
Emily Brontë hinterließ einen einzigen Roman – und brauchte nicht mehr, um unsterblich zu werden. Wuthering Heights, deutsch Sturmhöhe, wurde bei seinem Erscheinen 1847 als brutal, verwirrend und teilweise abstoßend empfunden und gehört heute zu den berühmtesten Romanen der englischen Literatur. Ähnlich widersprüchlich erscheint seine Autorin. Zeitgenossen beschrieben Emily als außergewöhnlich intelligent, mutig und willensstark, aber auch als schweigsam, schroff und schwer zugänglich. Jahre später bekam diese Starrsinnigkeit eine tödliche Dimension. Schwer erkrankt, abgemagert und kaum noch fähig zu atmen, verweigerte Emily wochenlang Arzt und Medizin. Erst wenige Stunden vor ihrem Tod erklärte sie sich bereit, einen Arzt zu sehen. Da war es zu spät.
Sechs Kinder, ein Pfarrhaus und eine erstaunlich kleine Welt
Emily Jane Brontë wurde am 30. Juli 1818 im nordenglischen Thornton als fünftes von sechs Kindern des anglikanischen Geistlichen Patrick Brontë und seiner Frau Maria geboren. Vor ihr kamen Maria, Elizabeth, Charlotte und Branwell, nach ihr Anne. 1820 zog die Familie nach Haworth in Yorkshire, wo Patrick die Pfarrstelle übernahm und wo sich fast Emilys gesamtes späteres Leben abspielen sollte. Schon ein Jahr später starb die Mutter an Krebs. 1824 kamen die älteren Töchter an die Clergy Daughters’ School in Cowan Bridge, deren harte Verhältnisse Charlotte später in Jane Eyre verarbeitete. Maria und Elizabeth erkrankten und starben 1825. Emily und Charlotte wurden nach Hause geholt. Innerhalb weniger Jahre hatte die kleine Emily damit ihre Mutter und zwei Schwestern verloren. Tod war im Pfarrhaus keine abstrakte Vorstellung, sondern Familienerfahrung.
Das verbliebene Geschwisterquartett Charlotte, Branwell, Emily und Anne entwickelte daraufhin eine geradezu obsessive Fantasiewelt. Aus Spielzeugsoldaten, Zeitungslektüre, Büchern und politischen Ereignissen entstanden zunächst die imaginären Reiche Glass Town und Angria. Später schufen Emily und Anne ihr eigenes Reich Gondal mit Herrschern, Kriegen, Gefangenschaften, Verrat und leidenschaftlichen Beziehungen. Die Prosatexte über Gondal sind fast vollständig verloren, aber zahlreiche Gedichte Emilys gehören in diese imaginäre Welt. Darin tauchen bereits Landschaften, Gewalt, Isolation und extreme Gefühle auf, die später in Sturmhöhe wiederkehren. Emily lebte also keineswegs geistig in jener kleinen Welt, die ihre Biografie äußerlich vermuten lässt. Während sie den größten Teil ihres Lebens in oder nahe Haworth verbrachte, baute sie im Kopf ganze Staaten auf.
Auch deshalb sollte man vorsichtig sein mit dem späteren Bild der weltfremden Einsiedlerin. Vieles, was wir über Emily wissen, stammt aus den Erinnerungen Charlottes, aus Elizabeth Gaskells späterer Biografie über Charlotte und aus wenigen Aussagen anderer Zeitgenossen. Emily selbst hinterließ kaum Briefe und keine autobiografische Selbstdarstellung. Das hat ihre Person besonders anfällig für Legenden gemacht. Mal wurde sie zur scheuen Naturmystikerin, mal zur wilden Menschenhasserin, später sogar aus der Ferne mit modernen psychologischen Diagnosen versehen. Beweisen lässt sich davon wenig. Gut belegt ist etwas Einfacheres: Sie war stark auf ihre Familie und Haworth konzentriert, suchte wenig gesellschaftlichen Kontakt und ertrug längere Abwesenheiten von zu Hause schlecht.
