Peter Handkes Erzählung Die Angst des Tormanns beim Elfmeter gehört zu jenen Texten, die sich einer schnellen Einordnung entziehen. Auf den ersten Blick wirkt die Handlung knapp und beinahe nüchtern: Ein Mann verlässt seinen Arbeitsplatz, streift durch die Stadt, begeht ein Verbrechen und zieht weiter. Doch schon nach wenigen Seiten wird deutlich, dass nicht die äußere Abfolge der Ereignisse im Mittelpunkt steht, sondern die Art, wie Wirklichkeit wahrgenommen, missverstanden und sprachlich verarbeitet wird. Die Erzählung von 1970 markiert in Handkes Werk einen wichtigen Schritt zurück zum Erzählen, ohne sich dabei den Erwartungen an eine klassische, psychologisch erklärende Handlung zu unterwerfen. Gerade diese Spannung macht den Text bis heute so irritierend und anregend.
Inhalt
Im Zentrum steht Josef Bloch, ein Monteur, der früher als Fußballtormann bekannt war. Gleich zu Beginn verlässt er eine Baustelle, weil er eine alltägliche Situation als Mitteilung seiner Entlassung deutet. Schon dieser Auftakt ist bezeichnend: Nicht eine eindeutig ausgesprochene Tatsache setzt die Handlung in Gang, sondern eine Wahrnehmung, die sich zwischen Beobachtung und Deutung bewegt.
Bloch treibt in den folgenden Tagen durch Wien. Er besucht Lokale, geht ins Kino, schaut ein Fußballspiel und begegnet Menschen eher zufällig als zielgerichtet. Dabei wirkt er weder wie ein klassischer Flüchtender noch wie ein Mann mit klarem Plan. Vielmehr bewegt er sich in einer eigentümlichen Mischung aus Wachheit, Gleichgültigkeit und innerer Unruhe durch den städtischen Raum.
Während seiner Streifzüge lernt Bloch die Kinokassiererin Gerda kennen. Nach einer gemeinsam verbrachten Nacht tötet er sie. Die Tat erscheint nicht als dramatischer Höhepunkt im herkömmlichen Sinn, sondern wird mit einer verstörenden Sachlichkeit in den Gang der Ereignisse eingebettet. Gerade dadurch entfaltet sie ihre Wirkung: Das Außerordentliche tritt in einer Form auf, die kaum emotional markiert ist.
Nach dem Mord fährt Bloch mit dem Bus in einen südlichen Grenzort. Dort sucht er eine frühere Bekannte auf. Auch in dieser neuen Umgebung findet er keinen Halt. Er bewegt sich weiter durch Wirtshäuser, Straßen und Gespräche, nimmt Zeichen seiner Umgebung auf und reagiert auf sie, ohne dass daraus eine stabile Orientierung entstehen würde. Zugleich wird spürbar, dass die Polizei ihm näherkommt. Bloch scheint dies nicht entschieden verhindern zu wollen. Vieles an seinem Verhalten wirkt sogar so, als beobachte er die eigene Verfolgung mit einer Mischung aus Distanz und stiller Beteiligung.
Die Erzählung endet vor einer ausdrücklichen Festnahme. Statt eines abgeschlossenen Kriminalplots bleibt eine offene, gespannte Schlusssituation. Am Ende steht zudem das Bild des Elfmeters, das dem Titel nachträglich besonderes Gewicht verleiht: Der Tormann, der sich nicht verrät, zwingt den Schützen zu einer Entscheidung. Dieses Bild wirkt wie eine konzentrierte Formel für Blochs Lage und für die Logik des ganzen Textes.
Analyse und Interpretation
Handkes Erzählung lässt sich als Text über Wahrnehmungsstörungen, Zeichenlesen und Entfremdung verstehen. Bloch ist keine Figur, deren Inneres offen ausgebreitet würde. Der Erzähler bleibt in der dritten Person, hält sich aber eng an Blochs Wahrnehmungen. Dadurch entsteht ein eigentümlicher Schwebezustand: Man sieht die Welt fast nur durch Blochs Blick, erhält aber keine verlässliche Deutungshilfe. Was geschieht, ist daher oft weniger wichtig als die Frage, wie es überhaupt als Geschehen erfasst wird.
Schon die Anfangsszene zeigt dieses Verfahren. Bloch wird nicht eindeutig entlassen; er legt eine Situation als Entlassung aus. Damit steht von Beginn an die Unsicherheit im Raum, ob die Wirklichkeit falsch verstanden wird oder ob gerade in dieser Überempfindlichkeit eine verborgene Wahrheit liegt. Der Text interessiert sich also nicht nur für äußere Vorgänge, sondern für die Zwischenstufe zwischen Wahrnehmung und Bedeutung.
