
Jean Cocteau schrieb Gedichte und Romane, malte, zeichnete, drehte Filme, schrieb Theaterstücke und arbeitete mit Picasso, Satie und Stravinsky. Er liebte Männer, wurde opiumabhängig und bewegte sich während der deutschen Besatzung Frankreichs in moralischen Grauzonen. Kaum ein Künstler seiner Generation war vielseitiger – und kaum einer machte aus dem eigenen Leben so konsequent ein Gesamtkunstwerk.
Ein Vater erschießt sich – und der Sohn erfindet sich neu
Jean Maurice Eugène Clément Cocteau wurde am 5. Juli 1889 in Maisons-Laffitte bei Paris in eine wohlhabende großbürgerliche Familie geboren. Sein Vater war Anwalt und Amateurmaler, die Familie interessierte sich für Musik, Theater und bildende Kunst. Als Jean neun Jahre alt war, erschoss sich sein Vater. Die Gründe sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Cocteau sprach später wenig darüber, doch Tod, Verschwinden, Wiederkehr und die Möglichkeit, Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits zu überschreiten, wurden zu geradezu obsessiven Motiven seines Werkes. Bei kaum einem anderen Künstler des 20. Jahrhunderts stehen Spiegel, Engel, Tote und wiederauferstandene Gestalten so beharrlich im Zentrum.
Als Schüler am Pariser Lycée Condorcet erwies Cocteau sich weniger durch schulische Disziplin als durch ein ausgeprägtes Gespür für Inszenierung. Bereits mit 19 Jahren wurde ihm eine öffentliche Lesung seiner Gedichte organisiert, die ihn fast über Nacht in die Pariser Salons brachte. 1909 erschien mit La Lampe d’Aladin sein erster Gedichtband. Cocteau bewegte sich nun in Kreisen, in denen Namen wie Anna de Noailles, Marcel Proust, Serge Diaghilev und später Pablo Picasso selbstverständlich waren. Wer einen Eindruck von jener Gesellschaft bekommen möchte, die Cocteau umgab, findet sie literarisch in völlig anderer Form auch bei Marcel Proust. Cocteau war kein zurückgezogener Dichter, der auf Entdeckung wartete. Er suchte Menschen, Verbindungen und Aufmerksamkeit und besaß ein außergewöhnliches Talent dafür, in der Nähe jener Künstler aufzutauchen, bei denen gerade etwas Neues entstand.
Der Erste Weltkrieg unterbrach dieses Leben, aber auch hier fand Cocteau eine Rolle, die zu ihm passte. Er arbeitete zeitweise als Fahrer und Sanitäter eines Krankenwagens und lernte unter anderem Guillaume Apollinaire kennen. Gleichzeitig arbeitete er weiter künstlerisch. Einen entscheidenden Durchbruch brachte 1917 das Ballett Parade. Cocteau schrieb das Szenario, Erik Satie komponierte die Musik, Pablo Picasso entwarf Bühnenbild und Kostüme, Léonide Massine choreografierte, Serge Diaghilevs Ballets Russes brachten das Stück auf die Bühne. Apollinaire verwendete im Zusammenhang mit der Aufführung den Begriff „sur-réalisme“. Trotzdem wurde Cocteau später gerade kein Mitglied der von André Breton organisierten surrealistischen Bewegung. Im Gegenteil: Breton konnte ihn nicht ausstehen und bezeichnete ihn einmal als den verhasstesten Menschen seiner Zeit. Der Konflikt war ästhetisch, politisch und teilweise auch persönlich motiviert. Cocteau bewegte sich in mondänen Salons, pflegte aristokratische und wohlhabende Freunde und liebte klassische Formen; Bretons Surrealisten wollten Kunst und Gesellschaft revolutionieren. Dazu kam eine Feindseligkeit gegenüber Homosexualität, die in Teilen dieses vermeintlich so libertären Milieus keineswegs verschwunden war. Cocteau stand der Avantgarde deshalb gleichzeitig mitten im Zentrum und außerhalb ihrer offiziellen Lager.
