
Johann Wolfgang von Goethe: Genie, Macht und ziemlich menschliche Schwächen
Er verführte Frauen, fürchtete das Altern und verliebte sich mit 74 Jahren noch einmal in eine Neunzehnjährige. Johann Wolfgang von Goethe war Deutschlands berühmtester Dichter, aber auch ein ehrgeiziger Minister, umstrittener Naturforscher und gelegentlich ausgesprochen selbstgefälliger Mensch. Während er über Menschlichkeit schrieb, befürwortete er als Regierungsmitglied die Beibehaltung der Todesstrafe für Kindsmörderinnen. Vier seiner fünf Kinder starben früh, seine wissenschaftliche Farbenlehre führte ihn in einen jahrzehntelangen Streit mit Newtons Erkenntnissen. Sein „Faust“ gehört zu den meistgelesenen und manchmal auch meistgehassten Schulklassikern. Doch hinter dem Dichterfürsten verbirgt sich ein Leben voller Widersprüche.
Johann Wolfgang von Goethe hat in Deutschland einen beinahe einschüchternden Ruf. Sein Name steht für Bildung, kulturelle Größe und die Vorstellung, dass ein einzelner Mensch nahezu alles wissen und verstehen könne. Schulen tragen seinen Namen, Straßen und Plätze sind nach ihm benannt, und sein Gesicht begegnet uns auf Briefmarken, Denkmälern und zahllosen Buchumschlägen. Dabei war Goethe keineswegs jener abgeklärte Weise, zu dem ihn die Nachwelt gemacht hat. Er konnte eitel, herrisch und empfindlich sein, begeisterte sich für Frauen, die seine Gefühle nicht erwiderten, und war von den eigenen wissenschaftlichen Fähigkeiten zeitweise mehr überzeugt als seine Fachkollegen. Er unterstützte die Macht eines kleinen deutschen Fürsten, bewunderte ausgerechnet Napoleon und stand revolutionären Veränderungen häufig skeptisch gegenüber. Dass aus diesem widersprüchlichen Menschen ein Schriftsteller von außergewöhnlicher Bedeutung wurde, liegt nicht an persönlicher Vollkommenheit. Goethe verstand es vielmehr, die Erfahrungen und Konflikte seines Lebens in Literatur zu verwandeln, ohne sie dort immer zu lösen.
Frankfurt: Ein ehrgeiziger Vater, eine lebenslustige Mutter und die ersten Verliebtheiten
Johann Wolfgang Goethe wird am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren. Seine Familie gehört zum wohlhabenden Bürgertum der freien Reichsstadt. Der Vater Johann Caspar Goethe ist Jurist und trägt den Titel eines Kaiserlichen Rates, ohne eine entsprechende regelmäßige Amtstätigkeit auszuüben. Er verfügt über Vermögen, eine umfangreiche Bibliothek und weitreichende kulturelle Interessen. Seine Frau Catharina Elisabeth, geborene Textor, ist zwanzig Jahre jünger als er und entstammt einer angesehenen Frankfurter Familie. Ihr Vater ist der höchste Justizbeamte der Stadt.
Die Eltern unterscheiden sich erheblich. Johann Caspar ist gebildet, diszipliniert und legt großen Wert auf Ordnung. Catharina Elisabeth besitzt dagegen eine lebhafte Fantasie, erzählt gerne Geschichten und begegnet Menschen mit Humor. Goethe wird später beide Seiten seiner Persönlichkeit auf diese unterschiedlichen Einflüsse zurückführen. Der Vater vermittelt ihm Bildung und Ehrgeiz, die Mutter die Lust am Erzählen. Allerdings hat diese harmonische Deutung einen Haken: Das Familienleben ist keineswegs frei von Spannungen. Die hohen Erwartungen des Vaters belasten den Jungen, und das Haus am Großen Hirschgraben bietet bei allem Wohlstand wenig Raum für ungeplante persönliche Entwicklungen.
Von den sechs Kindern der Familie erreichen nur Johann Wolfgang und seine Schwester Cornelia das Erwachsenenalter. Die anderen vier sterben früh. Solche Verluste sind im 18. Jahrhundert nicht ungewöhnlich, bleiben aber auch in wohlhabenden Familien schwerwiegende Erfahrungen. Zu Cornelia entwickelt Goethe eine besonders enge Beziehung. Sie ist eine wichtige Gesprächspartnerin seiner Jugend, intelligent, gebildet und literarisch interessiert. Dass Frauen trotz ihrer Fähigkeiten weit weniger berufliche Möglichkeiten besitzen als Männer, wird an ihrem späteren Lebensweg besonders deutlich. Cornelia heiratet den Juristen Johann Georg Schlosser und stirbt 1777 mit nur 26 Jahren nach der Geburt ihres zweiten Kindes.
Goethe selbst erhält zunächst Privatunterricht. Er lernt Latein, Griechisch, Französisch, Italienisch und Englisch, beschäftigt sich mit Geschichte, Religion, Naturwissenschaften und Zeichnen. Besonders die Literatur zieht ihn an. Schon als Kind versucht er sich an kleinen Theaterstücken und Gedichten. Die Familie verfügt über die finanziellen Mittel, ihn auf eine akademische Laufbahn vorzubereiten. Für einen Jungen seiner gesellschaftlichen Stellung ist das keine ungewöhnliche Zukunft, doch Goethe entwickelt früh den Wunsch, sich nicht allein auf einen Beruf festlegen zu lassen.
1765 beginnt er auf Wunsch des Vaters ein Jurastudium in Leipzig. Die Stadt bietet ihm eine Welt, die sich deutlich vom Frankfurter Elternhaus unterscheidet. Er besucht Theateraufführungen, interessiert sich für Kunst und Mode und entdeckt das gesellschaftliche Leben. Besonders fasziniert ihn Anna Katharina Schönkopf, die Tochter eines Gastwirts, bei dem er häufig verkehrt. Goethe ist verliebt, eifersüchtig und keineswegs so souverän, wie man es von einem späteren Dichterfürsten erwarten könnte. Aus seinen Gefühlen entstehen die sogenannten Annette-Lieder, frühe Gedichte, die von jugendlicher Leidenschaft und Unsicherheit geprägt sind.
Die Beziehung scheitert, und auch das Studium verläuft nicht nach Plan. 1768 erkrankt Goethe schwer und muss nach Frankfurt zurückkehren. Die genaue Diagnose lässt sich anhand der historischen Berichte nicht zweifelsfrei rekonstruieren. Er leidet längere Zeit unter erheblichen gesundheitlichen Beschwerden und beschäftigt sich während der Genesung intensiv mit Religion, Alchemie und mystischen Vorstellungen. Seine Bekanntschaft mit der pietistisch geprägten Susanna Katharina von Klettenberg führt ihn in eine geistige Welt, die sich deutlich von der nüchternen Rechtswissenschaft unterscheidet.
1770 setzt Goethe sein Studium in Straßburg fort. Dort lernt er Johann Gottfried Herder kennen, der seine literarische Entwicklung entscheidend beeinflusst. Herder begeistert ihn für Volkslieder, Shakespeare und eine Literatur, die sich weniger an höfischen Regeln als an unmittelbarer sprachlicher Kraft orientiert. Für Goethe bedeutet die Begegnung eine Befreiung von den ästhetischen Konventionen seiner bisherigen Ausbildung.
Während der Straßburger Zeit verliebt er sich in Friederike Brion, die Tochter eines Pfarrers im elsässischen Sessenheim. Die Beziehung inspiriert ihn zu einigen seiner schönsten frühen Liebesgedichte. Doch als Goethe 1771 nach Frankfurt zurückkehrt, beendet er die Verbindung. Friederike hatte offenbar auf eine gemeinsame Zukunft gehofft. Goethe dagegen möchte sich nicht festlegen. In seinen späteren Erinnerungen schildert er die Trennung mit deutlichem Schuldbewusstsein, zugleich aber auch mit jener literarischen Selbstbeobachtung, die seine Autobiografie auszeichnet.