Eine hochbegabte Schülerin, die außerhalb Haworths kaum bleiben wollte
1835 ging Emily an die Roe Head School, an der Charlotte inzwischen unterrichtete. Der Aufenthalt dauerte nur wenige Monate. Emily wurde krank und litt offenbar so stark unter Heimweh, dass sie nach Haworth zurückkehrte. 1838 versuchte sie es auf der anderen Seite des Klassenzimmers und wurde Lehrerin an einer Schule bei Halifax. Auch dieser Versuch endete nach ungefähr einem halben Jahr. Der Schulbetrieb mit sehr langen Arbeitstagen lag ihr nicht; sie kehrte erneut nach Hause zurück. Das bedeutet allerdings nicht, dass Emily nicht arbeiten wollte. In Haworth übernahm sie einen beträchtlichen Teil der Haushaltsführung und erledigte praktische Aufgaben mit einer Selbstverständlichkeit, die schlecht zum späteren Bild der lebensuntüchtigen Dichterin passt.
1842 unternahm sie mit Charlotte den größten längeren Auslandsaufenthalt ihres Lebens. Beide gingen nach Brüssel an das Pensionnat Héger, um vor allem Französisch und Deutsch zu verbessern und sich auf die geplante Gründung einer eigenen Schule vorzubereiten. Dort begegnete Emily Constantin Héger. Während Charlotte sich später emotional stark an ihren Lehrer band, beeindruckte Emily ihn auf eine andere Weise. Héger hielt ihre intellektuellen Fähigkeiten sogar für außergewöhnlicher als die Charlottes. Nach seiner später überlieferten Einschätzung besaß sie einen ungewöhnlich ausgeprägten Sinn für Logik und Argumentation. In der Sprache des 19. Jahrhunderts erklärte er, eine solche Fähigkeit sei schon bei einem Mann ungewöhnlich und bei einer Frau noch seltener. Gleichzeitig diagnostizierte er gewissermaßen ihren charakterlichen Haken: Eine „stubborn tenacity of will“ beeinträchtige diese Begabung, weil Emily kaum noch für Argumente zugänglich sei, wenn ihre eigenen Wünsche oder ihr eigenes Gefühl für das Richtige betroffen seien.
Genau deshalb gefällt mir diese zeitgenössische Beschreibung wesentlich besser als das moderne Etikett „hyperintelligent“. Héger beobachtete nicht nur ihre Begabung, sondern die Verbindung zwischen Intelligenz und Starrsinn. Er soll erklärt haben, Emily hätte ein großer Entdecker oder Seefahrer sein können: Widerstand und Schwierigkeiten hätten sie kaum aufgehalten. Dass er sich nicht vorstellen konnte, eine Frau könne dieselben Eigenschaften auf andere Weise einsetzen, sagt natürlich ebenso viel über seine Zeit wie über Emily. Fest steht jedoch, dass sie in Brüssel erhebliche Fortschritte machte; mehrere ihrer französischen Essays sind erhalten. Nach dem Tod ihrer Tante Elizabeth Branwell kehrten die Schwestern Ende 1842 nach Haworth zurück. Charlotte ging später noch einmal allein nach Brüssel. Emily verließ Yorkshire danach praktisch nicht mehr.
Schroff, schweigsam – und vielleicht weniger sonderbar, als die Legende behauptet
Gerade ihre Persönlichkeit wurde nach ihrem Tod immer stärker mythologisiert. Eine Mitschülerin in Brüssel erinnerte sich wenig freundlich an die groß gewachsene, unbeholfen gekleidete Engländerin, die wenig Interesse an den Scherzen der anderen zeigte. Größere Freundeskreise außerhalb der Familie sind von Emily tatsächlich nicht bekannt. Sie liebte lange Wanderungen über die Moore und besaß eine auffallend enge Beziehung zu Tieren, insbesondere zu ihrem großen Hund Keeper. Zeitzeugen schilderten zugleich eine enorme körperliche Unerschrockenheit. Eine der berühmtesten Geschichten erzählt, Emily sei von einem möglicherweise tollwütigen Hund gebissen worden und habe die Wunde anschließend selbst mit einem glühenden Eisen ausgebrannt, ohne zunächst jemandem davon zu erzählen. Für den Kern dieser Geschichte gibt es neben Gaskells Bericht weitere frühe Erinnerungen, weshalb sie zumindest wesentlich besser gestützt ist als manche andere Brontë-Legende.