Raymond Radiguet, Opium und siebzehn Tage für einen Roman
Eine der wichtigsten persönlichen Begegnungen seines Lebens war Raymond Radiguet. Als beide sich um 1919 kennenlernten, war Cocteau etwa dreißig Jahre alt, Radiguet erst fünfzehn. Cocteau verliebte sich in den außerordentlich begabten Jugendlichen und förderte dessen literarische Karriere massiv. Spätere Biografen beschreiben die Beziehung häufig als Liebesbeziehung; wie genau sie körperlich und emotional ausgestaltet war, lässt sich aus der Distanz nicht vollständig rekonstruieren. Fest steht, dass Radiguet für Cocteau weit mehr als lediglich ein junger Kollege war. Radiguets Roman Le Diable au corps wurde 1923 ein sensationeller Erfolg. Im Dezember desselben Jahres starb er im Alter von nur zwanzig Jahren an Typhus. Cocteau war erschüttert und nahm nicht einmal an der Beerdigung teil.
Kurz darauf begann eine langjährige problematische Beziehung zu Opium. Freunde hatten ihm die Droge zunächst als Mittel gegen seine Verzweiflung nahegebracht. Daraus entwickelte sich eine Abhängigkeit, die ihn über Jahre begleitete und zu mehreren Entziehungskuren führte. Es wäre zu einfach, Radiguets Tod zur alleinigen Ursache zu erklären; Cocteaus Verhältnis zu Drogen, Selbstinszenierung und Exzess war komplexer. Aber die zeitliche Verbindung ist deutlich. 1925 unterzog er sich einer ersten stationären Entziehung, Ende 1928 einer weiteren. Ausgerechnet während dieses Aufenthalts entstand eines seiner wichtigsten Bücher. Les Enfants terribles schrieb Cocteau 1929 in nur siebzehn beziehungsweise achtzehn Tagen. Der Roman erzählt von den Geschwistern Paul und Elisabeth, die sich in einer selbstgeschaffenen, zunehmend zerstörerischen Welt einschließen. Realität, Spiel, Erotik, Eifersucht und Tod geraten dort so ineinander, dass das scheinbar alltägliche Kinderzimmer zu einem eigenen Universum wird.
Gleichzeitig notierte und zeichnete Cocteau während der Entziehung. Daraus entstand 1930 Opium. Journal d’une désintoxication. Das Buch ist weder medizinischer Erfahrungsbericht noch einfache Beichte. Gedanken über Sucht stehen neben Bemerkungen über Literatur, Kino, Sexualität und Kunst; Zeichnungen werden zum Bestandteil des Textes. Typisch für Cocteau ist dabei, dass er selbst eine qualvolle Entziehung noch in ästhetisches Material verwandelte. Seine oft zitierte Vorstellung, Schreiben und Zeichnen seien im Grunde derselbe Vorgang – Linien würden entweder zu Schrift verknotet oder von der Schrift wieder zur Zeichnung gelöst –, beschreibt seine Arbeitsweise besser als jede Berufsbezeichnung. Cocteau wollte nicht Schriftsteller sein und nebenbei zeichnen. Für ihn war all das „Poesie“ mit unterschiedlichen Werkzeugen.
Völlig überwunden war die Abhängigkeit damit nicht. Er begann erneut Opium zu konsumieren, absolvierte weitere Entziehungen und geriet 1938 gemeinsam mit Jean Marais und einer Bekannten nach einer Polizeirazzia sogar in ein Verfahren wegen Betäubungsmitteln; 1939 wurde Cocteau zu einer Geldstrafe verurteilt. Das gehört zu seiner Biografie ebenso wie die oft romantisierte Verbindung von Drogen und Kreativität. Opium erzeugte seine Kunst nicht. Es machte ihn abhängig, zwang ihn zu wiederholten Entziehungen und beherrschte über Jahre erhebliche Teile seines Lebens.