Das Muster wird sich wiederholen. Goethe kann sich leidenschaftlich verlieben, zieht sich aber zurück, sobald aus romantischer Begeisterung eine verbindliche Lebensentscheidung werden soll. Seine Gedichte gewinnen dadurch häufig an emotionaler Intensität. Für die Frauen, die hinter diesen literarischen Erfahrungen stehen, ist das nicht unbedingt ein Trost.
Ein Bestseller, blaue Fräcke und die angebliche Selbstmordwelle
1772 arbeitet Goethe als Praktikant am Reichskammergericht in Wetzlar. Dort lernt er Charlotte Buff kennen, die bereits mit Johann Christian Kestner verlobt ist. Goethe verliebt sich in Charlotte, verbringt viel Zeit mit ihr und ihrem Verlobten und gerät zunehmend in eine schwierige emotionale Situation. Er weiß, dass eine gemeinsame Zukunft ausgeschlossen ist, kann sich aber nur schwer von seinen Gefühlen lösen.
Gleichzeitig erfährt er vom Suizid des jungen Juristen Karl Wilhelm Jerusalem, der sich nach persönlichen und gesellschaftlichen Enttäuschungen das Leben genommen hat. Jerusalem hatte in Wetzlar ebenfalls eine unglückliche Liebesgeschichte erlebt. Goethe verbindet dessen Schicksal mit seinen eigenen Erfahrungen und macht daraus einen Roman, der die Literaturgeschichte verändern wird.
1774 erscheint Die Leiden des jungen Werthers. Die Geschichte eines jungen Mannes, der sich in die bereits gebundene Lotte verliebt und an der Unerfüllbarkeit seiner Gefühle zugrunde geht, trifft den Nerv einer Generation. Goethe erzählt sie überwiegend in Briefform, wodurch der Leser unmittelbar an Werthers Gedanken und Gefühlen teilnimmt. Die Sprache ist leidenschaftlich, sprunghaft und voller Naturbilder. Der Roman bricht mit einer Literatur, in der die Vernunft selbstverständlich über das Gefühl herrschen soll.
Der Erfolg ist gewaltig. Werther wird gelesen, nachgeahmt und diskutiert. Junge Männer kleiden sich wie die Romanfigur, tragen blaue Fräcke und gelbe Westen und übernehmen teilweise sogar ihre schwärmerische Sprache. Die Geschichte wird in zahlreiche Sprachen übersetzt. Goethe ist mit 25 Jahren ein europäischer Literaturstar.
Doch das Buch löst auch heftige Kritik aus. Geistliche und bürgerliche Moralwächter werfen ihm vor, eine gefährliche Form des Gefühlsüberschwangs zu verherrlichen. Besonders die Darstellung von Werthers Suizid gilt als problematisch. Schon bald verbreitet sich die Behauptung, junge Männer hätten sich nach dem Vorbild der Romanfigur das Leben genommen. In der späteren Sozialpsychologie entsteht daraus die Bezeichnung Werther-Effekt für mögliche Nachahmungssuizide nach medialen Darstellungen.
Gerade hier lohnt ein genauer Blick auf die historische Wirklichkeit. Einzelne Suizide, die von Zeitgenossen mit Goethes Roman in Verbindung gebracht wurden, sind tatsächlich dokumentiert. Eine große Selbstmordwelle, wie sie in Literaturgeschichten häufig behauptet wird, lässt sich jedoch nicht nachweisen. Die Kommunikationswissenschaftlerin Manina Mestas hat in einer 2024 veröffentlichten Untersuchung die überlieferten Fälle und historische Zeitungsberichte systematisch ausgewertet. Ihr Ergebnis: Es gibt Hinweise auf einzelne Nachahmungstaten, doch die Nachrichten über eine angebliche Epidemie waren weitaus zahlreicher als die konkret dokumentierten Fälle.
Auch Goethes persönliche Reaktion auf die Kontroverse ist interessant. Er möchte seinen Roman als Literatur verstanden wissen und wehrt sich gegen die Vorstellung, für sämtliche Handlungen seiner Leser verantwortlich zu sein. Eine einfache moralische Entschuldigung liefert er nicht. In späteren Jahren betrachtet er die Begeisterung um Werther zunehmend mit Distanz. Er selbst hat die leidenschaftliche Krise seiner Jugend hinter sich gelassen und empfindet es offenbar als merkwürdig, dass die Öffentlichkeit ihn immer wieder auf diese frühe Geschichte festlegen möchte.
Literarisch ist der Roman keineswegs bloß eine sentimentale Liebesgeschichte. Werther besitzt bemerkenswerte Fähigkeiten zur Selbsttäuschung. Er erhebt die eigenen Gefühle zum Maßstab der Wirklichkeit und kann immer weniger akzeptieren, dass andere Menschen eigene Wünsche und Verpflichtungen besitzen. Lotte erscheint ihm häufig weniger als selbstständige Persönlichkeit denn als Projektionsfläche seiner Sehnsucht. Gerade deshalb lässt sich der Roman auch kritisch lesen: Nicht nur die Gesellschaft trägt zu Werthers Scheitern bei, sondern auch seine Unfähigkeit, die Grenzen seiner eigenen Wünsche anzuerkennen.
Unsere Lektürehilfe zu Die Leiden des jungen Werthers behandelt diese psychologischen Widersprüche ausführlicher. Sie machen den Roman bis heute lesenswert, obwohl seine emotionale Sprache modernen Lesern gelegentlich pathetisch erscheinen kann.
Noch im Jahr des Werther-Erfolgs verliebt sich Goethe erneut. Diesmal ist es die Frankfurter Bankierstochter Anna Elisabeth Schönemann, genannt Lili. Die beiden verloben sich 1775, doch Goethe bekommt Zweifel. Eine Ehe würde ihn auf eine gesellschaftliche Rolle festlegen, die er offenbar nicht übernehmen möchte. Die Verbindung wird wieder gelöst. Kurz darauf erhält er eine Einladung, die sein Leben grundlegend verändern wird.
Weimar: Der Dichter wird Minister und stimmt über die Todesstrafe ab
1775 folgt Goethe dem jungen Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach an dessen Hof. Er ist 26 Jahre alt und bereits berühmt. Der Herzog ist acht Jahre jünger und möchte den erfolgreichen Schriftsteller dauerhaft an seine Residenz binden. Goethe findet in Weimar zunächst eine Umgebung, die seinen Bedürfnissen entgegenzukommen scheint. Er kann reisen, jagen, Theater spielen, mit dem Herzog diskutieren und sich zugleich literarisch betätigen.
Doch aus dem gesellschaftlichen Vergnügen wird rasch politische Verantwortung. 1776 tritt Goethe in den Geheimen Rat ein, eines der wichtigsten Regierungsgremien des kleinen Herzogtums. In den folgenden Jahren übernimmt er verschiedene Verwaltungsaufgaben. Er beschäftigt sich mit dem Straßenbau, dem Bergbau, dem Steuerwesen und militärischen Angelegenheiten. Später kommen kulturelle und wissenschaftliche Institutionen hinzu.