Schwieriger ist eine zweite Geschichte über Keeper. Nach Elizabeth Gaskells Darstellung hatte der mächtige Hund die Angewohnheit, sich auf frisch gemachte Betten zu legen. Emily hatte angekündigt, ihn beim nächsten Mal zu bestrafen. Als Keeper erneut auf einem Bett lag, soll sie ihn heruntergezerrt und mit bloßen Fäusten so heftig ins Gesicht geschlagen haben, dass seine Augen anschwollen. Anschließend habe ausgerechnet Emily selbst die Verletzungen versorgt. Die Geschichte stammt letztlich aus dem Umfeld Charlottes und wurde erst Jahre nach Emilys Tod veröffentlicht; moderne Brontë-Forscher haben zu Recht darauf hingewiesen, dass Gaskell das Bild der außergewöhnlich „wilden“ Emily gern verstärkte. Wir können also nicht wissen, ob jede Einzelheit genauso geschah. Weglassen würde ich sie trotzdem nicht. Sie gehört seit dem 19. Jahrhundert zur biografischen Überlieferung und passt zugleich zu dem widersprüchlichen Verhältnis, das gut dokumentiert ist: Keeper hing außerordentlich an Emily. Nach ihrem Tod soll er ihrem Sarg gefolgt sein und anschließend an der Tür ihres leeren Zimmers getrauert haben.
Gerade solche Geschichten zeigen, warum man bei Emily weder Heiligenbild noch Psychogramm aus zweiter Hand bauen sollte. Sie konnte offensichtlich hart sein. Sie war offenbar ausgesprochen reserviert. Aber aus denselben Überlieferungen erscheint sie loyal gegenüber ihrer Familie, praktisch geschickt, arbeitsam und ihren Tieren tief verbunden. Neuere Biografen haben deshalb zu Recht davor gewarnt, Charlottes und Gaskells Beschreibungen nachträglich in medizinische Diagnosen zu übersetzen. Dass Emily heute gelegentlich Autismus oder andere psychische Besonderheiten zugeschrieben werden, sagt ohne belastbare zeitgenössische Evidenz wenig aus. „Eigenwillig“ genügt als Beschreibung vollkommen.
Charlotte findet die Gedichte – und Emily ist außer sich
Die Schriftstellerkarriere begann nicht dadurch, dass Emily unbedingt veröffentlicht werden wollte. Im Herbst 1845 fand Charlotte zufällig – oder jedenfalls ohne Erlaubnis – ein Heft mit Emilys Gedichten. Charlotte war überwältigt und hielt sie nach eigener Aussage für vollkommen anders als die übliche zeitgenössische Lyrik von Frauen. Emily reagierte zunächst keineswegs erfreut über die Entdeckung ihres Genies, sondern wütend über den Eingriff in ihre Privatsphäre. Charlotte brauchte Stunden, um sie zu beruhigen, und Tage, um sie überhaupt für eine Veröffentlichung zu gewinnen.
1846 erschien schließlich auf eigene Kosten Poems by Currer, Ellis, and Acton Bell: Charlotte, Emily und Anne unter bewusst geschlechtsneutralen beziehungsweise männlich wirkenden Namen. Emily wurde Ellis Bell, Charlotte Currer Bell und Anne Acton Bell. Wirtschaftlich war das Unternehmen ein Desaster. Die erste Ausgabe verkaufte nach den Unterlagen des Brontë Parsonage Museum gerade einmal zwei Exemplare. Die wenigen Rezensionen waren allerdings wohlwollend, und besonders die Gedichte von „Ellis Bell“ wurden bemerkt.