Diese Unsicherheit setzt sich in nahezu allen Begegnungen fort. Bloch registriert Gesten, Blicke, Wortfetzen und Abläufe mit großer Genauigkeit. Doch die Fülle der Einzelheiten führt nicht zu Klarheit, sondern zu weiterer Verwirrung. Zeichen sind da, aber sie ergeben kein verlässliches Ganzes. Darin liegt ein wesentlicher Zug der Erzählung: Sie zeigt eine Welt, in der Sinn nicht selbstverständlich vorhanden ist, sondern unablässig hergestellt werden müsste – und gerade daran scheitert die Figur.
Der Mord an Gerda wird häufig als Ausdruck eines radikalen Bruchs gelesen. Auffällig ist aber, dass Handke keine klassische Motivpsychologie anbietet. Bloch wird nicht durch ein klares Tatmotiv erklärt. Gerade dieses Fehlen macht die Tat verstörend. Sie wirkt weder wie die Folge eines nachvollziehbaren Konflikts noch wie der Höhepunkt eines kriminalistischen Plans. Vielmehr erscheint sie als grausamer Vorgang innerhalb einer bereits zerrissenen Wahrnehmungswelt. Das entzieht der Erzählung jede bequeme moralische Ordnung, ohne das Verbrechen zu verharmlosen.
Wichtig ist auch, dass Bloch nicht einfach als pathologischer Einzelfall dargestellt wird. Zwar erinnert seine Wahrnehmung in manchem an einen psychischen Ausnahmezustand, doch der Text geht über eine bloße Krankheitsgeschichte hinaus. Er macht sichtbar, wie fragil alltägliche Verständigung sein kann. Blochs Zustand erscheint als Zuspitzung eines Problems, das grundsätzlich jeden betrifft: Sprache und Wahrnehmung garantieren keinen festen Zugang zur Welt.
Von hier aus gewinnt auch der literarhistorische Ort des Textes Profil. Handkes Prosa steht um 1970 in einem Klima, in dem Sprache nicht mehr einfach als durchsichtiges Mittel des Erzählens erscheint. Zwar erzählt diese Erzählung wieder deutlich von Figuren, Orten und Handlungen, doch sie tut das unter dem Vorzeichen des Misstrauens gegen eingespielte Sinnmuster. Deshalb verbindet der Text eine relativ einfache Handlung mit einer tiefen Skepsis gegen psychologische Eindeutigkeit und sprachliche Selbstverständlichkeit.
Der Titel verdichtet diese Konstellation. Die Angst des Tormanns beim Elfmeter meint nicht nur eine Sportszene, sondern ein Modell für Wahrnehmung und Reaktion. Der Tormann steht vor einer Situation höchster Spannung, in der jede vorzeitige Bewegung ihn verrät. Das Bild handelt von Erwartung, Interpretation und dem Risiko der falschen Reaktion. Bloch, der selbst einmal Tormann war, lebt gewissermaßen in einem dauerhaften Zustand solcher angespannten Erwartung. Er liest die Welt wie eine Folge von Andeutungen, die jeden Augenblick eine Entscheidung erzwingen.
Figuren
Josef Bloch ist die mit Abstand wichtigste Figur der Erzählung. Er bleibt in mancher Hinsicht undeutlich, gerade weil der Text ihn nicht durch feste Eigenschaften erklärt. Bekannt ist seine frühere Rolle als Tormann, gegenwärtig arbeitet er als Monteur. Schon darin zeigt sich ein Bruch in der Biografie: eine vergangene Sichtbarkeit steht einer eher unscheinbaren Gegenwart gegenüber. Bloch ist zugleich aufmerksam und abwesend, empfindlich und stumpf, mobil und innerlich blockiert. Diese Gegensätze machen ihn schwer fassbar.
Auffällig ist, dass Bloch weniger durch große Entscheidungen als durch Reaktionen auf Situationen charakterisiert wird. Er handelt oft nicht zielbewusst, sondern gleitet von Moment zu Moment. Gerade diese Passivität ist jedoch trügerisch, denn aus ihr kann plötzlich extreme Gewalt hervorgehen. Bloch ist deshalb keine Opferfigur, sondern eine verstörende Hauptfigur, bei der Unbeteiligtheit und Täterschaft ineinander übergehen.
Gerda bleibt demgegenüber deutlich blasser konturiert. Das ist kein Zufall, sondern Teil der Konstruktion: Sie erscheint weitgehend in Blochs Wahrnehmungsfeld und erhält keinen eigenständigen Binnenraum. Gerade dadurch wird die Kälte des Textes erfahrbar. Die Erzählung zeigt, wie andere Menschen für Bloch nicht zu Gegenübern mit voller Wirklichkeit werden, sondern zu Figuren in einem ungesicherten Zeichensystem.