Das Bild vom Dichter, der gelegentlich nebenbei ein wenig Politik betreibt, ist deshalb irreführend. Goethe arbeitet über Jahre hinweg intensiv als Regierungsbeamter. Er beschäftigt sich mit Haushaltsfragen, wirtschaftlichen Problemen und konkreten Verwaltungsentscheidungen. In Ilmenau versucht er beispielsweise, den stillgelegten Bergbau wiederzubeleben. Er hofft, dadurch neue Arbeitsplätze und Einnahmen für das Herzogtum zu schaffen. Das Projekt verschlingt viel Geld, bringt aber nicht den erhofften wirtschaftlichen Erfolg. Die geologischen und technischen Schwierigkeiten erweisen sich als größer als Goethes Optimismus.
Seine Arbeit verschafft ihm erheblichen Einfluss. 1782 wird er in den Adelsstand erhoben und darf sich fortan Johann Wolfgang von Goethe nennen. Der Dichter des rebellischen Sturm und Drang ist nun ein hochrangiger Vertreter jener gesellschaftlichen Ordnung, gegen deren Zwänge seine frühen Figuren gelegentlich aufbegehrten.
Eine besonders unangenehme Episode betrifft die Hinrichtung der Dienstmagd Johanna Catharina Höhn. Die junge Frau hatte 1782 ihr neugeborenes Kind getötet und wurde zum Tode verurteilt. Damals wird im Herzogtum darüber diskutiert, ob die Todesstrafe für Kindsmord beibehalten werden soll. Goethe gehört zu den Regierungsmitgliedern, die um eine Stellungnahme gebeten werden. Am 4. November 1783 schließt er sich schriftlich der Position zweier Kollegen an, die für die Beibehaltung der geltenden Strafandrohung eintreten. Am 28. November wird Höhn hingerichtet.
Goethes Beteiligung ist historisch dokumentiert, ihre genaue Bedeutung allerdings Gegenstand einer wissenschaftlichen Kontroverse. Der Literaturwissenschaftler Rüdiger Scholz sieht in Goethes Stellungnahme eine Mitverantwortung für die Hinrichtung. Andere Forscher weisen darauf hin, dass Goethe nicht über das konkrete Todesurteil zu entscheiden hatte, sondern zur grundsätzlichen Beibehaltung der Todesstrafe befragt wurde. Seine eigene ausführliche Begründung ist nicht überliefert.
Fest steht: Goethe sprach sich nicht gegen die Beibehaltung der Todesstrafe für Kindsmord aus, sondern unterstützte die entsprechende gesetzliche Regelung. Gerade angesichts seiner literarischen Beschäftigung mit menschlicher Not ist das bemerkenswert. Der Autor, der in Faust später das Schicksal der gesellschaftlich verurteilten Gretchen gestaltet, vertrat als Regierungsmitglied eine harte strafrechtliche Position gegenüber Frauen, die ihre Neugeborenen getötet hatten.
Eine direkte Gleichsetzung zwischen dem historischen Fall und Gretchens Geschichte wäre allerdings zu einfach. Goethe hatte sich bereits vor der Hinrichtung Höhns mit dem Motiv der Kindsmörderin beschäftigt. Es gehörte zu den gesellschaftlichen und literarischen Themen seiner Zeit. Dennoch zeigt der Vorgang, dass die moralische Sensibilität eines Schriftstellers nicht zwingend mit seinen politischen Entscheidungen übereinstimmen muss.
Auch Goethes allgemeines Verhältnis zu gesellschaftlichen Veränderungen bleibt widersprüchlich. Er schätzt Bildung, Wissenschaft und persönliche Freiheit, lehnt aber revolutionäre Umstürze häufig ab. Die Französische Revolution betrachtet er mit zunehmender Skepsis, besonders angesichts der Gewalt und politischen Radikalisierung. Als Vertreter eines kleinen Fürstenstaates besitzt er zudem ein unmittelbares Interesse an der Stabilität bestehender Herrschaftsverhältnisse.
Goethe ist deshalb weder ein einfacher Verteidiger absolutistischer Macht noch ein früher demokratischer Revolutionär. Er setzt auf Reformen innerhalb bestehender Institutionen und misstraut politischen Bewegungen, die die Gesellschaft von Grund auf verändern wollen. Seine politischen Vorstellungen sind von persönlichen Erfahrungen und gesellschaftlichen Interessen geprägt, nicht allein von abstrakten humanistischen Idealen.
Charlotte von Stein, eine heimliche Italienreise und Christianes schwieriger Platz
In Weimar entwickelt Goethe eine enge Beziehung zu Charlotte von Stein, einer verheirateten Hofdame, die sieben Jahre älter ist als er. Charlotte besitzt gesellschaftliche Erfahrung, literarische Interessen und eine gewisse emotionale Zurückhaltung. Für Goethe wird sie zu einer wichtigen Vertrauten. Er schreibt ihr zahlreiche Briefe, berichtet von seinen Gedanken und Gefühlen und sucht immer wieder ihre Nähe.
Die genaue Art ihrer Beziehung beschäftigt die Goethe-Forschung bis heute. Die Korrespondenz zeigt eine starke emotionale Bindung, aber sie beweist nicht eindeutig, dass beide eine sexuelle Beziehung hatten. Goethe selbst scheint in Charlotte zeitweise eine Frau zu suchen, die seine leidenschaftliche Natur beruhigen und ihm eine geordnetere Lebensführung ermöglichen könnte. Auch hier fällt auf, wie sehr er persönliche Beziehungen mit Erwartungen an die eigene Entwicklung verbindet.
Nach mehr als zehn Jahren am Weimarer Hof gerät Goethe jedoch erneut in eine Krise. Die Verwaltungsarbeit belastet ihn, seine literarischen Projekte kommen nur langsam voran, und die Beziehung zu Charlotte scheint festgefahren. Im September 1786 verlässt er Karlsbad und reist ohne vorherige öffentliche Ankündigung nach Italien. Er benutzt zeitweise den Namen Johann Philipp Möller, um möglichst unbehelligt unterwegs zu sein.
Die Reise wird zu einem Wendepunkt. Goethe verbringt fast zwei Jahre in Italien, besucht Verona, Venedig, Rom, Neapel und Sizilien, beschäftigt sich mit antiker Kunst und der italienischen Landschaft. Er zeichnet, studiert Architektur und versucht, ein neues Verhältnis zu seinem eigenen Leben zu finden. Besonders Rom wird für ihn zu einem Ort der künstlerischen Erneuerung. Die klassische Antike erscheint ihm als Gegenbild zu den gesellschaftlichen und persönlichen Unruhen seiner bisherigen Jahre.
Dabei ist die Italienreise nicht einfach ein erholsamer Urlaub. Goethe nutzt sie auch, um sich von beruflichen Verpflichtungen und persönlichen Bindungen zu lösen. Charlotte von Stein fühlt sich durch sein Verhalten verletzt. Die Beziehung wird nach seiner Rückkehr nicht mehr dieselbe sein. Für Goethe bedeutet Italien dagegen eine neue Freiheit, die er nicht ohne Weiteres wieder aufgeben möchte.
1788 begegnet er in Weimar der 23-jährigen Christiane Vulpius. Sie arbeitet in einer Manufaktur für künstliche Blumen und überreicht Goethe eine Bitte zugunsten ihres Bruders Christian August, der eine Anstellung sucht. Aus der Begegnung entwickelt sich rasch eine Liebesbeziehung. Christiane zieht zu Goethe, und bereits im Dezember 1789 wird ihr gemeinsamer Sohn August geboren.
Die Verbindung sorgt in Weimar für Aufsehen. Goethe ist inzwischen ein angesehener Minister und geadelter Schriftsteller, Christiane stammt aus weniger angesehenen gesellschaftlichen Verhältnissen und verfügt nicht über die Bildung der Weimarer Hofdamen. Viele Mitglieder der höfischen Gesellschaft betrachten sie als unpassende Partnerin. Besonders deutlich wird die Ablehnung bei Charlotte von Stein, die sich durch Goethes neue Beziehung persönlich verletzt fühlt.