Jean Marais: Geliebter, Muse und Hauptdarsteller
1937 begegnete Cocteau dem jungen Schauspieler Jean Marais. Cocteau war 48, Marais 23. Aus der Zusammenarbeit entwickelte sich eine Liebesbeziehung und eine der produktivsten Künstlerpartnerschaften im französischen Kino und Theater. Marais wurde zum Hauptdarsteller zahlreicher Werke Cocteaus und zugleich zu einem sichtbaren Teil seines privaten Lebens. Für die damalige Zeit war das bemerkenswert. Homosexuelle Beziehungen unterlagen in Frankreich zwar nicht derselben strafrechtlichen Verfolgung wie beispielsweise in Großbritannien, gesellschaftliche Diskriminierung war aber selbstverständlich vorhanden. Cocteau versuchte gelegentlich, Etiketten zu vermeiden, versteckte seine Beziehungen zu Männern jedoch keineswegs vollständig.
Mit Marais entstanden unter anderem Les Parents terribles, L’Aigle à deux têtes, La Belle et la Bête und Orphée. Besonders La Belle et la Bête von 1946 zeigt, warum Cocteau heute als Filmemacher mindestens ebenso wichtig ist wie als Romancier. Mit begrenzten technischen Mitteln verwandelte er das Märchen in eine traumartige Welt: menschliche Arme ragen als Kerzenhalter aus den Wänden, Türen öffnen sich scheinbar von selbst, Figuren schweben durch Räume und das Schloss folgt einer Logik, die eher an einen Traum als an Architektur erinnert. Cocteau war nicht an möglichst realistischer Illusion interessiert. Gerade sichtbare Tricks konnten für ihn poetischer sein als perfekte Spezialeffekte.
Noch persönlicher wurde die Beschäftigung mit Orpheus. Bereits 1930 hatte Cocteau mit Le Sang d’un poète seinen ersten großen experimentellen Film gedreht. Orphée von 1950 und Le Testament d’Orphée von 1960 bilden mit ihm eine lose sogenannte Orphische Trilogie. Spiegel werden darin zu Übergängen in andere Welten, Dichter sprechen mit dem Tod, Zeit lässt sich verlassen und wieder betreten. Im letzten Film spielt der über siebzigjährige Cocteau selbst den Dichter, der durch die eigene Kunstgeschichte wandert. Picasso, Jean Marais und andere Weggefährten tauchen auf. Selten hat ein Künstler sein eigenes Leben so unverfroren zum Mythos gemacht.
Auch seine privaten und künstlerischen Beziehungen überschnitten sich ständig. Cocteau förderte junge Künstler, Schauspieler und Schriftsteller, konnte ausgesprochen großzügig sein und stellte Kontakte her. Jean Genet gehörte zu jenen Autoren, für die er sich einsetzte; wer dessen deutlich düsterere Welt kennenlernen möchte, findet bei uns Querelle. Kritiker warfen Cocteau allerdings schon zu Lebzeiten vor, überall gleichzeitig auftauchen zu wollen und jede neue künstlerische Richtung sofort für sich zu entdecken. André Gide hielt ihn zeitweise für oberflächlich, Breton verachtete ihn, andere sprachen von einem Dilettanten. Die Kritik enthält einen wahren Kern: Cocteau konnte nicht in Ruhe bei einer Kunstform bleiben. Doch ausgerechnet diese Unruhe ist heute einer der Gründe, warum sein Werk moderner wirkt als das vieler Spezialisten seiner Generation.
Besetztes Paris: eine Biografie wird moralisch unangenehm
Der schwierigste Abschnitt seiner Biografie beginnt 1940 mit der deutschen Besetzung Frankreichs. Cocteau erklärte sich selbst gern für unpolitisch. Gerade im besetzten Paris war Unpolitischsein allerdings keine neutrale Position. Er arbeitete weiter, brachte Theaterstücke auf die Bühne, schrieb Drehbücher und bewegte sich in französisch-deutschen Kulturkreisen. Er kannte deutsche Offiziere und Intellektuelle, traf unter anderem Ernst Jünger und blieb mit dem deutschen Bildhauer Arno Breker befreundet, den er bereits vor dem Krieg gekannt hatte.