Die drei Schwestern wechselten zur Prosa. Emily schrieb Wuthering Heights, Anne Agnes Grey, Charlotte zunächst The Professor. Emilys und Annes Romane fanden beim Verleger Thomas Cautley Newby Aufnahme und erschienen im Dezember 1847 gemeinsam in einer dreibändigen Publikation: zwei Bände Wuthering Heights, ein Band Agnes Grey. Charlotte hatte mit Jane Eyre bei einem anderen Verlag inzwischen bereits einen großen Erfolg erzielt.
Sturmhöhe: zu brutal für 1847, zu groß zum Verschwinden
Die ersten Reaktionen auf Wuthering Heights waren keineswegs jene einhellige Bewunderung, die ein Klassiker im Rückblick leicht suggeriert. Rezensenten erkannten zwar die ungewöhnliche Kraft des Romans, waren aber teilweise schockiert von Gewalt, Hass und moralischer Verwilderung. Eine zeitgenössische Kritik erklärte, der Leser werde von Grausamkeit und „diabolischem Hass“ beinahe körperlich abgestoßen. Andere fragten sich, welcher Mensch überhaupt ein derartiges Buch schreiben könne. Dass hinter Ellis Bell eine zurückgezogen lebende Pfarrerstochter aus Yorkshire stand, wusste das Publikum nicht.
Bis heute wird Sturmhöhe gern als große tragische Liebesgeschichte Catherine Earnshaws und Heathcliffs vermarktet. Das ist nur die halbe Wahrheit. Heathcliff ist ein misshandeltes Kind, das später selbst zum Misshandler wird. Er erniedrigt Menschen, manipuliert Ehen, misshandelt seinen Sohn und benutzt die nächste Generation, um sich an der vorherigen zu rächen. Catherines und Heathcliffs Bindung ist leidenschaftlich, aber keineswegs ein gesundes romantisches Ideal. Der Roman handelt mindestens ebenso sehr von Gewalt, Besitz, Klasse, Erbschaft, Rache und der Frage, wie Verletzungen über Generationen weitergegeben werden. Gerade deshalb passt das Buch auf unserer Oberstufen-Lektüreliste besser unter „Schuld und Sühne: Grenzfälle menschlichen Verhaltens“ als in eine harmlose Sammlung großer Liebesgeschichten.
Noch erstaunlicher ist seine Konstruktion. Die Geschichte wird nicht direkt von Catherine oder Heathcliff erzählt. Ein Außenstehender namens Lockwood hört einen großen Teil der Vergangenheit von der Haushälterin Nelly Dean, die wiederum keineswegs neutrale Beobachterin ist. Erzählungen liegen in Erzählungen, Informationen erreichen den Leser verspätet oder gefiltert, und die eigentlichen Hauptfiguren sind über lange Strecken gar nicht unmittelbar präsent. Ein Roman, der gern als eruptive Gefühlsäußerung einer naturverbundenen jungen Frau dargestellt wurde, ist formal ziemlich raffiniert gebaut.
Emily hat den späteren Ruhm nicht mehr erlebt. Zu Lebzeiten blieb unklar, wie stark sie sich selbst als professionelle Schriftstellerin verstand und ob sie einen zweiten Roman begonnen hatte. Es gibt Hinweise und Verlagskorrespondenz, die entsprechende Spekulationen ausgelöst haben, aber kein erhaltenes Manuskript, das eine sichere Aussage erlaubt. Nach ihrem Tod übernahm Charlotte die Kontrolle über das literarische Erbe. In der Ausgabe von 1850 nannte sie erstmals offen Emily und Anne als Autorinnen und versuchte zugleich, ihre verstorbenen Schwestern gegen den Vorwurf literarischer „Grobheit“ zu verteidigen. Gerade dadurch prägte Charlotte jedoch das bis heute wirksame Bild Emilys als instinktiver, ungeschliffener Naturbegabung – ein Bild, das ihre erhebliche handwerkliche und intellektuelle Disziplin möglicherweise unterschätzt.