Allerdings sollte man Christiane nicht einfach als ungebildetes Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen darstellen. Ihre Familie hatte durchaus akademische und bürgerliche Verbindungen. Ihr Vater war Amtsarchivar gewesen, hatte seine Stellung jedoch wegen einer Unterschlagung verloren. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Familie erklären, weshalb Christiane arbeiten musste. Sie war also gesellschaftlich weniger abgesichert als Goethe, keineswegs aber eine völlig mittellose Außenseiterin.
Goethe hält an der Beziehung fest, ohne Christiane zunächst zu heiraten. Fast achtzehn Jahre leben die beiden zusammen, während Christiane mit gesellschaftlichen Vorurteilen umgehen muss. Goethe selbst genießt inzwischen eine Freiheit, die ihre Stellung keineswegs in gleichem Maß absichert. Er kann als berühmter Dichter und hochrangiger Beamter gegen Konventionen verstoßen, ohne dadurch seine gesellschaftliche Existenz zu verlieren. Christiane muss die Folgen solcher Verstöße erheblich unmittelbarer tragen.
Zwischen 1789 und 1802 bringt Christiane fünf Kinder zur Welt. Nur der älteste Sohn August überlebt die ersten Lebensjahre. Vier weitere Kinder sterben kurz nach der Geburt. Goethe erlebt damit eine Reihe familiärer Verluste, die in Darstellungen seines scheinbar glücklichen Lebens häufig hinter den literarischen Erfolgen verschwinden.
1806 ändert sich die gesellschaftliche Stellung Christianes schließlich. Nach der preußischen Niederlage bei Jena und Auerstedt besetzen französische Truppen Weimar. Soldaten dringen auch in Goethes Haus ein. Christiane setzt sich entschlossen für den Schutz des Haushalts ein. Später entsteht daraus die Geschichte, sie habe Goethe persönlich vor einer lebensgefährlichen Situation gerettet. Die dramatische Darstellung, wonach sie bewaffnete Soldaten mit Pistolen vertrieben habe, ist jedoch nicht zuverlässig belegt. Sicher ist, dass Goethe ihr Verhalten während der Besetzung ausdrücklich würdigte.
Am 19. Oktober 1806 heiraten Goethe und Christiane schließlich. Die Hochzeit findet ohne große gesellschaftliche Feierlichkeiten statt. Goethe ist 57 Jahre alt, Christiane 41. Ihr gemeinsamer Sohn August wird dadurch ehelich legitimiert. Für Christiane bedeutet die Heirat eine wichtige rechtliche und gesellschaftliche Absicherung, die ihr zuvor lange gefehlt hatte.
Die Ehe bleibt bis zu Christianes Tod 1816 bestehen. Sie stirbt nach schwerer Krankheit im Alter von 51 Jahren. Goethe ist von ihrem Verlust tief getroffen. Dass er der Beerdigung fernbleibt, wird gelegentlich als Ausdruck mangelnder Zuneigung ausgelegt. Dafür gibt es jedoch keine überzeugende Grundlage. Seine Trauer ist in Briefen und Gedichten dokumentiert. Der Umgang mit Tod und Krankheit war im 18. und frühen 19. Jahrhundert zudem nicht mit heutigen Erwartungen an öffentliche Abschiedsrituale gleichzusetzen.
Christiane bleibt eine der wichtigsten Personen in Goethes Leben. Sie versorgt über Jahrzehnte den gemeinsamen Haushalt, kümmert sich um familiäre Angelegenheiten und begleitet einen Mann, dessen öffentliche Bedeutung ständig wächst. Dass sie lange Zeit vor allem als wenig gebildete Geliebte des großen Dichters beschrieben wurde, sagt möglicherweise mehr über die gesellschaftlichen Vorstellungen späterer Goethe-Biografen aus als über die Frau selbst.
Schiller, Kleist und Napoleon: Der Dichterfürst und seine Kollegen
Goethes Stellung in der deutschen Literatur entwickelt sich nach seiner Rückkehr aus Italien weiter. Er sucht zunehmend nach einer Kunst, die sich an klassischen Formen, Maß und Harmonie orientiert. Seine Werke werden kontrollierter, seine Sprache oft ruhiger. Aus dem leidenschaftlichen Vertreter des Sturm und Drang wird einer der wichtigsten Autoren der später sogenannten Weimarer Klassik.
Die entscheidende persönliche Begegnung dieser Jahre betrifft Friedrich Schiller. Zunächst stehen sich die beiden Schriftsteller keineswegs besonders nahe. Goethe begegnet dem zehn Jahre jüngeren Autor skeptisch. Schillers frühe Dramen erscheinen ihm teilweise zu leidenschaftlich und ungestüm. Der jüngere Kollege wiederum bewundert Goethe, empfindet dessen gesellschaftliche Stellung und literarische Autorität aber auch als Herausforderung.
Erst 1794 entwickelt sich eine intensive Freundschaft. Nach einem Gespräch über naturwissenschaftliche und ästhetische Fragen beginnen die beiden einen regelmäßigen Austausch. Schiller lädt Goethe zur Mitarbeit an der Zeitschrift Die Horen ein. Es entsteht eine Zusammenarbeit, die für beide Schriftsteller außerordentlich produktiv wird.
In den folgenden elf Jahren wechseln Goethe und Schiller mehr als tausend Briefe. Sie diskutieren literarische Projekte, kritisieren einander und entwickeln gemeinsame ästhetische Vorstellungen. Schiller ermutigt Goethe, ältere Arbeiten wieder aufzunehmen, darunter den Faust. Goethe wiederum unterstützt Schiller bei dessen dramatischen Vorhaben.
Die Freundschaft ist nicht frei von Konkurrenz. Beide besitzen ein ausgeprägtes Bewusstsein für die eigene literarische Bedeutung. Doch gerade diese Konkurrenz wird zu einer produktiven Kraft. Die beiden fördern einander, ohne ihre Unterschiede aufzugeben. In manchen ihrer Briefe zeigt sich eine Offenheit, die Goethe gegenüber anderen Menschen nur selten zulässt.
Als Schiller am 9. Mai 1805 stirbt, verliert Goethe einen seiner wichtigsten Gesprächspartner. Er reagiert mit tiefer Erschütterung und erklärt später, mit Schiller sei ihm ein Teil seines eigenen Lebens verloren gegangen. Die jahrzehntelange kulturelle Verehrung beider Dichter als nahezu gleichberechtigtes Paar verdeckt gelegentlich, wie unterschiedlich ihre Persönlichkeiten und Lebensumstände tatsächlich waren. Goethe besaß gesellschaftliche Sicherheit, Vermögen und politischen Einfluss. Schiller musste erheblich stärker um seine wirtschaftliche Existenz kämpfen und litt über Jahre unter schweren gesundheitlichen Problemen.
Weniger glücklich verläuft Goethes Beziehung zu Heinrich von Kleist. Der jüngere Schriftsteller bewundert Goethe und hofft auf dessen Anerkennung. Doch Goethe steht der radikalen Sprache und den extremen Gefühlsdarstellungen Kleists skeptisch gegenüber.
1808 bringt Goethe Kleists Komödie Der zerbrochne Krug am Weimarer Hoftheater zur Uraufführung. Er teilt das als Einakter angelegte Stück in drei Akte. Die Vorstellung wird ein Misserfolg. Kleist macht Goethe für einen erheblichen Teil des Scheiterns verantwortlich. Goethe wiederum zeigt wenig Verständnis für die Vorwürfe des jüngeren Kollegen. Die Beziehung bleibt angespannt.