Breker war jedoch inzwischen nicht irgendein deutscher Bildhauer. Er gehörte zu Hitlers bevorzugten Künstlern, war eng mit dem NS-Regime verbunden und schuf monumentale Figuren, die dessen Körper- und Machtideal verkörperten. Als Breker 1942 im besetzten Paris eine große Ausstellung erhielt, veröffentlichte Cocteau einen demonstrativ freundlichen „Salut à Breker“ und besuchte die Ausstellung. Seine Rechtfertigung war typisch: Kunst gehöre einem Reich oberhalb nationaler Grenzen an, persönliche Freundschaft dürfe nicht von Politik zerstört werden. In einer Stadt unter deutscher Besatzung, während Verfolgung und Deportation längst Realität waren, musste eine solche Haltung allerdings zwangsläufig als politische Handlung wirken. Künstler wie Paul Éluard und François Mauriac kritisierten ihn scharf. Dass Cocteau Breker auch nach 1945 die Freundschaft hielt und später sogar von ihm porträtiert wurde, macht es schwierig, den Vorfall lediglich als taktische Anpassung abzutun.
Trotzdem passt auch die einfache Bezeichnung „Kollaborateur“ schlecht. Französische Faschisten hassten Cocteau wegen seiner Homosexualität, seiner Kunst und seines Umfelds. Die extrem kollaborationistische Presse beschimpfte ihn, seine Stücke wurden angegriffen beziehungsweise zeitweilig verboten, und 1943 wurde er von Mitgliedern der französischen Legion gegen den Bolschewismus körperlich attackiert. Arno Brekers Nähe zum deutschen Machtapparat bot Cocteau wiederum Schutz gegen solche Angriffe. Gleichzeitig versuchte Cocteau 1944, seinen jüdischen Freund Max Jacob aus dem Internierungslager Drancy freizubekommen. Seine Kontakte halfen nicht; Jacob starb dort an einer Lungenentzündung, bevor er deportiert werden konnte. Auch für andere bedrohte Freunde intervenierte Cocteau.
Nach der Befreiung musste er sich wegen seines Verhaltens während der Besatzungszeit vor den zuständigen Säuberungsgremien des Film- und Literaturbetriebs verantworten. Beide Verfahren endeten ohne Sanktion. Ausgerechnet die kommunistischen Résistance-nahen Autoren Louis Aragon und Paul Éluard, die seine Breker-Affäre keineswegs gutgeheißen hatten, unterstützten seine Entlastung. Das ist wahrscheinlich die angemessenste Zusammenfassung dieser Jahre: Cocteau war kein Widerstandskämpfer und seine öffentliche Verbeugung vor Hitlers Lieblingsbildhauer bleibt ein erheblicher moralischer Fehltritt. Er war aber ebenso wenig ein überzeugter Nationalsozialist oder antisemitischer Kollaborateur. Er versuchte, Kunst und persönliche Loyalität über Politik zu stellen, und wollte offenbar nicht begreifen, dass eine Besatzungssituation diese Trennung unmöglich machte.
Gerade hier wäre es falsch, Cocteau entweder reinzuwaschen oder nachträglich auf einen eindeutigen politischen Typus festzulegen. Sein Verhalten war widersprüchlich, opportunistisch an manchen Stellen, loyal und mutig an anderen. Das macht die Sache nicht angenehmer, aber historisch interessanter.
Ein Künstler, der berühmt dafür wurde, alles gleichzeitig zu sein
Nach dem Krieg erlebte Cocteau noch einmal eine außerordentlich produktive Phase. La Belle et la Bête wurde international berühmt, Orphée bestätigte seinen Rang als Filmemacher, Theaterstücke wurden weiterhin gespielt und neben Literatur und Film beschäftigte er sich zunehmend mit Zeichnung, Malerei, Keramik und Wandgestaltung. Er dekorierte unter anderem die Kapelle Saint-Pierre in Villefranche-sur-Mer und die Kapelle Saint-Blaise-des-Simples in Milly-la-Forêt. Seine charakteristischen Linienzeichnungen waren so unmittelbar wiedererkennbar, dass Cocteau schließlich selbst zu einer Art Marke wurde.
