Chris Bohjalian
Bild: Wikimedia Commons Quelle

Chris Bohjalian hatte bereits etwa 250 Absagen gesammelt, bevor überhaupt jemand eine seiner Geschichten drucken wollte. Sein erster Roman erschien 1988 – und wird von seinem Autor bis heute mit bemerkenswerter Konsequenz als fürchterlich bezeichnet. Neun Jahre später schrieb er mit Midwives einen Millionenbestseller, Oprah Winfrey nahm das Buch in ihren Buchclub auf und Bohjalian gehörte plötzlich zur ersten Liga der amerikanischen Unterhaltungsliteratur. Seither hat er historische Romane, Thriller, Gesellschaftsromane und Geistergeschichten geschrieben, ließ sich für eine Recherche kopfüber in einem Flugzeugrumpf unter Wasser versenken und griff mit The Sandcastle Girls die Geschichte seiner eigenen armenischen Familie auf. 2026 erschien mit The Amateur sein 26. Buch. Einen einheitlichen „Bohjalian-Roman“ gibt es trotzdem kaum – und genau das ist Programm.

250 Absagen und ein Kollege namens James Patterson

Chris Bohjalian wurde am 12. August in White Plains im US-Bundesstaat New York geboren und wuchs in einer Familie mit armenischen und schwedischen Wurzeln auf. Sein Vater Aram stammte aus einer armenischen Familie, seine Mutter Annalee hatte schwedische Vorfahren. Schon als Grundschüler schrieb Bohjalian Geschichten, aber der Weg zum Berufsschriftsteller war ausgesprochen unspektakulär. Er studierte am Amherst College, schloss summa cum laude ab und arbeitete anschließend in New York in der Werbebranche, unter anderem bei J. Walter Thompson. Geschrieben wurde vor oder nach der Arbeit. Bohjalian sammelte nach eigener Erinnerung ungefähr 250 Ablehnungen von Zeitschriften wie The New Yorker, Harper’s und Ellery Queen’s Mystery Magazine. Schließlich ging er das Problem beinahe wie ein Werbefachmann an: Er analysierte mehrere Ausgaben von Cosmopolitan, versuchte herauszufinden, welche Art von Kurzgeschichte dort funktionierte, schrieb gezielt eine passende Geschichte – und verkaufte sie tatsächlich. Danach meldeten sich Literaturagenten bei ihm. Weil er noch gar keinen Roman hatte, stand er ein Jahr lang morgens gegen fünf Uhr auf und schrieb vor der Arbeit A Killing in the Real World. Das Buch erschien 1988. Bohjalian beschreibt es heute keineswegs mit der üblichen Autorenformel vom „unreifen Frühwerk“, sondern als ausgesprochen schlecht. Die beste Prosa des ganzen Buches sei womöglich der Werbespruch auf dem Umschlag gewesen. Der stammte ausgerechnet von einem Kollegen aus der Werbeagentur, der selbst gerade begonnen hatte, Kriminalromane zu veröffentlichen: James Patterson.

1988 zogen Bohjalian und seine Frau, die Fotografin Victoria Blewer, nach Vermont. Der Umzug hatte eine hübsch unliterarische Vorgeschichte. Nachdem beide in New York zufällig in die Nähe einer heftigen Drogenrazzia geraten waren, stießen sie kurz darauf auf einen Zeitungsartikel über Vermont, flogen für ein Wochenende hin und beschlossen schließlich, dort zu leben. Bohjalian arbeitete zunächst weiter in einer Werbeagentur und schrieb nebenbei. Seine frühen Romane brachten zwar Veröffentlichungen, aber noch keinen großen Durchbruch. Hangman von 1991 bezeichnete er später ebenfalls als Lehrlingsarbeit. Past the Bleachers wurde immerhin 1995 fürs Fernsehen verfilmt. Parallel schrieb Bohjalian ab 1992 für die Burlington Free Press eine wöchentliche Kolumne über das Leben in Vermont. „Idyll Banter“ lief mehr als zwei Jahrzehnte bis 2015. Der spätere Bestsellerautor entstand also nicht durch einen spektakulären frühen Erfolg, sondern durch jahrelanges Schreiben, Ablehnungen und Bücher, von denen er selbst heute einige lieber vergessen würde.