Eine verbreitete Darstellung macht Goethe zum eitlen alten Meister, der das Talent eines jüngeren Konkurrenten bewusst unterdrückte. Dafür gibt es jedoch keine ausreichenden Belege. Goethe hatte das Stück schließlich überhaupt erst auf die Bühne gebracht. Zugleich zeigen seine Entscheidungen, dass er Kleists besondere dramatische Konstruktion offenbar nicht vollständig verstand oder nicht gelten lassen wollte. Die beiden vertraten unterschiedliche Vorstellungen davon, was Theater leisten sollte. Goethe suchte zunehmend nach künstlerischer Ordnung, Kleist interessierte sich für Situationen, in denen jede Ordnung zerbricht.
Dass Goethe selbstbewusst und gelegentlich herablassend gegenüber jüngeren Autoren auftreten konnte, ist dennoch gut dokumentiert. Seine gesellschaftliche Stellung verschaffte ihm eine Autorität, die nicht nur aus seinen Werken erwuchs. Wer am Weimarer Theater Erfolg haben wollte, musste sich über lange Zeit auch mit Goethes Vorstellungen auseinandersetzen.
Sein Verhältnis zu Napoleon ist nicht weniger kompliziert. Goethe betrachtet den französischen Kaiser mit einer Mischung aus Bewunderung und politischer Skepsis. Während viele deutsche Patrioten in Napoleon vor allem den Unterdrücker ihrer Heimat sehen, erkennt Goethe dessen außergewöhnliche Fähigkeiten als Staatsmann und militärischer Führer an.
1808 treffen beide beim Fürstenkongress in Erfurt zusammen. Napoleon kennt Goethes Werther und spricht mit ihm über das Buch. Goethe zeigt sich beeindruckt. Der französische Kaiser verleiht ihm später den Orden der Ehrenlegion.
Die Begegnung macht Goethe keineswegs zum vorbehaltlosen Anhänger Napoleons. Sie zeigt aber seine Bereitschaft, persönliche Größe auch bei einem politischen Gegner anzuerkennen. Zugleich lässt sich darin eine gewisse Faszination für Macht erkennen. Goethe beurteilt historische Persönlichkeiten nicht allein nach ihren politischen Grundsätzen, sondern auch nach ihrer Fähigkeit, die Welt zu gestalten.
Zwischenkieferknochen, Farbenlehre und die Eitelkeit des Naturforschers
Goethe betrachtet sich selbst keineswegs nur als Schriftsteller. Er beschäftigt sich über Jahrzehnte mit Botanik, Anatomie, Geologie, Mineralogie, Meteorologie und Optik. Seine Sammlungen umfassen Tausende von Mineralien und naturkundlichen Objekten. Er beobachtet Pflanzen, untersucht Tierknochen und versucht, allgemeine Gesetzmäßigkeiten hinter der Vielfalt natürlicher Formen zu erkennen.
Besonders stolz ist er auf seine Beschäftigung mit dem menschlichen Zwischenkieferknochen. Im 18. Jahrhundert vertreten manche Anatomen die Auffassung, dieser Knochen fehle beim Menschen, während er bei anderen Säugetieren vorhanden sei. Goethe untersucht Schädel und gelangt 1784 zu dem Ergebnis, dass die entsprechende Struktur auch beim Menschen existiert, allerdings häufig mit benachbarten Knochen verwachsen ist.
Die Entdeckung begeistert ihn. Sie passt zu seiner Vorstellung, dass die Natur ihre Formen nicht durch vollständig voneinander getrennte Schöpfungen hervorbringt, sondern durch Umwandlungen gemeinsamer Grundstrukturen. Goethe glaubt, damit einen wichtigen Beleg für die grundsätzliche Verwandtschaft verschiedener Lebewesen gefunden zu haben.
Allerdings ist auch diese Geschichte weniger eindeutig, als sie häufig erzählt wird. Der französische Anatom Félix Vicq d’Azyr hatte den entsprechenden Befund bereits vor Goethe beschrieben. Goethe war also nicht der erste Mensch, der den Zwischenkieferknochen beim Menschen erkannte. Seine Untersuchung besitzt dennoch wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung, insbesondere im Zusammenhang mit seinen Vorstellungen von vergleichender Anatomie und Gestaltwandel.
Noch intensiver beschäftigt ihn die Farbenlehre. Goethe ist überzeugt, dass Isaac Newtons optische Theorie wesentliche Aspekte der Farbwahrnehmung nicht richtig erkläre. Er führt zahlreiche Experimente durch, untersucht Farbkontraste und beschäftigt sich mit der Wirkung von Licht und Dunkelheit auf das menschliche Auge.
1810 veröffentlicht er seine umfangreiche Schrift Zur Farbenlehre. Goethe ist von der Bedeutung dieses Werkes außerordentlich überzeugt. Zeitweise hält er seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse sogar für wichtiger als seine literarischen Leistungen.
Hier zeigt sich jedoch eine Grenze seiner Fähigkeiten. Goethes Kritik an Newton überzeugt die moderne Physik in ihren zentralen Punkten nicht. Newtons Erklärung der Zerlegung weißen Lichts und die physikalische Beschreibung des Lichts werden durch spätere Forschung bestätigt und weiterentwickelt. Goethe hingegen vermischt teilweise physikalische, physiologische und psychologische Fragen, die sich nicht mit einer einzigen Theorie beantworten lassen.
Das bedeutet nicht, dass alle seine Beobachtungen wertlos wären. Besonders seine Beschäftigung mit Farbkontrasten und der subjektiven Wahrnehmung von Farben ist für Kunst und Wahrnehmungsforschung interessant geblieben. Doch sein Versuch, Newtons physikalische Theorie grundsätzlich zu widerlegen, scheitert.
Bemerkenswert ist Goethes Hartnäckigkeit. Er besitzt ein außerordentliches wissenschaftliches Selbstbewusstsein und hält an seinen Überzeugungen fest, auch wenn Fachgelehrte widersprechen. Gerade ein Mann, der in seinen literarischen Werken immer wieder die Grenzen menschlicher Erkenntnis untersucht, zeigt sich bei den eigenen wissenschaftlichen Vorstellungen gelegentlich erstaunlich wenig bereit, diese Grenzen anzuerkennen.
Ein weiterer Widerspruch liegt darin, dass Goethe als Naturforscher sorgfältige Beobachtung fordert, zugleich aber häufig nach einem harmonischen Gesamtbild sucht, in das sich die einzelnen Beobachtungen einfügen sollen. Diese Suche kann produktiv sein, birgt aber die Gefahr, widersprechende Ergebnisse zugunsten einer schönen Theorie abzuwerten.
Faust, Gretchen und die Frage, ob das wirklich alles Weltliteratur ist
Goethes literarisches Werk ist außerordentlich umfangreich. Es umfasst Gedichte, Dramen, Romane, Erzählungen, autobiografische Schriften und Essays. Nicht jedes dieser Werke besitzt dieselbe Bedeutung, und nicht alles, was Goethe geschrieben hat, ist allein deshalb große Literatur, weil sein Name auf dem Titelblatt steht.
Sein berühmtestes – vielleicht auch meistüberschätztes – Werk bleibt Faust. Die Arbeit daran beschäftigt ihn über einen Großteil seines Lebens. Bereits in den 1770er-Jahren entstehen erste Szenen, 1808 erscheint der erste Teil der Tragödie, und den zweiten Teil vollendet Goethe erst kurz vor seinem Tod. Der Stoff wächst damit über Jahrzehnte hinweg und nimmt sehr unterschiedliche literarische Formen auf.