1955 wurde ausgerechnet dieser notorische Grenzgänger in die Académie française aufgenommen. Für einen Mann, der von Teilen der Avantgarde jahrzehntelang als oberflächlicher Gesellschaftskünstler verspottet worden war, war das eine bemerkenswerte institutionelle Krönung. Gleichzeitig zeigt es das eigentümliche Schicksal vieler Avantgardisten: Wer lange genug überlebt, kann vom Skandal zum kulturellen Denkmal werden. Cocteau hatte inzwischen mit praktisch allen bedeutenden Kunstwelten seiner Epoche Berührung gehabt – von Diaghilev und Picasso über Proust, Satie und Stravinsky bis zu Piaf, Genet und jungen Filmemachern der Nachkriegszeit.
Kritiker hielten ihm gerade diese Allgegenwart vor. War er wirklich ein großer Dichter, ein großer Dramatiker, ein großer Zeichner und ein großer Filmemacher? Oder war er ein außergewöhnlich begabter gesellschaftlicher Netzwerker, der überall ein wenig mitmachte? Die Antwort liegt wahrscheinlich zwischen diesen Extremen. Nicht jedes Gedicht und nicht jedes Theaterstück Cocteaus hat die Zeit überstanden. Als Romancier hinterließ er kein riesiges Werk. In der Malerei gehört er nicht zu Picasso. Doch Les Enfants terribles, La Voix humaine, La Belle et la Bête und Orphée würden bereits ausreichen, um ihm einen dauerhaften Platz in der Kulturgeschichte zu sichern.
Vielleicht besteht seine eigentliche Leistung gerade darin, dass er Kategorien nicht sonderlich ernst nahm. Film konnte Gedicht sein, eine Zeichnung konnte Schrift werden, eine antike Sage konnte im Paris des 20. Jahrhunderts stattfinden und ein Märchenfilm gleichzeitig Kinderfilm, Liebesgeschichte und Meditation über den Tod sein. Cocteau nannte sich deshalb bevorzugt schlicht „poète“ – Dichter. Nicht weil er nur Gedichte schrieb, sondern weil für ihn Poesie eine Art war, Dinge zu sehen.
Tod, Piaf und der letzte Akt der eigenen Legende
Jean Cocteau hatte in seinen letzten Jahren mehrere gesundheitliche Probleme und erlitt 1963 bereits im Frühjahr einen schweren Herzanfall. Am 11. Oktober desselben Jahres starb er in seinem Haus in Milly-la-Forêt im Alter von 74 Jahren an einem weiteren Herzversagen. Am selben Tag wurde öffentlich der Tod Édith Piafs bekannt, für die Cocteau 1940 Le Bel Indifférent geschrieben hatte und mit der ihn eine lange Freundschaft verband. Daraus entstand sofort die perfekte Legende: Ein Journalist habe ihm Piafs Tod mitgeteilt, und Cocteaus Herz sei vor Trauer stehen geblieben.
Ganz so sauber ist die Geschichte nicht. Piaf war tatsächlich schon am 10. Oktober in Südfrankreich gestorben; ihr Leichnam wurde heimlich nach Paris gebracht und ihr Tod erst am folgenden Morgen offiziell bekanntgegeben. Cocteau erfuhr am 11. Oktober davon und sollte noch an einer Rundfunkwürdigung teilnehmen. Wenige Stunden später war auch er tot. Ob die Nachricht tatsächlich seinen Tod ausgelöst hat, lässt sich medizinisch nicht belegen. Cocteau war schwer herzkrank. Aber die Geschichte war zu schön, um nicht weitererzählt zu werden.
Es passt zu einem Mann, dessen gesamtes Werk die Grenze zwischen Biografie und Mythos verwischt. Selbst sein Tod sieht aus, als hätte Cocteau ihn dramaturgisch vorbereitet. Beigesetzt wurde er in der von ihm selbst ausgestalteten Kapelle Saint-Blaise-des-Simples in Milly-la-Forêt. Auf seinem Grab steht einer seiner bekanntesten Sätze: „Je reste avec vous“ – „Ich bleibe bei euch.“ Bei Cocteau klingt selbst eine Grabinschrift wie eine Regieanweisung.