Midwives: Das Buch, das alles veränderte

Der Wendepunkt kam 1997 mit Midwives. Bohjalian war auf die Idee gekommen, nachdem er bei einem Abendessen eine Hebamme kennengelernt hatte und von Hausgeburten fasziniert war. Daraus entwickelte er einen Roman über Sibyl Danforth, eine erfahrene Hebamme in Vermont, die während eines Schneesturms bei einer Hausgeburt eine verzweifelte Entscheidung trifft: Sie führt einen Kaiserschnitt an einer Frau durch, die sie für tot hält, um das Baby zu retten. Später entsteht der Verdacht, die Mutter könnte zu diesem Zeitpunkt noch gelebt haben. Aus diesem Ausgangspunkt wird zugleich Familienroman, Gerichtsdrama und moralisches Experiment. 1998 nahm Oprah Winfrey Midwives in ihren Buchclub auf. Das Buch wurde Nummer eins auf Bestsellerlisten und verkaufte sich später mehr als zwei Millionen Mal.

Bemerkenswert ist, dass Bohjalian diesen Erfolg nicht dadurch wiederholte, dass er anschließend zehn Variationen von Midwives schrieb. Im Gegenteil. Er wechselte immer wieder Thema und Genre, teilweise so stark, dass Leser nicht unbedingt vermuten würden, dieselbe Person habe die Bücher geschrieben. The Law of Similars beschäftigt sich mit Homöopathie, Trans-Sister Radio mit einer Liebesbeziehung und Geschlechtsidentität, The Double Bind verbindet psychisches Trauma mit literarischen Bezügen auf The Great Gatsby, Skeletons at the Feast führt ins zusammenbrechende Deutschland von 1945, The Night Strangers ist eine Geistergeschichte, The Flight Attendant ein internationaler Thriller. Bohjalian formuliert das als persönliche Regel: Er wolle möglichst nie zweimal dasselbe Buch schreiben.

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Das führt zwangsläufig zu Schwankungen. Nicht jedes Experiment funktioniert gleichermaßen gut. Trans-Sister Radio wurde 2000 für seinen frühen Versuch gelobt, eine transgeschlechtliche Figur ernsthaft ins Zentrum eines populären Romans zu stellen, wirkt in Sprache und Perspektive inzwischen teilweise deutlich zeitgebunden. Bei The Guest Room, seinem Roman über Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung, lobten Kritiker Recherche und Spannung, andere warfen ihm vor, Figurenentwicklung zugunsten von Botschaft und Sensation zu vernachlässigen. Gerade darin unterscheidet sich Bohjalian von Autoren, die eine einmal gefundene Erfolgsformel bis zur Perfektion wiederholen: Das Risiko des Genrewechsels produziert gelegentlich schwächere Bücher, verhindert aber weitgehend literarischen Stillstand.

Für die Recherche lässt er sich kopfüber unter Wasser versenken

Der auffälligste Bestandteil seiner Arbeitsweise ist die Recherche. Dabei beschränkt er sich nicht darauf, Fachbücher zu lesen und Experten anzurufen. Für The Night Strangers von 2011 brauchte er die Perspektive eines Piloten, der nach dem Ausfall beider Triebwerke ein Verkehrsflugzeug auf einem See notlanden muss. Bohjalian interviewte Piloten und beschäftigte sich mit Flugunfällen, wollte aber wissen, was ein Mensch körperlich erlebt, wenn ein Flugzeug auf dem Wasser verunglückt und sich überschlägt. Also ging er in einen Trainingssimulator: einen nachgebauten Teil eines Flugzeugrumpfes über einem riesigen Wasserbecken. Beim letzten Durchgang wurde er im Pilotensitz angeschnallt, der Rumpf ins Wasser fallen gelassen und um 180 Grad gedreht. Bohjalian hing vollständig unter Wasser und kopfüber im Gurt und musste sich befreien. Ihm ging es nach eigener Aussage weniger um spektakuläre Angst als um die scheinbar belanglosen Details, die eine Szene glaubwürdig machen: Orientierung, Körpergefühl, Gurte, Bewegungen und die Frage, was ein Mensch in diesem Moment überhaupt noch wahrnimmt.

Das passt zu einem Schriftsteller, dessen Bücher häufig zwischen Unterhaltung und genauer Milieubeobachtung stehen. Für Midwives sprach er mit Hebammen und Medizinern, für historische Romane arbeitet er mit Archiven, Fotografien und Zeitzeugenmaterial, für The Guest Room recherchierte er Menschenhandel. Bohjalian nennt seine Bücher zwar nicht dokumentarisch, nimmt aber die tatsächliche Welt gern als Widerstand gegen allzu bequeme Erfindungen. Er interessiert sich besonders für Situationen, in denen Menschen eine einzige Entscheidung treffen müssen, deren Folgen sie anschließend nicht mehr kontrollieren können. Die Genres wechseln, das Grundprinzip bleibt erstaunlich stabil: Eine scheinbar normale Existenz bekommt einen Riss, und der Roman untersucht, was danach übrig bleibt.