„Kein vergiftender Doktor“ – die letzten Wochen
Am 24. September 1848 starb Branwell Brontë mit 31 Jahren. Alkohol- und Opiumprobleme hatten seine letzten Jahre überschattet; als unmittelbare Todesursache gilt gewöhnlich Tuberkulose. Emily erkrankte kurz nach seiner Beerdigung sichtbar schwer. Lange wurde erzählt, sie habe sich bei der Beerdigung lediglich erkältet und daraus sei eine Lungenentzündung geworden. Wahrscheinlicher ist, dass bereits eine Tuberkulose bestand und sich nun rapide verschlechterte. Husten, Schmerzen in Brust und Seite, extreme Abmagerung und Atemnot, wie Charlotte sie in ihren Briefen dokumentierte, passen dazu.
Emily verweigerte ärztliche Untersuchung nahezu vollständig. Charlotte schrieb am 23. November, ihre Schwester sehe hohl, ausgezehrt und bleich aus; selbst kleinste Anstrengungen führten zu heftigem Atemringen. Nur ein einziges Mal ließ Emily offenbar ihren Puls messen – 115 Schläge pro Minute. Über ihren Zustand wollte sie kaum sprechen. Als Charlotte einen Arzt holen wollte, soll Emily erklärt haben, kein „poisoning doctor“ werde in ihre Nähe kommen. Charlotte konsultierte schließlich heimlich den Londoner Arzt John Epps und schilderte ihm schriftlich die Symptome. Er schickte Medikamente. Emily nahm sie nicht.
Das wirkt aus heutiger Sicht selbstzerstörerisch, aber auch hier lohnt etwas historische Vorsicht. Tuberkulose war 1848 ohnehin kaum wirksam behandelbar. Antibiotika existierten nicht; ärztliche Hilfe hätte Emilys Leben möglicherweise angenehmer oder etwas länger machen können, eine Heilung war keineswegs wahrscheinlich. Ihr Verhalten bleibt dennoch extrem. Während sie immer schwächer wurde, bestand sie darauf, aufzustehen, sich selbst anzuziehen und ihre üblichen Tätigkeiten fortzuführen. Noch am Morgen ihres Todestages versuchte sie zu nähen. Charlotte und Anne beobachteten das mit wachsendem Entsetzen, durften ihre Schwester aber kaum auf ihre Krankheit ansprechen, ohne auf Widerstand zu stoßen.
Am 19. Dezember 1848 brach diese Haltung schließlich zusammen. Emily konnte nur noch flüsternd und nach Luft ringend sprechen. Nun sagte sie zu Charlotte sinngemäß: Wenn du einen Arzt rufen willst, werde ich ihn jetzt sehen.
Er kam nicht mehr rechtzeitig. Gegen zwei Uhr nachmittags starb Emily Brontë im Alter von 30 Jahren.
Darin liegt die beinahe unheimliche Übereinstimmung mit Hégers Beschreibung sechs Jahre zuvor. Ihr Lehrer hatte eine Frau erlebt, deren Wille seiner Ansicht nach von Schwierigkeiten kaum gebrochen werden könne und die nur schwer von einer einmal gefassten Überzeugung abzubringen sei. Man sollte daraus keine einfache Todesursache machen: Emily starb an einer schweren Infektionskrankheit, nicht an Charakterstärke. Aber dass sie ärztliche Hilfe bis unmittelbar vor ihrem Tod verweigerte, ist keine nachträgliche Legende. Charlottes Briefe dokumentieren es außergewöhnlich genau.
Emily wurde in der Familiengruft der Kirche St Michael and All Angels in Haworth beigesetzt. Anne erkrankte ebenfalls an Tuberkulose und starb nur fünf Monate später, im Mai 1849. Charlotte blieb als einzige der sechs Brontë-Geschwister übrig und starb 1855 ebenfalls früh.
Eine Autorin, über die wir erstaunlich wenig wissen
Gerade das sollte man bei jeder Emily-Brontë-Biografie im Kopf behalten. Wir besitzen einen Roman, knapp zweihundert bekannte Gedichte, einige französische Essays, wenige private Notizen und die Zeugnisse anderer Menschen. Wir wissen verhältnismäßig wenig darüber, was sie über Liebe, Politik, Religion oder ihre eigene Zukunft dachte. Es existiert keine große Korrespondenz, in der sie sich selbst erklärt.