Auch die Personen im Grenzort bleiben episodenhaft. Die frühere Bekannte, die Wirtsleute, die Menschen in den Lokalen und Verkehrsmitteln bilden kein stabiles soziales Umfeld, sondern eine lose Folge von Begegnungen. Sie sind weniger als individuell ausgearbeitete Charaktere bedeutsam denn als Teil einer Welt, in der Kontakt stattfindet, ohne wirkliche Nähe zu erzeugen.
Gerade durch diese Figurenanlage wird Blochs Isolation verstärkt. Er ist nicht einfach allein, weil niemand da wäre, sondern weil Beziehungen nicht tragfähig werden. Das Stück macht sichtbar, wie Gesellschaft als Kulisse fortbesteht, während Verständigung im Innersten ausfällt.
Themen und Motive
Ein zentrales Thema ist die Entfremdung. Bloch wirkt von der Arbeit, von anderen Menschen und sogar von den eigenen Wahrnehmungen abgetrennt. Er bewegt sich durch alltägliche Umgebungen, ohne in ihnen heimisch zu sein. Diese Fremdheit betrifft nicht nur soziale Beziehungen, sondern die Grundform des Weltbezugs.
Eng damit verbunden ist das Thema der Sprachkrise. In der Erzählung wird nicht einfach zu wenig gesprochen; vielmehr erweist sich Sprache selbst als unsicheres Mittel. Worte, Gesten und Situationen tragen keine eindeutige Bedeutung. Bloch sucht in ihnen Signale und Mitteilungen, doch sie bleiben mehrdeutig oder kippen in Missverständnisse. Dadurch wird die Wirklichkeit nicht geordnet, sondern zusätzlich fragwürdig.
Ein weiteres wichtiges Motiv ist die Bewegung ohne Ziel. Bloch ist ständig unterwegs: auf Straßen, in Lokalen, im Bus, zwischen Stadt und Grenzort. Diese äußere Mobilität kontrastiert mit einer inneren Starre. Der Weg führt nirgends hin, sondern wiederholt nur die Unruhe der Figur. Das Umhergehen wird so zum Ausdruck eines existenziellen Zustands.
Hinzu kommt das Motiv der Beobachtung. Bloch beobachtet Menschen, Räume und Abläufe mit großer Intensität. Gleichzeitig scheint auch er beobachtet zu werden – von der Polizei, von Zufallsbekanntschaften, vielleicht sogar von der Welt selbst, die ihm Zeichen zuspielt. Daraus entsteht ein Klima latenter Bedrohung. Der Text lebt stark von dieser Spannung zwischen Sehen und Gesehenwerden.
Das Fußballmotiv ist natürlich besonders auffällig. Es ist jedoch nicht bloß dekorativ. Der Tormann verkörpert eine Figur des Wartens, der Anspannung und der Reaktionsbereitschaft. Beim Elfmeter entscheidet ein Augenblick darüber, ob Bewegung sinnvoll oder verhängnisvoll ist. Diese Logik überträgt sich auf die ganze Erzählung. Bloch lebt, als müsse er unaufhörlich auf Signale reagieren, ohne je sicher sein zu können, was sie bedeuten.
Schließlich spielt das Motiv der Grenze eine wichtige Rolle. Der südliche Grenzort ist nicht nur Schauplatz, sondern symbolischer Raum. Grenzen markieren Übergänge, Unsicherheiten und Zwischenzustände. Bloch befindet sich nicht mehr in einer geordneten Alltagswelt, aber auch noch nicht am Ende seiner Flucht. Das Dazwischen wird bei Handke zur eigentlichen Existenzform der Figur.
Sprache und Erzählweise
Die Sprache der Erzählung wirkt oft nüchtern, genau und unspektakulär. Gerade diese Zurückhaltung ist stilistisch entscheidend. Handke verzichtet weitgehend auf dramatische Zuspitzungen, moralische Kommentare und psychologische Ausdeutungen. Dadurch müssen Leser die Vorgänge selbst ordnen und ihre Irritation aushalten.
Der Erzähler berichtet in der dritten Person, bleibt aber dicht bei Blochs Wahrnehmung. So entsteht ein Erzählen, das zugleich nah und fern ist. Man erlebt keine offene Innenschau, folgt aber beständig einem Bewusstsein, das die Umwelt eigensinnig filtert. Diese Perspektivführung erzeugt Unsicherheit: Vieles scheint beobachtet, aber kaum etwas ist abschließend geklärt.
Typisch ist außerdem die Aufmerksamkeit für kleine Wahrnehmungsdetails. Bewegungen, Gegenstände, Ortswechsel und scheinbar nebensächliche Beobachtungen erhalten großes Gewicht. Das kann den Eindruck einer verlangsamten oder verschobenen Wirklichkeit erzeugen. Die Welt erscheint dann nicht als geordnetes Ganzes, sondern als Folge isolierter Eindrücke.