Der Roman, den er jahrzehntelang nicht schreiben konnte

Besonders persönlich wurde dieses Verfahren bei The Sandcastle Girls von 2012. Bohjalians väterliche Familie ist armenisch; seine Großeltern gehörten zur Generation der Überlebenden des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich. Bohjalian dachte nach eigener Aussage bereits als junger Schriftsteller darüber nach, diesen Stoff literarisch zu bearbeiten. Einen ersten Versuch in den 1990er Jahren hielt er selbst für misslungen und legte ihn weg. Erst als sein Vater schwer krank wurde und beide gemeinsam alte Familienfotos betrachteten und Familiengeschichten rekonstruierten, näherte er sich dem Thema erneut.

Der fertige Roman verbindet zwei Zeitebenen. 1915 reist die Amerikanerin Elizabeth Endicott nach Aleppo, um armenischen Flüchtlingen zu helfen, und begegnet dem armenischen Ingenieur Armen Petrosian. Fast hundert Jahre später beginnt eine amerikanische Schriftstellerin, die Geschichte ihrer eigenen Familie zu erforschen. Die Figuren sind nicht einfach Bohjalians Großeltern in Verkleidung, doch ohne seine Familiengeschichte, so hat er selbst betont, hätte das Buch nicht existiert. Es wurde eines seiner wichtigsten Werke und brachte ihm mehrere Auszeichnungen armenischer Organisationen ein.

Gerade hier ist der alte Titel „Meister der Zeitebenen“ nachvollziehbar. Bohjalian nutzt unterschiedliche historische Ebenen jedoch nicht nur als erzählerischen Trick. Ihn interessiert, wie Vergangenheit in Familien weiterlebt, obwohl spätere Generationen oft kaum noch wissen, was tatsächlich geschehen ist. The Sandcastle Girls wurde weithin gelobt, blieb aber nicht völlig unwidersprochen. Einzelne Kritiker aus armenisch-amerikanischen Zusammenhängen bemängelten eine zu deutliche Einteilung zwischen armenischen Opfern und türkischen Tätern beziehungsweise eine konventionelle historische Liebesgeschichte als Rahmen eines komplexen historischen Verbrechens. Das ist bei einem solchen Stoff kaum überraschend: Historische Genauigkeit und Romanerzählung lassen sich nicht vollständig deckungsgleich machen. Bohjalian selbst bezeichnete das Buch dennoch über Jahre als das Werk, das ihm persönlich am nächsten stehe.

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Thrillerautor, Literaturautor – oder einfach jemand, der Angst gut gebrauchen kann?

Spätestens mit The Flight Attendant von 2018 wurde Bohjalian einem noch größeren Publikum bekannt. Die Flugbegleiterin Cassie Bowden wacht nach einer durchzechten Nacht in einem Hotelzimmer neben einer Leiche auf und kann sich an entscheidende Stunden kaum erinnern. Daraus entwickelt sich ein Thriller über Alkoholismus, Selbsttäuschung und internationale Kriminalität. Bohjalian selbst widerspricht allerdings gern der Vorstellung, er habe einfach einen Thriller geschrieben. Für ihn sei das Buch in erster Linie die Charakterstudie einer funktionierenden Alkoholikerin. Spannung sei nur das Fahrzeug.

Das beschreibt seine Methode ziemlich genau. Auch bei seinen historischen Romanen und Thrillern interessiert ihn weniger das Rätsel allein als die psychologische Unruhe dahinter. 2024 sagte er, falls er überhaupt eine literarische „Superkraft“ besitze, dann sei es die Fähigkeit, Vorahnung von Verlust und Katastrophe in Handlung umzusetzen. Seine Bücher seien vom Gefühl des drohenden Unheils angetrieben. Vielleicht erklärt das auch, warum so unterschiedliche Stoffe bei ihm wiedererkennbar wirken: Flugzeugabsturz, Gerichtsprozess, Genozid, Hexenprozess oder Junggesellenabschied – meistens weiß der Leser früh, dass etwas entgleisen wird, aber noch nicht wie.

The Flight Attendant wurde ab 2020 als Fernsehserie mit Kaley Cuoco adaptiert und gewann unter anderem einen Emmy. Damit war Bohjalian endgültig nicht mehr nur der Autor von Midwives. Drei seiner Romane wurden außerdem zu Fernsehfilmen verarbeitet. Trotzdem blieb Vermont sein Lebensmittelpunkt. Er lebt dort mit Victoria Blewer; die gemeinsame Tochter Grace Experience arbeitet als Schauspielerin und hat Teile mehrerer Hörbuchfassungen seiner Romane eingesprochen.

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Verfasst vom Autorenteam.