Im Mittelpunkt steht der Gelehrte Heinrich Faust, der trotz umfangreicher Studien unzufrieden mit seinem Wissen und seinem Leben ist. Er schließt eine Vereinbarung mit Mephistopheles und versucht, die Grenzen menschlicher Erfahrung zu überschreiten. Aus dieser zunächst philosophisch wirkenden Ausgangssituation entwickelt sich im ersten Teil die Tragödie um Margarete, genannt Gretchen.
Gerade diese Geschichte macht Faust I literarisch überzeugend. Faust sucht Erfüllung, begehrt Gretchen und setzt durch sein Verhalten eine Kette von Ereignissen in Gang, die ihr Leben zerstören. Gretchen verliert ihre gesellschaftliche Stellung, ihre Familie zerbricht, und sie wird schließlich für die Tötung ihres neugeborenen Kindes zum Tode verurteilt.
Faust selbst kann sich dagegen immer wieder aus den unmittelbaren Folgen seines Handelns entfernen. Diese Ungleichheit gehört zu den bedrückendsten Aspekten des Dramas. Der Mann, der über Erkenntnis, Freiheit und die Grenzen des Menschlichen spricht, lässt eine junge Frau mit den Konsequenzen seiner Wünsche zurück.
Man kann Faust deshalb auch als Geschichte männlicher Selbstüberschätzung lesen. Faust erhebt seine eigene Unzufriedenheit zu einem weltgeschichtlichen Problem. Er glaubt, zu außergewöhnlichen Erfahrungen berechtigt zu sein, während andere Menschen den Preis dafür zahlen. Besonders Gretchen wird zum Opfer eines Mannes, der seine persönlichen Wünsche mit philosophischen Begriffen rechtfertigt.
Gleichzeitig besitzt das Drama eine ungewöhnliche sprachliche Kraft. Goethe verbindet Gelehrtensatire, religiöse Fragen, volkstümliche Szenen, Liebesgeschichte und Tragödie zu einem Werk, das zwischen Komik und existenzieller Verzweiflung wechselt. Nicht jede Szene überzeugt gleichermaßen, doch die Verbindung verschiedener Tonlagen macht den ersten Teil bis heute eindrucksvoll.
Faust II ist wesentlich schwieriger zugänglich. Goethe führt seinen Helden durch eine Welt aus antiken Gestalten, politischen Allegorien, wirtschaftlichen Experimenten und philosophischen Bildern. Der zweite Teil ist ein riesiges literarisches Gedankengebäude, dessen Einzelheiten selbst erfahrene Leser vor erhebliche Herausforderungen stellen.
Gerade hier ist Kritik durchaus angebracht. Die Vielzahl der Anspielungen, die komplizierte Symbolik und die häufig fehlende unmittelbare Handlung können ermüden. Goethe scheint gelegentlich so viele Gedanken und Stoffe in sein Werk aufnehmen zu wollen, dass die dramatische Geschlossenheit darunter leidet. Dass Faust II als bedeutendes Werk gilt, bedeutet nicht, dass seine Lektüre immer ein Vergnügen wäre.
Wer Faust kennenlernen möchte, sollte deshalb mit dem ersten Teil beginnen. Unsere Lektürehilfe zu Faust I bietet dazu eine Einführung in Handlung, Figuren und zentrale Konflikte.
Auch außerhalb des Faust finden sich Werke von außergewöhnlicher Qualität. Götz von Berlichingen (1773) verbindet historisches Schauspiel mit dem Freiheitsdrang des Sturm und Drang. Iphigenie auf Tauris (1787) entwirft ein Ideal von Menschlichkeit, in dem Gewalt durch Wahrhaftigkeit und moralisches Handeln überwunden werden soll. Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96) untersucht die Entwicklung eines jungen Mannes, der seinen Platz zwischen Kunst, gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichen Wünschen sucht.
Allerdings kann Goethes klassisches Ideal gelegentlich allzu harmonisch erscheinen. Besonders Iphigenie verlangt dem Leser die Bereitschaft ab, an die versöhnende Kraft moralischer Einsicht zu glauben. Die Figuren sprechen in einer stilisierten Sprache, die weniger an gewöhnliche Menschen als an Verkörperungen philosophischer Grundsätze erinnert. Das besitzt künstlerische Schönheit, kann aber auch eine gewisse emotionale Distanz erzeugen.
Deutlich unangenehmer ist Die Wahlverwandtschaften von 1809. Der Roman erzählt von einem verheirateten Paar, dessen Beziehung durch neue Gäste und unerwartete Gefühle erschüttert wird. Goethe verwendet dabei den Begriff der chemischen Wahlverwandtschaft, um menschliche Beziehungen zu untersuchen. Die Figuren erscheinen wie Stoffe, die aufeinander reagieren und bestehende Verbindungen lösen.
Gerade dieses Experiment ist interessant, weil Goethe hier keine einfache moralische Lösung anbietet. Die Menschen begehren einander, obwohl gesellschaftliche Verpflichtungen dagegenstehen. Sie versuchen, ihre Gefühle zu beherrschen, scheitern aber immer wieder an den eigenen Wünschen. Der Roman ist psychologisch raffinierter als manche seiner klassischen Dramen, allerdings nicht frei von konstruierten Symbolen und einer gelegentlich schwerfälligen Erzählweise.
Seine autobiografischen Schriften verdienen ebenfalls Aufmerksamkeit. In Dichtung und Wahrheit erzählt Goethe von seiner Kindheit und Jugend, doch der Titel enthält bereits einen wichtigen Hinweis: Es handelt sich nicht um eine nüchterne Dokumentation seines Lebens. Goethe ordnet, gestaltet und deutet die Vergangenheit aus der Perspektive des berühmten älteren Schriftstellers. Manche Ereignisse werden dadurch stärker zu Bestandteilen einer großen Entwicklungsgeschichte, als sie es damals gewesen sein dürften.
Auch die Italienische Reise sollte nicht als unmittelbares Reisetagebuch verstanden werden. Goethe überarbeitet seine früheren Aufzeichnungen und veröffentlicht sie Jahrzehnte nach den Ereignissen. Das Ergebnis ist eine literarisch gestaltete Rückschau, die mehr über Goethes Vorstellung seiner eigenen geistigen Entwicklung erzählt als über jeden tatsächlich erlebten Augenblick.
Seine Gedichte bleiben dagegen häufig erstaunlich unmittelbar. Texte wie Willkommen und Abschied, Erlkönig, Wandrers Nachtlied oder Gefunden zeigen eine sprachliche Beweglichkeit, die auch nach mehr als zwei Jahrhunderten überzeugt. Goethe kann mit wenigen Versen Stimmungen erzeugen, für die andere Schriftsteller lange Erklärungen benötigen. Gerade in der Lyrik ist sein Ruhm deshalb besonders gut nachvollziehbar.
Goethe im Klassenzimmer: Platz zwei unter 646 Werken
Mehr als 190 Jahre nach seinem Tod gehört Goethe weiterhin zu den Autoren, die im deutschsprachigen Schulunterricht besonders präsent sind. Allerdings sollte man zwischen seinem allgemeinen kulturellen Ruhm und der tatsächlichen Lektürepraxis unterscheiden. Nicht jeder Schüler liest freiwillig Faust, und auch nicht jede Schule behandelt dieselben Werke.
Wie verbreitet Goethe tatsächlich ist, zeigt die Oberstufen-Untersuchung von Fabelhafte Bücher aus dem September/Oktober 2026. Dafür wurden rund 4.300 Schulen in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz sowie deutsche Auslandsschulen angeschrieben. Mehr als 600 Rückmeldungen wurden ausgewertet. Insgesamt dokumentierte die Untersuchung 646 unterschiedliche Werke von 347 Autoren.
