem Shiloh, Chickamauga, Missionary Ridge und Kennesaw Mountain
  • Kriegsverletzung: 1864 schwere Kopfverletzung bei Kennesaw Mountain
  • Journalistische Zentren: vor allem San Francisco und später Washington
  • Beiname: „Bitter Bierce“
  • Wichtige Arbeitgeber: unter anderem San Francisco News Letter, The Argonaut, The Wasp und Zeitungen William Randolph Hearsts
  • Ehe: 1871 mit Mary Ellen „Mollie“ Day; Trennung 1888, Scheidung 1904
  • Kinder: Day, Leigh und Helen; beide Söhne starben vor ihrem Vater
  • Bekannteste Erzählung: An Occurrence at Owl Creek Bridge
  • Weitere wichtige Texte: Chickamauga, The Damned Thing, An Inhabitant of Carcosa und What I Saw of Shiloh
  • Wichtige Sammlung: Tales of Soldiers and Civilians, 1891
  • The Devil’s Dictionary: zunächst 1906 teilweise als The Cynic’s Word Book, ab 1911 unter dem berühmten Titel
  • Literarische Bedeutung: wichtige Verbindung zwischen Poe und der späteren amerikanischen Weird Fiction
  • Kontroverse um David Lesser Lezinsky: Bierce hatte dessen Gedichte öffentlich verspottet; nach Lezinskys Suizid 1895 machten ihn einige Zeitgenossen mitverantwortlich, ohne dass sich eine ursächliche Verantwortung belegen lässt
  • McKinley-Kontroverse: ein 1900 veröffentlichter Vierzeiler erwähnte den später ermordeten Präsidenten auf der Bahre; nach dem Attentat 1901 wurde der Text gegen Bierce und Hearst verwendet, ein Einfluss auf den Attentäter ist nicht belegt
  • Letzte Reise: 1913 über frühere Bürgerkriegsschauplätze in Richtung Mexiko
  • Letzte gesicherte Spur: Ende Dezember 1913; danach verliert sich seine Spur vollständig

Verfasst vom Autorenteam.