Jean de La Fontaine
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Jean de La Fontaine bleibt mit seinen Fabeln eine Schlüsselfigur der französischen Literatur des 17. Jahrhunderts. Poetisch und pointiert übertrug er antike Erzählmotive in ein neues Zeitalter und reagierte zugleich auf die gesellschaftlichen Verwerfungen seiner Zeit. Zwischen höfischer Nähe und eigenwilliger Distanz entstand ein Werk, das nicht nur moralische Lehren, sondern auch subtile Gesellschaftskritik transportiert.

Warum erzählt der Mensch Geschichten mit Tieren? Jean de La Fontaine sah darin mehr als belehrende Parabel, vielmehr einen poetisch verdichteten Spiegel der Gesellschaft. Im Frankreich des Absolutismus wurde er so zum literarischen Feingeist, dessen Werk bis heute klassische Leselisten prägt und dabei mehr über Herrschaft, Schwächen und Sehnsüchte aussagt, als es auf den ersten Blick scheint.

Leben und Zeit

Frankreich im 17. Jahrhundert: Ein Staat geformt nach den Vorstellungen Ludwigs XIV., mit starren Hierarchien, literarischen Salons und höfischen Intrigen. La Fontaine stammt aus der kleinen Stadt Château-Thierry in der Champagne und wuchs in einer Zeit auf, in der Kunst und Literatur vor allem der Repräsentation des Adels dienten. Seine Familie war dem gehobenen Bürgertum zuzurechnen – sein Vater verwaltete königliche Ländereien. In den weiten Schatten der absoluten Monarchie bewegt sich La Fontaine mit sichtbarer Skepsis gegenüber der Macht. Als junger Mann studierte er zwar Rechtswissenschaften, doch das Studium blieb ohne Abschluss. Stattdessen lockten ihn die kulturellen Zentren Paris und Vaux-le-Vicomte, wo er engen Kontakt zu einflussreichen Persönlichkeiten wie Nicolas Fouquet pflegte. Das Leben im Spannungsfeld zwischen Provinz, Hauptstadt und höfischer Gesellschaft prägt sein Schreiben und Denken. Nach dem dramatischen Sturz seines wohlhabenden Freundes Fouquet distanzierte sich La Fontaine vom Hof und konzentrierte sich auf seine literarische Arbeit – immer in einem Umfeld, das von strengen gesellschaftlichen Erwartungen und subtilen Abgrenzungsbedürfnissen geprägt war.

Der Weg zum Schreiben

Anders als viele seiner berühmten Zeitgenossen beginnt La Fontaines literarische Karriere erst nach ersten Umwegen. Ein erster Versuch, im geistlichen Leben Fuß zu fassen, bleibt Episode. Auch im Studium der Rechtswissenschaften findet er keinen dauerhaften Halt. Der Einstieg erfolgt stattdessen über Übersetzungen und Adaptionen antiker Werke, etwa mit der Bearbeitung des 'Eunuchus' von Terentius im Jahr 1654. Doch erst mit den „Fables“ findet La Fontaine seine literarische Stimme und ein Publikum, das über Standesgrenzen hinweg reicht. Die ersten Fabeln erscheinen 1668, weitere Sammlungen folgen über viele Jahre hinweg. Die Arbeit an diesen Texten sichert ihm nicht nur einen Platz in den literarischen Kreisen von Paris, sondern 1684 auch die Aufnahme in die Académie Française – eine der höchsten Auszeichnungen für Schriftsteller in Frankreich. Die Veröffentlichungserfolge werden überschattet von privaten und finanziellen Herausforderungen: Die Trennung von seiner Frau Marie Héricart im Jahr 1658 hinterlässt Spuren, ebenso wie ein permanentes Schwanken zwischen Gönnerschaft und Not. Dennoch bleibt La Fontaine literarisch produktiv bis ins hohe Alter und erweitert sein Werk um Verserzählungen und poetische Adaptationen mythologischer Stoffe wie „Les Amours de Psyché et de Cupidon“.

Der Mensch hinter den Büchern

Freundschaft mit Mäzenen, Unabhängigkeit im Kopf: Während andere sich dem Hof andienten, behielt La Fontaine eine eigensinnige Distanz zur Macht. Die Szene der literarischen Salons war sein bevorzugtes Biotop, Konventionen und Zwänge des Alltags umging er eher. Seine Arbeit reflektiert dieses Manövrieren – ironisch im Ton, zurückhaltend in politischen Aussagen, aber stets aufmerksam gegenüber den Schwächen und Widersprüchen seiner Mitmenschen. Dass er zeitlebens mit Geldnot zu tun hatte, trotz seines Ruhmes oft auf Unterstützer angewiesen war, verleiht den Fabeln einen doppelten Boden: Sie sind Lebensklugheit in Versform, aber auch Kommentar zur Abhängigkeit von Kunst und Kunstschaffenden während der Zeit des Absolutismus. Sein literarischer Stil – Klarheit, Musikalität, das Spiel zwischen Erhabenheit und Volkstümlichkeit – ist Programm. La Fontaine kombiniert Elemente der antiken Literatur mit moderner Satire und erkennt früh, dass sich gesellschaftliche Kritik in der Maskerade der Fabel leichter platzieren lässt. Seine Haltung zur Freiheit des Geistes bleibt durchgängig erkennbar: Er wahrt Distanz, aber nie Gleichgültigkeit. Mit Werken wie den "Contes et nouvelles en vers" provozierte er zudem Kritik der Kirche – mehrere Geschichten fanden sich auf dem Index der verbotenen Bücher (vgl. britannica.com), wobei die Lust am spielerischen Erzählen nicht verebbte.

Das Werk: Was man lesen sollte

Wer La Fontaine lesen möchte, findet kaum einen passenderen Einstieg als die „Fables“. Die Klassiker des Genres, zwischen 1668 und 1694 veröffentlicht, versammeln rund 240 Gedichte, in denen Tiere und Menschen gleichermaßen zu Protagonisten werden – oft tragikomisch, nie ohne Hintergedanken und immer mit einem leisen Augenzwinkern. Sie wenden sich ausdrücklich an Erwachsene, sind aber später auch für Kinder adaptiert worden. Sein Erzählen bleibt jedoch nicht auf die berühmte Hauptsammlung begrenzt. Die „Contes et nouvelles en vers“ – zwischen galant und subversiv – bieten Einblick in das freizügigere, weniger bekannte Gesicht La Fontaines, das in Teilen auf entschiedene Ablehnung stieß. Wer einen Blick auf seine mythologischen Anpassungen werfen möchte, sollte „Les Amours de Psyché et de Cupidon“ nicht übersehen. Die Mischung aus Poesie, erzählerischer Klarheit und gesellschaftlicher Reibung macht La Fontaine zu einem Autor, dessen Werke sich immer wieder neu entdecken lassen – als literarischer Spielraum, Spiegelkabinet menschlicher Eigenheiten und ebenso als Dokument einer Epoche, die Kunst und Politik aufs Engste verstrickt hat.

Verfasst vom Autorenteam.