Die Lücken wurden später mit Fantasie aufgefüllt. Die einsame Frau über den Mooren wurde romantisiert, ihre Scheu pathologisiert und ihre Härte gelegentlich fast zum Kult erhoben. Selbst die brutalen Tiergeschichten wurden mal als Beweis ihrer Wildheit verwendet und mal als Erfindungen späterer Biografen verworfen. Professioneller ist es, den Widerspruch auszuhalten. Emily war offenbar verschlossener und kompromissloser als ihre Schwestern. Sie war offensichtlich außergewöhnlich intelligent. Sie konnte mit Tieren zärtlich und nach einer frühen Überlieferung zugleich erschreckend hart umgehen. Sie scheiterte wiederholt daran, dauerhaft außerhalb Haworths zu leben, war dort aber keineswegs untätig oder lebensunfähig. Und aus diesem äußerlich erstaunlich engen Leben entstand eines der ungewöhnlichsten Bücher des 19. Jahrhunderts.
Vielleicht ist das letztlich faszinierender als jede psychologische Diagnose. Emily Brontë musste weder zahlreiche Liebesaffären erleben noch die Welt bereisen, um Heathcliff und Catherine zu erfinden. Sie besaß Gondal, die Moore, Bücher, ihre Geschwister und eine offenbar gewaltige Vorstellungskraft. Ein Roman genügte.
Emily Brontë – die wichtigsten Fakten
- Vollständiger Name: Emily Jane Brontë
- Geboren: 30. Juli 1818 in Thornton, Yorkshire
- Gestorben: 19. Dezember 1848 in Haworth, Yorkshire
- Alter: 30 Jahre
- Eltern: Patrick Brontë und Maria Branwell Brontë
- Geschwister: Maria, Elizabeth, Charlotte, Branwell und Anne
- Kindheit: nach dem frühen Tod der Mutter überwiegend im Pfarrhaus von Haworth
- Frühe Verluste: die älteren Schwestern Maria und Elizabeth starben 1825 nach Erkrankungen während beziehungsweise nach ihrer Zeit an der Clergy Daughters’ School
- Imaginäre Welt: gemeinsam mit Anne entwickelte Emily das fiktive Reich Gondal
- Berufserfahrung: kurzer Schulbesuch in Roe Head; etwa ein halbes Jahr Tätigkeit als Lehrerin; 1842 Studium in Brüssel
- Sprachen: intensive Beschäftigung unter anderem mit Französisch und Deutsch; außerdem klassische Bildung im familiären Umfeld
- Brüsseler Lehrer: Constantin Héger, der ihre außergewöhnliche logische Begabung und zugleich ihre extreme Willensstärke hervorhob
- Pseudonym: Ellis Bell
- Erste Veröffentlichung: Poems by Currer, Ellis, and Acton Bell, 1846, gemeinsam mit Charlotte und Anne
- Verkauf der Gedichtsammlung: nur zwei Exemplare der ersten Ausgabe
- Einziger Roman: Wuthering Heights (Sturmhöhe), 1847
- Zeitgenössische Rezeption: Anerkennung der ungewöhnlichen Kraft, zugleich heftige Kritik an Gewalt, Brutalität und vermeintlicher moralischer Grobheit
- Haustier: der große Hund Keeper, zu dem Emily eine besonders enge Beziehung hatte
- Krankheit: sehr wahrscheinlich Tuberkulose
- Ärztliche Behandlung: verweigerte über Wochen Untersuchung und Medikamente
- Letzte Bitte: erklärte sich erst wenige Stunden vor ihrem Tod bereit, einen Arzt zu sehen
- Grab: Familiengruft in der Kirche St Michael and All Angels in Haworth
- Literarisches Vermächtnis: ein einziger Roman sowie ein bedeutendes lyrisches Werk
Brontës Buch, das man gelesen haben sollte:
Zitate, die Emily Brontë zugeschrieben werden:
„Gute Taten, die man plant, sind angenehmer als solche, die man ausführt.“
„Ich werde dorthin gehen, wohin meine Natur mich führt. Es widerstrebt mir, mich von jemand anderem führen zu lassen.“
Autorenteam