Bemerkenswert ist ferner, dass die Erzählung zentrale Ereignisse nicht mit dem Pathos versieht, das man erwarten würde. Der Mord wird nicht sprachlich ausgestellt, sondern beinahe in derselben Kühlheiß behandelt wie andere Vorgänge. Diese Form ist keine Gleichgültigkeit des Textes, sondern ein Verfahren der Verstörung. Das Außergewöhnliche wird nicht durch Lautstärke markiert, sondern durch seine Einbettung ins scheinbar Gewöhnliche.
Schließlich fällt die Offenheit der Deutung auf. Handke liefert keine eindeutige Schlüsselstelle, von der aus alles erklärt werden könnte. Gerade deshalb bleibt die Erzählung produktiv. Sie zwingt dazu, über Wahrnehmung, Sprache und Schuld nicht in fertigen Kategorien, sondern im Prozess des Lesens nachzudenken.
Was bei der Lektüre auffällt
Auffällig ist zunächst, wie stark die Erzählung Erwartungen an einen Kriminalstoff unterläuft. Es gibt einen Mord und eine Verfolgung, doch Spannung entsteht nicht primär durch die Frage nach Aufklärung oder Bestrafung. Wichtiger ist die Wahrnehmung einer Welt, die ihre Selbstverständlichkeit verloren hat.
Ebenso auffällig ist der Kontrast zwischen Erzählbarkeit und Sinnskepsis. Einerseits wird hier wieder deutlich erzählt: mit Figur, Schauplätzen und Handlung. Andererseits bleibt alles von einem Misstrauen gegen einfache Erklärungen durchzogen. Gerade darin liegt die besondere Stellung des Textes: Er kehrt zum Erzählen zurück, ohne die Probleme des Erzählens zu vergessen.
Beim Lesen zeigt sich außerdem, wie eng Gewalt und Wahrnehmung miteinander verbunden sind. Der Mord fällt nicht aus der Erzählung heraus, sondern steht in Beziehung zu Blochs gestörter Art, Zeichen zu lesen und Wirklichkeit zu verarbeiten. Das bedeutet nicht, dass Wahrnehmungsunsicherheit Gewalt notwendig hervorbringt. Aber der Text macht sichtbar, wie brüchig die Schwelle zwischen innerer Desorientierung und äußerem Handeln werden kann.
Für die Deutung wichtig ist schließlich, dass der Titel erst nach und nach seine ganze Tragweite entfaltet. Das Elfmeterbild wirkt wie ein Schlüssel, aber nicht wie eine einfache Lösung. Es beleuchtet Blochs Verhalten, die Spannung des Textes und das Verhältnis von Bewegung und Starre. Wer diese Metapher ernst nimmt, erkennt, dass die Erzählung ihr Thema weniger ausspricht als in einer Konstellation aus Handlung und Bild verdichtet.
Was könnten typische Prüfungsfragen sein?
- Wie wird Josef Bloch als Hauptfigur gestaltet, und warum entzieht er sich einer eindeutigen psychologischen Festlegung?
- Welche Funktion hat der Mord innerhalb der Erzählung, wenn man ihn nicht bloß als kriminalistische Wendung liest?
- Wie arbeitet der Text mit Wahrnehmungsunsicherheit und Missverständnissen?
- Welche Bedeutung hat der Titel für das Verständnis der Erzählung?
- Inwiefern verbindet Handke eine relativ einfache Handlung mit einer grundsätzlichen Skepsis gegen Sprache und Sinn?
- Welche Wirkung hat die nüchterne, distanzierte Erzählweise auf die Leser?
- Warum ist der Grenzort mehr als nur ein Schauplatz?
- Wie verhalten sich Bewegung und Stillstand in dieser Erzählung zueinander?
Fazit
Die Angst des Tormanns beim Elfmeter ist eine knappe, aber vielschichtige Erzählung über einen Menschen, dem die alltägliche Wirklichkeit entgleitet. Handke entwickelt daraus weder einen klassischen Kriminaltext noch eine eindeutige Krankengeschichte, sondern eine Prosa der Verunsicherung. Ihre Kraft liegt in der Zurückhaltung: im kühlen Ton, in der genauen Beobachtung und in der Weigerung, das Verstörende vorschnell zu erklären. So entsteht ein Text, der nicht nur von Blochs Krise erzählt, sondern grundsätzlich danach fragt, wie Menschen Welt wahrnehmen, mit Zeichen umgehen und an der Herstellung von Sinn scheitern. Gerade deshalb bleibt diese Erzählung weit über ihren knappen Umfang hinaus wirksam.
Buchausgabe ansehen:

