
»Ach, eine Fanfare!« ist kein Versuch, Literatur vollständig zu ordnen oder einen verbindlichen Kanon aufzustellen. Stattdessen entsteht aus sehr unterschiedlichen Texten ein persönliches Bild davon, welche Schriftstellerinnen und Schriftsteller Elke Heidenreich über lange Zeit beschäftigt haben. Das Buch verbindet Rückblicke auf Lektüren mit Beobachtungen zu Werken und zeigt, wie eng Lesen, Erinnerung und eigenes Leben miteinander verknüpft sein können.
Der Band versammelt Texte aus verschiedenen Zusammenhängen und Zeiten, darunter Besprechungen, Reden, Vorträge sowie Vor- und Nachwörter. Im Mittelpunkt stehen Autorinnen und Autoren, die für Heidenreichs eigenes Lesen bedeutsam waren. Genannt werden unter anderem Gottfried Benn, Simone de Beauvoir, Dylan Thomas, Hermann Hesse, Anaïs Nin, Ruth Klüger und Tomi Ungerer. Dadurch entsteht keine geschlossene Literaturgeschichte, sondern eine Sammlung literarischer Annäherungen, die von Erfahrung, Erinnerung und wiederholter Lektüre getragen ist.
Seine besondere Stärke gewinnt das Buch aus der entschieden persönlichen Perspektive. Heidenreich schreibt nicht mit demonstrativer Distanz, sondern aus erkennbarer Nähe zu den gelesenen Werken. Gerade das gibt den Texten Energie. Statt eines systematischen Überblicks entsteht der Eindruck eines fortgesetzten Nachdenkens über Bücher, die im eigenen Leben Spuren hinterlassen haben. Auch Leserinnen und Leser, die nicht mit allen Namen vertraut sind, können diesem Zugang gut folgen, weil die Begeisterung stets den Einstieg erleichtert.
Sprachlich setzt Heidenreich auf Direktheit, Prägnanz und einen klar wiedererkennbaren Ton. Vieles liest sich so, als sei es aus mündlicher Rede hervorgegangen: lebendig, zugespitzt und rhythmisch geführt. Das verleiht dem Band Tempo und Präsenz. Zugleich bedeutet diese Form, dass Urteile nicht immer ausführlich abgesichert oder lange differenziert werden. Wer breit angelegte Interpretationen erwartet, wird hier also etwas anderes finden als jemand, der Freude an entschiedenen literarischen Stellungnahmen hat.
Besonders überzeugend ist, dass das Buch nicht nur über Schriftstellerinnen und Schriftsteller spricht, sondern auch über die Situationen des Lesens selbst. Immer wieder wird deutlich, zu welchem Zeitpunkt und aus welchem Grund einzelne Werke wichtig wurden. So entstehen zwei Ebenen zugleich: Porträts der behandelten Autorinnen und Autoren und ein Bild der Lesenden, die auf sie zurückblickt. Genau darin liegt das Eigenprofil des Bandes. Literatur erscheint als etwas, das Erfahrungen begleitet, Haltungen beeinflusst und im Gedächtnis weiterarbeitet.
Dass die Auswahl weder vollständig noch ausgewogen im enzyklopädischen Sinn sein will, gehört zum Konzept des Buches. Es lebt von Vorlieben, Wiederentdeckungen und subjektiven Akzenten. Das macht die Lektüre anregend, verlangt aber auch die Bereitschaft, sich auf diese Perspektive einzulassen. Manche Texte wirken eher wie Würdigungen oder persönliche Annäherungen als wie ausführliche Analysen. Wer das akzeptiert, liest den Band mit Gewinn; wer vor allem nach umfassender Einordnung sucht, wird manche Passagen als knapp empfinden.
Am stärksten ist »Ach, eine Fanfare!« dort, wo es Lust auf weiteres Lesen macht. Das Buch zeigt Literatur nicht als fernes Bildungsgut, sondern als lebendige Erfahrung, die in der Gegenwart weiterwirkt. Heidenreich vermittelt ihre Bindung an bestimmte Werke mit Nachdruck, ohne dass der Band dabei in bloße Selbstinszenierung umschlägt. Gerade deshalb eignet sich das Buch für Leserinnen und Leser, die Empfehlungen aus gelebter Lektüre schätzen und Interesse an kenntnisreichen, pointierten Texten über Literatur haben.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Ein erster Grund für dieses Buch ist die spürbare Freude am Lesen, die sich von Text zu Text mitteilt und Neugier auf bekannte wie weniger vertraute Namen weckt. Ein zweiter liegt in der Vielfalt der Formen: Besprechungen, Reden und literarische Erinnerungen stehen nebeneinander und zeigen, dass man über Literatur auf sehr unterschiedliche Weise sprechen kann. Drittens überzeugt die subjektive Perspektive, weil sie Bücher nicht abstrakt behandelt, sondern in Beziehung zu einem gelebten Leseleben setzt. Ein möglicher Vorbehalt bleibt jedoch: Wer vor allem einen ausgewogenen Überblick oder ausführliche Einzeldeutungen sucht, könnte die bewusste Zuspitzung mancher Stücke als etwas knapp empfinden.
Buchdaten
- Autor: Elke Heidenreich
- Verlag: Hanser
- Preis: 26,00 €
- ISBN: 9783446288348
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Rezension von Sarah