Goethes Faust erreicht dabei den zweiten Platz. Rund 50 Prozent der verwertbaren Rückmeldungen mit konkreten Lektüreangaben nennen das Werk. Nur Georg Büchners Woyzeck wird mit rund 55 Prozent noch häufiger aufgeführt. Auf dem dritten Platz folgt Jenny Erpenbecks Heimsuchung, ebenfalls mit rund 50 Prozent. Die Prozentwerte sind gerundet und erlauben deshalb keine genauere Aussage über den Abstand zwischen den einzelnen Werken.
Bemerkenswert ist auch Goethes Breite. Er ist mit zehn unterschiedlichen Werken im dokumentierten Lektürekorpus vertreten. Dieselbe Anzahl erreichen Thomas Mann und Friedrich Schiller. Lediglich Bertolt Brecht besitzt mit vierzehn Werken eine noch größere Vielfalt. Allerdings überschreitet bei Brecht kein einzelnes Werk die in der Untersuchung definierte Schwelle von 20 Prozent. Goethe ist also nicht nur durch zahlreiche verschiedene Titel präsent, sondern auch durch einen besonders häufig behandelten Klassiker.
Die hohe Verbreitung des Faust hängt allerdings nicht ausschließlich mit einer freien Entscheidung der Schulen zusammen. Für die Jahre 2020 bis 2022 gehörte das Werk zu den ländergemeinsamen Lektürevorgaben im Zusammenhang mit den Abituraufgabenpools des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Solche Vorgaben beeinflussen erheblich, welche Bücher im Unterricht behandelt werden. Die Platzierung in unserer Untersuchung ist deshalb kein Beweis dafür, dass die Hälfte aller Deutschlehrer den Faust unabhängig voneinander für die beste verfügbare Lektüre hält.
Trotzdem bleibt das Ergebnis bemerkenswert. Goethe behauptet seine Stellung in einem Schulbetrieb, der längst nicht mehr ausschließlich von klassischen Autoren geprägt wird. Gegenwartsromane spielen eine zunehmend wichtige Rolle, und viele Schulen beschäftigen sich mit Themen, die unmittelbar an heutige gesellschaftliche Erfahrungen anknüpfen. Dass Faust dennoch fast jede zweite verwertbare Rückmeldung erreicht, zeigt die außerordentliche Beständigkeit des Werkes.
Für Goethe ist das eine späte Form literarischer Unsterblichkeit, die er selbst vermutlich durchaus geschätzt hätte. Ob sie auch seinen Lesern immer Freude bereitet, steht auf einem anderen Blatt. Schulische Pflichtlektüre kann Interesse wecken, sie kann aber auch dafür sorgen, dass ein literarisches Werk dauerhaft mit Klassenarbeiten, Interpretationsschemata und Prüfungsdruck verbunden wird. Gerade bei Goethe lohnt es sich deshalb, ihn außerhalb des Unterrichts noch einmal neu zu lesen.
Mit 74 verliebt in eine Neunzehnjährige
Nach Christianes Tod 1816 lebt Goethe als Witwer in Weimar. Sein Ruhm ist inzwischen nahezu unangefochten. Besucher aus ganz Europa möchten ihn kennenlernen, junge Schriftsteller suchen seine Anerkennung, und sein Haus am Frauenplan wird zu einer wichtigen Anlaufstelle des geistigen Lebens. Goethe selbst entwickelt zunehmend feste Gewohnheiten. Er arbeitet nach einem geregelten Tagesablauf, empfängt Gäste und widmet sich seinen literarischen und naturwissenschaftlichen Projekten.
Allerdings wird der berühmte Dichter im Alter keineswegs frei von leidenschaftlichen Gefühlen. 1821 begegnet er während eines Kuraufenthalts in Marienbad der siebzehnjährigen Ulrike von Levetzow. Sie stammt aus einer adligen Familie und verbringt den Sommer mit ihrer Mutter und ihren Schwestern in dem böhmischen Kurort. Goethe ist damals 72 Jahre alt.
In den folgenden Jahren sucht er wiederholt die Gesellschaft der Familie. Er beschäftigt sich gemeinsam mit Ulrike und ihren Schwestern mit Pflanzen, Steinen und naturwissenschaftlichen Fragen. Der alte Dichter schenkt den jungen Frauen Mineralien und Blumen. Nach einer späteren biografischen Überlieferung versucht er sogar, Ulrike mit Schokolade für seine Gesteinssammlung zu begeistern. Das Bild ist beinahe komisch: Einer der berühmtesten Männer Europas wirbt mit Steinen, Blumen und Süßigkeiten um die Aufmerksamkeit eines Mädchens, das seine Enkelin sein könnte.
1823 erreicht Goethes Zuneigung ihren Höhepunkt. Er ist inzwischen 74 Jahre alt, Ulrike 19. Der Weimarer Großherzog Carl August vermittelt nach den späteren Erinnerungen Ulrikes einen Heiratswunsch Goethes. Der Vorgang ist nicht durch einen erhaltenen förmlichen Antrag belegt, wird aber durch zeitgenössische Umstände und Ulrikes eigene Erinnerungen gestützt. Ulrike lehnt eine Ehe ab, wenig überraschend.
Ihre spätere Darstellung ist bemerkenswert. Sie möchte die Geschichte keineswegs als große romantische Leidenschaft verstanden wissen und widerspricht verschiedenen Legenden, die sich um die Begegnung entwickelt haben. Aus ihrer Perspektive war Goethe ein bewunderter älterer Mann, aber kein möglicher Ehemann. Dass der Großherzog ihr eine glänzende gesellschaftliche Stellung als Goethes Frau in Aussicht gestellt haben soll, ändert daran nichts.
Goethe reagiert auf die Enttäuschung mit tiefer Erschütterung. Auf der Rückreise nach Weimar entsteht die Marienbader Elegie, eines seiner bekanntesten späten Gedichte. Es beschreibt die Erfahrung einer Liebe, die eine unerwartete Verjüngung verspricht und zugleich schmerzlich an die Grenzen des eigenen Lebens erinnert.
Die Geschichte besitzt einen tragikomischen Zug. Goethe, der jahrzehntelang über Maß, Vernunft und die Beherrschung menschlicher Leidenschaften geschrieben hat, erlebt im hohen Alter noch einmal eine emotionale Krise, die kaum zu seinem Bild als abgeklärter Weiser passt. Auch die gesellschaftlichen Erwartungen sind bemerkenswert: Ein 74-jähriger berühmter Mann kann die Heirat mit einer Neunzehnjährigen ernsthaft in Betracht ziehen und erhält dabei Unterstützung aus dem höfischen Umfeld, jedenfalls wenn er berühmt genug ist. Ulrike dagegen muss erklären, weshalb sie diese vermeintlich glänzende Verbindung nicht eingehen möchte.
Für die literarische Bewertung ist die Episode ebenfalls interessant. Die Marienbader Elegie gehört zu Goethes bewegendsten Gedichten, gerade weil sich in ihr persönliche Verzweiflung und künstlerische Gestaltung verbinden. Die emotionale Enttäuschung wird nicht bloß dokumentiert, sondern in eine Sprache verwandelt, die über den konkreten Anlass hinausweist.
In seinen letzten Lebensjahren erlebt Goethe weitere Verluste. 1830 stirbt sein einziger erwachsen gewordener Sohn August während einer Italienreise in Rom. Der 40-Jährige hatte über Jahre hinweg unter dem Schatten seines berühmten Vaters gestanden. Goethe selbst hat ihn stark in das familiäre und berufliche Umfeld eingebunden. Die Beziehung ist von Zuneigung geprägt, aber auch von erheblichen Erwartungen. August entwickelt kein eigenständiges öffentliches Profil, das mit der Bedeutung seines Vaters vergleichbar wäre.