Was man von Jean Cocteau lesen und sehen sollte
Wer Cocteau literarisch kennenlernen möchte, sollte mit Les Enfants terribles beginnen. Der Roman ist kurz, zugänglich und enthält auf engem Raum viele seiner großen Themen: Jugend, Schönheit, abgeschlossene Welten, Erotik, Spiel, Selbstzerstörung und Tod. Opium ist das persönlichere Buch und wahrscheinlich der beste Zugang zum denkenden Cocteau; zwischen Beobachtungen über seine Entziehung stehen Gedanken über praktisch alles, was ihn interessierte. La Voix humaine zeigt, wie konzentriert er schreiben konnte: Ein einziger Mensch telefoniert mit einem abwesenden Geliebten, und aus diesem reduzierten Aufbau entsteht ein ganzes Beziehungsdrama.
Wer nur einen Film sehen möchte, sollte La Belle et la Bête von 1946 wählen. Noch heute lässt sich erkennen, wie Cocteau aus verhältnismäßig einfachen Tricks eine Traumwelt erzeugt. Danach folgt Orphée, der persönlichste Zugang zu seinen Vorstellungen von Kunst, Liebe und Tod. Le Sang d’un poète ist experimenteller und eignet sich für Leser beziehungsweise Zuschauer, die den Cocteau der Avantgarde kennenlernen möchten.
Was man nicht tun sollte, ist ihn auf eine einzelne Gattung reduzieren. Jean Cocteau war als Dichter nicht deshalb wichtig, weil jedes seiner Gedichte großartig wäre, und als Maler nicht deshalb, weil er einer der bedeutendsten Maler des Jahrhunderts gewesen wäre. Seine Besonderheit bestand im Übergang. Er konnte eine Idee aus einem Gedicht in ein Theaterstück, aus einem Mythos in einen Film und aus einer Linie in ein Gesicht verwandeln. Darin lag seine eigentliche Kunst.
Jean Cocteau – die wichtigsten Fakten
- Vollständiger Name: Jean Maurice Eugène Clément Cocteau
- Geboren: 5. Juli 1889 in Maisons-Laffitte bei Paris
- Gestorben: 11. Oktober 1963 in Milly-la-Forêt
- Herkunft: wohlhabende großbürgerliche Familie
- Prägendes Kindheitserlebnis: Suizid des Vaters, als Cocteau neun Jahre alt war
- Erster Gedichtband: La Lampe d’Aladin, 1909
- Erster Weltkrieg: unter anderem Tätigkeit im Ambulanzdienst
- Parade: Ballett von 1917; Zusammenarbeit mit Erik Satie, Pablo Picasso, Léonide Massine und Serge Diaghilev
- Verhältnis zum Surrealismus: Nähe zu vielen avantgardistischen Künstlern, aber kein Mitglied von André Bretons surrealistischer Gruppe; Breton gehörte zu seinen entschiedensten Gegnern
- Raymond Radiguet: junger Schriftsteller, den Cocteau intensiv förderte und liebte; Radiguet starb 1923 mit zwanzig Jahren
- Opiumabhängigkeit: über viele Jahre; mehrere Entziehungskuren ab Mitte der 1920er Jahre
- Les Enfants terribles: 1929 während einer Entziehungskur in rund 17 bis 18 Tagen geschrieben
- Opium: 1930 veröffentlichter Text- und Bildband über eine Entziehung
- Jean Marais: ab 1937 Lebensgefährte, Muse und zentraler Schauspieler in Cocteaus Theater- und Filmarbeiten
- Orphische Trilogie: Le Sang d’un poète, Orphée und Le Testament d’Orphée
- Besatzungszeit: umstrittene Kontakte zu deutschen Kulturvertretern und öffentliche Würdigung des NS-Bildhauers Arno Breker; zugleich Angriffe durch französische Faschisten und erfolglose Versuche, verfolgten Freunden wie Max Jacob zu helfen
- Nachkriegsverfahren: von den zuständigen Säuberungsgremien des Film- und Literaturbetriebs von Kollaborationsvorwürfen freigesprochen
- Weitere Tätigkeiten: Lyriker, Romancier, Dramatiker, Essayist, Zeichner, Maler, Keramiker, Drehbuchautor und Filmregisseur
- Grab: Kapelle Saint-Blaise-des-Simples in Milly-la-Forêt
- Grabinschrift: „Je reste avec vous“ – „Ich bleibe bei euch“
Verfasst vom Autorenteam.

