
Was macht eine Dramatikerin zur Stimme einer Generation? Bei Tena Štivičić liegt der Schlüssel vermutlich im ständigen Wechselspiel zwischen Herkunft und Aufbruch. Ihre Stücke bewegen sich zwischen Zagreb, London und der Gegenwart Kroatiens – durchdrungen von den Kontrasten eines post-jugoslawischen Alltags, aber auch dem Drang, Theater als Ort für Fragen und Virtuosität neu zu denken.
Leben und Zeit
Geboren in Zagreb, geprägt von den Umbrüchen der 1970er und 1980er Jahre, wächst Tena Štivičić im kulturellen Umfeld einer Dramatikerfamilie auf. Ihr Vater Ivo Štivičić ist ein bekannter Autor, was frühe Berührungen mit dem Theater ermöglicht. Ihre Ausbildung an der Akademie der dramatischen Künste in Zagreb sowie dem Goldsmiths College in London führt sie schließlich in die englische Theaterszene. Nach Jahren in Großbritannien und Schottland – dort lebt sie mit dem Schauspieler Douglas Henshall und der gemeinsamen Tochter – folgt die Rückkehr in die kroatische Hauptstadt. Seit Juni 2024 leitet sie die Dramenabteilung des Nationaltheaters in Zagreb. Ihre Biographie lässt sich als ständiges Pendeln zwischen kulturellen Milieus lesen – ein Lebenslauf, der in den tiefen gesellschaftlichen Umbrüchen Südosteuropas eingebettet ist.
Der Weg zum Schreiben
Štivičić beginnt früh, eigene Stücke zu verfassen – ein Prozess, den sie selbst als schmerzhaft beschreibt. Bereits ihre ersten Arbeiten werden in renommierten Theatern Kroatiens und Serbiens aufgeführt. Sie schreibt sowohl auf Kroatisch als auch auf Englisch und erhält rasch Anerkennung über die Grenzen hinaus. Der Erfolg bleibt nicht aus: Schon ihr Debüt „Immer wieder sonntags“ 2000 wird mehrfach ausgezeichnet. Mit „Dvije“ gelingt ihr als einer der ersten Dramatikerinnen eines Nachfolgelands Jugoslawiens eine Aufführung in Belgrad – ein Statement über die Möglichkeiten künstlerischer Annäherung nach dem Zerfall des Vielvölkerstaats. Dass ihre Stücke internationale Bühnen erreichen, wird zum Markenzeichen – immer auf der Suche nach dem neuen Ton zwischen Herkunft und Gegenwart.
Der Mensch hinter den Büchern
Štivičić beschreibt den kreativen Prozess als bizarr und bisweilen schmerzhaft („Pisanje je bizaran i bolan način postojanja“). Hinter ihren Stücken steht die Überzeugung, dass das Theater ein Raum für höchste Virtuosität sein muss – und für die kritische Befragung gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten. In Interviews äußert sie sich offen zur Stellung von Frauen im Kulturbetrieb und hält Widersprüche aus, die sich aus ihrer internationalen Karriere genauso wie ihrem Engagement in Kroatien ergeben. Die Verehrung, die erfolgreichen Männern entgegengebracht werde, gelte Frauen selten in gleichem Maße, wie sie gegenüber der Zeitschrift Gloria anmerkt ([gloria.hr](https://www.gloria.hr/gl/kultura/razgovori/s-tenom-stivicic-o-predstavi-obitelji-kceri-starenju-i-poziciji-zena-vrsta-obozavanja-koje-prati-uspjesne-muskarce-ne-postoji-za-zene-15655952?utm_source=openai)). Ihr literarischer Ton: direkt, ohne Scheu vor Dunkelheit, oft mit trockenem Humor. Wandel ist für sie kein Widerspruch, sondern Programm.
Das Werk: Was man lesen sollte
Wer in das Werk von Tena Štivičić eintaucht, sollte sich dem frühen Stück „Immer wieder sonntags“ widmen: Hier verbinden sich persönliche und gesellschaftliche Brüche in prägnanten Dialogen. Mit „Die Zwei“ gelingt ihr auch politisch ein Brückenschlag im geteilten Balkan. Für internationale Bühnen wird besonders „Drei WInter“ relevant: Das Stück erhält den Susan Smith Blackburn Prize, thematisiert das Weiterwirken von Geschichte im Privaten und macht den Horizont von Štivičićs Schreiben sichtbar. Allen Texten gemeinsam ist ein Gespür für die Unsicherheit der Gegenwart, erzählerische Präzision und die Suche nach Offenheit in einer sich wandelnden Gesellschaft. Wer aktuelle Themen nicht als Randerscheinung, sondern als Stoff für große Bühnen sucht, findet in Štivičić eine Autorin mit Haltung.
Verfasst vom Autorenteam.