Der Tod des Sohnes trifft Goethe schwer. Von seinen fünf Kindern lebt nun keines mehr. Er hat bereits Christiane, seine Eltern, seine Schwester Cornelia und zahlreiche Freunde verloren. Zwar bleiben ihm Enkelkinder, doch seine unmittelbare Familie ist weitgehend verschwunden. Der hochbetagte Dichter erlebt damit eine Form persönlicher Vereinsamung, die sich hinter seinem gesellschaftlichen Ruhm leicht übersehen lässt.
Gleichzeitig arbeitet er weiter. 1831 vollendet er den zweiten Teil des Faust, der nach seinem Tod veröffentlicht werden soll. Die Arbeit an diesem Werk hatte ihn über sechs Jahrzehnte beschäftigt. Es ist eine außergewöhnliche Lebensleistung, aber auch ein Beispiel für Goethes Bedürfnis, ein künstlerisches Projekt immer weiter auszudehnen und zu vervollkommnen.
Am 22. März 1832 stirbt Goethe in Weimar im Alter von 82 Jahren. Die genaue medizinische Todesursache lässt sich anhand der historischen Berichte nicht mit letzter Sicherheit feststellen. Er hatte zuvor unter einer schweren fieberhaften Erkrankung gelitten, die wahrscheinlich mit einer akuten Herz-Kreislauf-Komplikation verbunden war.
Berühmt sind seine angeblich letzten Worte: „Mehr Licht!“ Sie werden häufig als philosophisches Vermächtnis eines Mannes verstanden, der sein Leben lang nach Erkenntnis gesucht hatte. Doch die Quellenlage ist unsicher. Verschiedene Zeugen überliefern unterschiedliche letzte Äußerungen, und der Arzt, auf dessen Bericht sich die bekannteste Fassung wesentlich stützt, war beim unmittelbaren Tod nicht anwesend.
Möglicherweise wollte Goethe tatsächlich nur, dass die Vorhänge geöffnet wurden. Vielleicht sprach er überhaupt etwas anderes. Dass aus einer unsicheren Überlieferung ein beinahe symbolischer Abschlusssatz seiner gesamten Existenz geworden ist, zeigt, wie stark sein Leben schon früh zur Legende umgeformt wurde.
Goethe wird in der Weimarer Fürstengruft beigesetzt. Sein Grab befindet sich dort in unmittelbarer Nähe zu Friedrich Schiller und den Mitgliedern der herzoglichen Familie. Der Bürgerliche, der in Frankfurt geboren wurde und als junger Mann die gesellschaftlichen Konventionen seiner Zeit infrage stellte, findet seine letzte Ruhestätte im Umfeld jener fürstlichen Welt, der er jahrzehntelang gedient hatte.
Was bleibt, wenn der Heiligenschein verschwindet?
Johann Wolfgang von Goethe gehört zu den wichtigsten Schriftstellern der deutschen Literaturgeschichte. Das lässt sich an der Vielfalt seiner Werke, seiner sprachlichen Erfindungskraft und seiner Wirkung auf spätere Generationen nachvollziehen. Doch die Vorstellung, er sei ein nahezu vollkommener Mensch gewesen, hält einer genaueren Betrachtung nicht stand.
Goethe war ehrgeizig, gesellschaftlich einflussreich und gelegentlich ausgesprochen selbstgefällig. Seine persönlichen Beziehungen zeigen einen Mann, der leidenschaftliche Gefühle suchte, sich aber nicht immer den damit verbundenen Verpflichtungen stellen wollte. Seine politische Laufbahn macht deutlich, dass humanistische Literatur und tatsächliche Regierungsentscheidungen keineswegs zwangsläufig übereinstimmen. Und seine wissenschaftlichen Arbeiten zeigen, wie leicht selbst ein außergewöhnlich gebildeter Mensch an den eigenen Überzeugungen festhalten kann, obwohl wichtige Teile davon nicht haltbar sind.
Gerade diese Widersprüche machen ihn interessanter als das klassische Denkmal. Goethe war weder ein moralisch unangreifbarer Weiser noch bloß ein eitler Höfling, dessen Ruhm übertrieben wäre. Er besaß eine außergewöhnliche Fähigkeit, menschliche Erfahrungen zu beobachten, in Sprache zu verwandeln und mit allgemeinen Fragen über das Leben zu verbinden.
Seine besten Werke bleiben deshalb lesenswert, auch wenn man nicht jede seiner Überzeugungen teilt. Werther zeigt die gefährliche Macht persönlicher Gefühle. Faust untersucht die menschliche Sehnsucht nach grenzenloser Erfahrung und die Folgen selbstüberschätzender Wünsche. Die Wahlverwandtschaften beschäftigt sich mit der Spannung zwischen Liebe und gesellschaftlichen Verpflichtungen. Und seine Gedichte erreichen häufig eine sprachliche Einfachheit, die selbst nach Jahrhunderten wenig von ihrer Wirkung verloren hat.
Nicht jedes Werk verdient dieselbe Begeisterung. Manche Dramen sind übermäßig schematisch, einige Romane besitzen erhebliche Längen, und Faust II bleibt trotz seiner Bedeutung ein schwer zugängliches literarisches Unternehmen. Goethes literarische Größe wird durch solche Einwände nicht aufgehoben. Sie gewinnt eher an Glaubwürdigkeit, wenn man zwischen außergewöhnlichen Leistungen und weniger überzeugenden Arbeiten unterscheidet.
Wer Goethe kennenlernen möchte, sollte nicht mit der Vorstellung beginnen, nun endlich einen großen deutschen Klassiker bewundern zu müssen. Besser ist es, seine Texte als Geschichten über Menschen zu lesen, die irren, lieben, scheitern und sich selbst nur unvollständig verstehen. Denn gerade darin liegt Goethes bleibende Bedeutung: Nicht dass er Antworten auf alle Fragen gefunden hätte, sondern dass er einige der wichtigsten Fragen mit ungewöhnlicher sprachlicher Kraft gestellt hat.
Sein eigenes Leben liefert dafür reichlich Anschauungsmaterial. Der Mann, der das Streben nach Erkenntnis zu einem großen literarischen Thema machte, irrte sich als Naturforscher. Der Dichter der Menschlichkeit unterstützte als Regierungsmitglied eine harte Strafordnung. Und der Schriftsteller, der das klassische Maß verehrte, ließ sich noch im hohen Alter von einer Leidenschaft überwältigen, die jedes vernünftige Maß zu sprengen schien.
Vielleicht sollte man Goethe gerade deshalb lesen. Nicht weil er größer gewesen wäre als alle anderen Menschen, sondern weil er deren Widersprüche in einer Weise sichtbar gemacht hat, die noch immer zu denken gibt.
Johann Wolfgang von Goethe – die wichtigsten Fakten
- Geboren: 28. August 1749 in Frankfurt am Main.
- Gestorben: 22. März 1832 in Weimar.
- Eltern: Johann Caspar Goethe (1710–1782), Jurist und Kaiserlicher Rat; Catharina Elisabeth Goethe, geborene Textor (1731–1808).
- Familie: Eine jüngere Schwester, Cornelia (1750–1777). Seit 1788 Lebensgemeinschaft mit Christiane Vulpius (1765–1816), Heirat 1806. Fünf gemeinsame Kinder, von denen nur August (1789–1830) das Erwachsenenalter erreichte.
- Wichtigste Werke: Götz von Berlichingen (1773), Die Leiden des jungen Werthers (1774), Iphigenie auf Tauris (1787), Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96), Faust I (1808), Die Wahlverwandtschaften (1809), Dichtung und Wahrheit (1811–1833), West-östlicher Divan (1819), Faust II (postum 1832).
Verfasst vom Marc und Sophia

