Alice McDermott
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Alice McDermott blickt in ihren Romanen auf die Welten der irisch-amerikanischen Gemeinschaft – mit besonderem Gespür für alltägliche Verflechtungen. Zwischen Brooklyn und Washington, D.C., arbeitet sie als Schriftstellerin und Professorin und ringt auf dem Papier immer wieder auch mit der katholischen Kirche. Ihre Themen sind Herkunft, Glauben und die Widersprüche geschlossener Milieus – aber vor allem die leisen, universal erlebten Verwerfungen gewöhnlicher Leben.

Viele ihrer Protagonistinnen und Protagonisten leben in den Randbereichen großer Fragen: Wie viel Heimat passt ins eigene Dasein, wie viel Vergebung in ein Leben? Alice McDermott schreibt nicht über das laute Drama, sondern über erschütternde Momente im Gewöhnlichen. Ihre Bücher kreisen um irisch-amerikanische Familien, geprägt von katholischer Tradition – und stellen Fragen an Herkunft, Gemeinschaft und die blinden Flecken großer Institutionen.

Leben und Zeit

Alice McDermott wuchs in Brooklyn in einer katholisch-irischen Familie auf und besuchte katholische Schulen wie die St. Boniface School sowie die Sacred Heart Academy in Hempstead. Sie erlebte die Nachkriegsjahrzehnte zwischen Tradition und beginnender Modernisierung im Einwanderungsmilieu New Yorks. Ihre Bildungsbiografie – Abschluss an der State University of New York in Oswego, Master in New Hampshire – brachte sie in die Welt der Akademie, lehrend und forschend, zuletzt als Professorin an der Johns Hopkins University. McDermott lebt heute vor den Toren Washingtons und, wie gelegentlich durchscheint, an der Schnittstelle ihrer eigenen Herkunft und der Gegenwart amerikanischer Gesellschaft.

Der Weg zum Schreiben

Bereits als Kind schrieb McDermott Geschichten in Notizbücher – anfänglich wenig mehr als eine private Leidenschaft, die nicht als Beruf gedacht war. Sie selbst beschreibt die ersten Erfahrungen mit Literatur als etwas, das aus der eigenen Lebenswelt erwuchs, nicht aus abstrakter Poetik. Erst mit den Jahren wurde das Schreiben zum ernsthaften Handwerk. Diese allmähliche Professionalisierung führte sie von ersten Skizzen zu literarischen Preisen und einer kontinuierlichen Produktion von Romanen, in denen sie immer wieder neu ausprobierte, wie viel man dem kleinen Kreis und den leisen Stimmen zumuten kann.

Der Mensch hinter den Büchern

McDermotts literarische Arbeit lässt sich kaum von ihrer Haltung zum Glauben und zu Herkunftsfragen trennen. Sie beschreibt sich öffentlich als "nicht sehr gute Katholikin" und spricht offen über Enttäuschungen gegenüber der Institution Kirche – trotz der bleibenden Prägekraft der katholischen Kultur (Irish Times 2017). Dieses Schwanken zwischen Zugehörigkeit und Kritik bestimmt viele ihrer Figuren, ebenso ihr eigenes Selbstverständnis als Schreibende. Ihr Stil verrät Geduld: vielschichtige Milieubeobachtung, Sensibilität für unausgesprochene Konflikte, eine Art versachlichte Empathie, die auch schwierigen Charakteren Raum gibt. McDermott hat mehrfach betont, dass alles Schreiben zumindest in Teilen autobiographisch ist – nicht im Erzählen biographischer Fakten, sondern weil Erfahrung immer durch die erste, selbst gelernte Sprache in Literatur mündet.

Das Werk: Was man lesen sollte

Wer zu McDermott greift, begegnet einer Palette von Romanen, die zwischen Heimatsuche und Selbstverlust pendeln. Das mehrfach ausgezeichnete "Charming Billy" etwa erzählt von gelebten Sehnsüchten und Trauer in einer Gemeinschaft, der die Geschichten nie ausgehen – und die Fluchtorte nie genügen. "The Ninth Hour" verhandelt Opfer und Selbstlosigkeit, nicht als abstrakte Werte, sondern mitten im Alltag einer katholischen Nachbarschaft. Mit "Absolution" hat sie zuletzt das Feld erweitert: Zwei Frauen im Saigon der 1960er Jahre, auch hier wieder die verschatteten Räume von Erinnerung und moralischer Spannung. McDermott empfiehlt sich damit für Lesende, die nicht Dramatik suchen, sondern die beiläufigen Zumutungen der Zugehörigkeit.

Verfasst vom Autorenteam.