Interview mit Jens Schumacher

 

Jens Schuhmacher Foto: E. Armknecht 2010

Jens Schuhmacher
Foto: E. Armknecht 2010

Jens Schumacher, geboren 1974, erfindet Geschichten, seit er einen Stift halten kann. Bislang veröffentlichte er rund 70 Bücher und Spiele für jugendliche und erwachsene Leser, darunter Fantasyromane, Krimis, interaktive Spiel- und Sachbücher sowie etliche Ausgaben der international erfolgreichen Kartenspielserie BLACK STORIES. Im Rahmen von Lesungen und Workshops ist Jens Schumacher heute im gesamten deutschsprachigen In- und Ausland unterwegs, seine Werke wurden in 15 Sprachen übersetzt. Der Autor lebt am Ende einer Sackgasse irgendwo im Saarland.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Denken Sie über so was nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein. Ich schreibe, worauf ich Lust habe, und versuche, das jeweilige Projekt so gut zu machen wie ich kann. Das muss reichen.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise  die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Ich muss gestehen, dass ich mir die Spiegel-Bestseller-Liste seit Jahren nicht mehr angeschaut habe. Ab und zu bekomme ich mit, wenn ein Freund oder Kollege darin auftaucht, das ist alles. So lange meine eigenen Absatzzahlen halbwegs beständig sind, braucht mich das glücklicherweise nicht zu interessieren.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Jedes Buch, das ich angehe, wird im Vorfeld detailliert und komplett bis zum Ende durchkonzipiert. Auf diese Weise gibt es später bei Ausarbeiten keine Leerlaufphasen oder tote Punkte. Disziplin hilft, im alltäglichen Chaos das nötige Arbeitspensum zu bewältigen. Nur gegen Selbstzweifel ist leider noch kein Kraut gewachsen. Vicco von Bülow sagte einst sinngemäß in einem Interview: »Ich bewundere Menschen, die nicht unter Selbstzweifeln leiden. Auf der anderen Seite glaube ich nicht, dass es ohne Selbstzweifel möglich ist, große Werke zu schaffen.« Dem kann ich wenig hinzufügen.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Das Internet wird in meinen Augen als Werbeträger für Printveröffentlichungen maßlos überschätzt. Online-Rezensionen, selbst die positivsten, haben so gut wie keinen Einfluss auf die Verkaufszahlen. Ich investiere im Schnitt schätzungsweise eine Viertelstunde pro Woche in die Pflege meiner Facebook-Fanseite sowie vielleicht noch einmal so viel für die Aktualisierung meiner Veranstaltungstermine dort sowie auf meiner Webseite. Das genügt.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Wenn ich selbst das Marketing für meine Bücher erledigen wollte, hätte ich längst einen eigenen Verlag gegründet. Das Bewerben und den Vertrieb meiner Bücher überlasse ich den Verlagen, sie kennen sich damit besser aus als ich. Mein Tipp an jeden, der selbst schreibt, wäre folgerichtig, seine Energie ausschließlich in den Inhalt fließen zu lassen, denn das sollte der alleinige Job eines Autors sein. Was ich mache, weil ich es gern tue, und was man im weitesten Sinne als Marketinginstrument bezeichnen könnte, da es auf lange Sicht nachweisliche Auswirkungen auf den Absatz hat, sind Lesereisen. Ich stehe im Schnitt etwa hundert mal im Jahr mit meinen Büchern vor Publikum, und meiner Erfahrung nach ist der direkte Kontakt zum Leser immer noch der probateste und effektivste Weg, ihn von der Qualität des Geschriebenen zu überzeugen – direkte und unverfälschte Rückmeldung inklusive.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Je älter ich werde, desto mehr stelle ich fest, dass es hauptsächlich Autoren sind, die ich in jungen Jahren gelesen habe, die meine heutige Arbeit beeinflussen, seien es phantastische Schriftsteller wie Leiber, Lovecraft oder de Larrabeiti, Verfasser von Abenteuer- und Kriminalgeschichten wie Arthur Conan Doyle oder H.G. Wells oder auch solche, die mich die Faszination an neuen formalen Wegen gelehrt haben, etwa Steve Jackson und Ian Livingstone. An zeitgenössischen Autoren haben mich in den letzten Jahren nur wenige wirklich beeindruckt, hier müsste ich wohl Jasper Fforde, Walter Moers und den Berliner Comiczeichner Fil erwähnen.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Wenn ich ein Rezept hierfür kennen würde, hätte ich es bereits genutzt. In unserer lauten, schnelllebigen Zeit führt der Weg vermutlich über die Generierung geballter multimedialer Aufmerksamkeit, virales Marketing und ähnliche Dinge – Maßnahmen, die mir wenig sympathisch sind und die ich deswegen nicht praktiziere.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Wie ich bereits weiter oben gesagt habe: Kenne die letzte Zeile des Buches, bevor die erste auf dem Blatt ist. Wer blind drauflosschreibt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Situationen im Sinne faktischer Szenen würden mir nicht einfallen – was die Story verlangt, das schreibe ich. Es gibt allerdings bestimmte Sujets, zu denen ich keinerlei Affinität habe, im Kinder- und Jugendbuch etwa Pferdegeschichten, im Erwachsenenbereich Liebesgeschichten. Da ich mich auf diesen Sektoren schlicht und ergreifend nicht auskenne, überlasse ich diese Felder anderen.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren  insgesamt zu dem Thema?

Das muss jeder Autor für sich selbst entscheiden – und ggf. bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Ich habe in über 70 selbstständigen Veröffentlichungen keine einzige auch nur am Rande politische Äußerung getätigt, und ich habe nicht vor, das in absehbarer Zeit zu ändern.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Wenn ich an einem Projekt mit fixem Abgabetermin arbeite, sitze ich zu festen Zeiten am Schreibtisch, meist vom frühen Vormittag bis in den Nachmittag. Wirklich ungestört bin ich dabei leider selten. Da ich mich außer um das Verfassen der Texte auch um Projektakquise, Veranstaltungsbooking und sämtliche andere Bereiche meiner Arbeit kümmere, klingelt im Schnitt spätestens nach einer halben Stunde das Telefon, es gibt irgendwelche Projekte zu besprechen, Fahnen zu korrigieren, Vereinbarungen aufzusetzen oder zu unterzeichnen, etc. pp. So kann es passieren, dass ich abends oder am Wochenende noch ein paar Seiten aufholen muss, wenngleich ich das mit zunehmendem Alter immer stärker zu vermeiden suche.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Bei dem Buch, an dem ich aktuell arbeite, handelt es sich um etwas, das ich in dieser Form bisher noch nie gemacht habe, eine humorvolle Mischung aus Sachbuch, Lebensratgeber und interaktivem Abenteuerbuch. Ich schreibe es zusammen mit meinem Freund und Kollegen Christian Humberg, es erscheint im Herbst 2015.

Fabelhafte Bücher: Mit bedanken uns herzlich für das Gespräch.