
Der Roman beginnt mit einer bewusst widersprüchlichen Konstellation: Ein Ort, der nach Kindheit, Vertrautheit und heiler Welt klingt, wird zur Bühne für einen Fall, in dem Unsicherheit, Schuldfragen und makabre Komik eng beieinanderliegen. Karsten Dusse nutzt diese Reibung nicht nur für Spannung, sondern auch für einen ironischen Blick darauf, wie trügerisch Erinnerungen und Selbstbilder sein können.
Im Mittelpunkt steht Sophia, eine Kriminalpsychologin, die sich rund um ihren 45. Geburtstag auf Gut Immenhof wiederfindet – an einem Ort also, der für sie stark mit früheren Vorstellungen von Geborgenheit verknüpft ist. Nach einer Feier fehlen ihr jedoch entscheidende Erinnerungen an die Nacht, und sehr schnell gerät sie in eine Lage, in der sie nicht nur ein Verbrechen einordnen, sondern auch die eigene Rolle darin begreifen muss. Aus dieser Ausgangssituation entwickelt der Roman eine Ermittlung, die nach außen wie nach innen führt.
Besonders reizvoll ist das Kontrastprinzip, auf dem das Buch aufbaut. Dusse verwendet die Immenhof-Assoziation nicht als bloße nostalgische Dekoration, sondern als bewusst irritierende Folie. Gerade weil der Schauplatz mit Harmlosigkeit, Kindheitsgefühl und kulturell eingeübter Vertrautheit aufgeladen ist, wirken die kriminellen und grotesken Momente umso stärker. Der Roman lebt deshalb weniger von klassischer Landkrimi-Behaglichkeit als von der gezielten Verschiebung vertrauter Bilder.
Der Humor ist deutlich dunkel gefärbt, bleibt aber eher verspielt als zynisch. Er entsteht aus der schiefen Lage der Hauptfigur, aus Wahrnehmungsfehlern, Selbstbeobachtung und dem Umstand, dass Sophia ausgerechnet beruflich darauf spezialisiert ist, Verhalten zu deuten. Dadurch bekommen viele Szenen einen doppelten Boden: Die Figur versucht, andere und sich selbst zu lesen, während der Text gleichzeitig zeigt, wie begrenzt solche Deutungen sein können. Das sorgt für Ironie, ohne die Figuren bloßzustellen.
Sprachlich bleibt der Roman gut lesbar und auf Wirkung hin gebaut. Die Szenen sind klar geführt, die Dialoge und Zuspitzungen halten das Tempo hoch, und der Text zielt sichtbar auf eine Mischung aus Spannung und Unterhaltungsenergie. Wer einen schweren, durchgehend düsteren Krimi erwartet, wird hier allerdings etwas anderes bekommen: Dusse interessiert sich stärker für Ton, Konstellation und erzählerisches Spiel als für maximalen Realismus oder psychologische Schonungslosigkeit.
Interessant ist vor allem der Umgang mit Nostalgie. Immenhof steht hier nicht einfach für eine hübsche Kulisse, sondern für das, was Menschen aus Erinnerungen machen: Rettungsbild, Sehnsuchtsraum, Selbsttäuschung. Gerade mit Blick auf Lebensmitte, frühere Beziehungen und biografische Rückschauen erhält die Krimihandlung dadurch eine zweite Ebene. Die Frage nach dem, was in einer bestimmten Nacht geschehen ist, verbindet sich mit der größeren Frage, wie zuverlässig die Geschichten sind, die man sich über das eigene Leben erzählt.
Nicht alle Leserinnen und Leser werden denselben Zugang zu diesem Konzept finden. Wer mit dem Immenhof-Motiv wenig verbindet, wird einen Teil der zusätzlichen Resonanz eher als kulturellen Hintergrund wahrnehmen. Und wer Krimis vor allem nach Plausibilitätsschärfe oder bedrückender Konsequenz liest, könnte den leichten, ironisch verschobenen Zugriff als zu glatt empfinden. Gerade diese Mischung macht den Roman aber eigen: Er setzt weder auf pure Nostalgie noch auf harten Thriller-Ernst, sondern auf einen bewusst schrägen Zwischenbereich.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun: Erstens zieht die Ausgangsidee sofort hinein, weil sie vertraute Kindheitsbilder mit einer kriminalistischen Schieflage verbindet. Zweitens funktioniert der schwarze Humor nicht nur als Gag, sondern als eigener Blick auf Erinnerung, Selbsttäuschung und Krisenstimmung in der Lebensmitte. Drittens gewinnt die Geschichte durch die Hauptfigur, deren berufliche Perspektive die Suche nach der Wahrheit zusätzlich interessant macht. Ein möglicher Einwand: Wer einen kompromisslos ernsten, stark realistischen Krimi sucht oder mit dem Immenhof-Bezug gar nichts verbindet, könnte den Ton des Romans als zu spielerisch empfinden.
Buchdaten
- Autor: Karsten Dusse
- Verlag: Heyne
- Preis: 24,00 €
- ISBN: 9783453274549
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Rezension von Flora

