Rezension zu Baumeisters Rangen von Ury

Else Urys „Baumeisters Rangen“ erzählt von einem jungen Mädchen zwischen Familienordnung, Pflichtgefühl und eigenem Eigensinn. Das Buch lebt weniger von großen Überraschungen als von genauer Beobachtung, warmem Ton und dem Blick auf die Reibungen des Alltags.

„Baumeisters Rangen“ ist ein Mädchenbuch aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das seine Wirkung nicht aus dramatischen Zuspitzungen bezieht, sondern aus der sorgfältigen Darstellung eines familiären und sozialen Gefüges. Else Ury interessiert sich hier für das Leben eines jungen Mädchens, das sich innerhalb klarer Erwartungen behaupten muss und dabei mit Trotz, Verletzlichkeit und lebhaftem Temperament reagiert. Das Buch schildert Erziehung, Nähe, Missverständnisse und Anerkennungswünsche in einer Weise, die heute deutlich historisch wirkt, aber gerade dadurch aufschlussreich bleibt. Wer das Werk liest, begegnet keinem rasanten Abenteuerroman, sondern einer Erzählung, die ihre Spannung aus Beziehungen, Stimmungen und kleinen Verschiebungen im Zusammenleben gewinnt. Gerade in dieser Konzentration auf den häuslichen und seelischen Alltag liegt seine eigentliche literarische Form.

Im Mittelpunkt von „Baumeisters Rangen“ steht ein junges Mädchen, das in geordneten bürgerlichen Verhältnissen aufwächst und doch immer wieder aneckt. Rangen ist kein stilles, fügsames Kind, sondern eine Figur mit Temperament, Stolz und dem Wunsch, gesehen zu werden. Aus dieser Anlage entwickelt Else Ury die Handlung: im Familienkreis, im Umgang mit Autoritäten, in kleinen Verfehlungen, Kränkungen und Versöhnungen. Der Schauplatz ist vor allem der häusliche Bereich mitsamt den angrenzenden sozialen Räumen, in denen sich Erziehung und Selbstbehauptung fortwährend berühren. Das Buch folgt keiner spektakulären äußeren Konfliktlinie, sondern reiht Episoden und Situationen aneinander, in denen Rangens Wesen geprüft wird. Gerade daraus entsteht ein gut fassbares Bild davon, wie eng Zuneigung, Disziplin, Trotz und Sehnsucht nach Anerkennung in dieser Erzählung miteinander verbunden sind.

Else Ury schreibt dabei in einer Form, die klar, flüssig und auf unmittelbare Verständlichkeit angelegt ist. Der Stil sucht nicht das sprachliche Experiment, sondern die präzise Führung durch Szene und Empfindung. Auffällig ist, wie sicher die Autorin Stimmungen in Familiengesprächen, kleinen Verlegenheiten oder Momenten verletzten Stolzes erfasst. Rangen erscheint nicht als abstraktes Vorbild, sondern als Kind mit Widersprüchen: reizbar, empfindlich, liebebedürftig, bisweilen unvernünftig. Diese Mischung verleiht dem Buch seine Lebendigkeit. Die Erzählhaltung bleibt dem jungen Publikum zugewandt, ohne völlig in dessen Perspektive aufzugehen. Dadurch entsteht eine doppelte Wirkung: Nähe zur Hauptfigur auf der einen, ein leiser ordnender Abstand auf der anderen Seite. Gerade dieser Abstand prägt den Ton des Buches und macht sichtbar, dass hier nicht nur erzählt, sondern auch gelenkt wird.

Literarisch interessant ist vor allem, wie das Werk das Alltägliche ernst nimmt. Konflikte entstehen nicht erst in großen Krisen, sondern aus Zurücksetzungen, Missverständnissen, unbedachten Worten und dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Ury versteht es, aus solchen Situationen eine fortlaufende Spannung zu gewinnen. Das ist keine Spannung des Rätsels, sondern eine des Mitfühlens: Wie wird Rangen reagieren, woran stößt sie sich, wann zeigt sie Einsicht, wann verhärtet sie sich? Gerade in dieser Konzentration auf innere Bewegungen liegt die Stärke des Buches. Es beobachtet Kindlichkeit nicht bloß von außen, sondern nimmt ihre Heftigkeit ernst. Dass vieles an Erziehung, Ordnung und sozialem Verhalten gebunden bleibt, ist offenkundig; zugleich wird sichtbar, dass hinter dem moralischen Rahmen ein genauer Blick für Verletzbarkeit und Geltungsdrang arbeitet.

Für heutige Leser ist dabei gerade die historische Distanz ein wichtiger Teil der Lektüre. Das Buch stammt aus einer Welt fester Rollenvorstellungen und klar formulierter Erwartungen an Benehmen, Gehorsam und weibliche Entwicklung. Manches wirkt deshalb fremd, manches auch enger, als es gegenwärtige Kinder- und Jugendliteratur gewohnt ist. Doch „Baumeisters Rangen“ erschöpft sich nicht in diesen Vorgaben. Das Werk ist immer dann am besten, wenn es nicht bloß eine Lektion erteilt, sondern die Reibung zwischen Norm und Temperament zeigt. Rangen ist nämlich interessant, weil sie sich nicht widerstandslos glätten lässt. Ihre Fehler machen sie anschaulich, ihre Empfindlichkeit oft glaubhaft. Wer das Buch nur als Erziehungserzählung liest, wird ihm daher nicht ganz gerecht; es ist ebenso eine fein beobachtete Studie darüber, wie schwer Anpassung fallen kann, wenn Stolz und Sehnsucht gleich stark ausgeprägt sind.

Seine Grenzen hat das Buch dort, wo die pädagogische Absicht zu deutlich hervortritt. Einige Entwicklungen sind spürbar auf Ausgleich und Einordnung hin komponiert, und nicht jeder Tonfall wirkt aus heutiger Sicht gleich selbstverständlich. Auch die episodische Anlage kann für Leser, die eine stärker zugespitzte Handlung erwarten, etwas ruhig oder altmodisch erscheinen. Gerade diese Ruhe gehört jedoch zur Eigenart des Textes. Ury setzt auf Wiederholung, Nuance und die kleine Verschiebung im Verhältnis zwischen Figur und Umgebung. So entsteht kein lauter, aber ein beständiger Sog. „Baumeisters Rangen“ überzeugt weniger durch dramatische Größe als durch seine genaue Kenntnis kindlicher Empfindlichkeit und durch die Kunst, aus häuslichen Szenen eine soziale und seelische Welt zu formen. Darin liegt der bleibende Reiz dieses stilleren, manchmal strengen, oft aber überraschend wachen Buches.

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Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Warum dieses Buch über längere Zeit lesbar geblieben ist, hängt vor allem mit seiner genauen Beobachtung kindlicher Empfindungen zusammen. Else Ury erfasst Stolz, Eifersucht, Kränkung und das Verlangen nach Anerkennung in einer Weise, die über den engeren Handlungsrahmen hinaus verständlich bleibt. Auch wenn die sozialen und erzieherischen Maßstäbe des Buches deutlich einer früheren Zeit angehören, bleibt das Zentrum der Erzählung nachvollziehbar: ein junger Mensch sucht seinen Platz und gerät dabei immer wieder in Konflikt mit den Erwartungen der Umgebung.

Hinzu kommt die Form des Buches. Es ist übersichtlich erzählt, szenisch klar gebaut und auf Figurenwirkung hin geschrieben. Dadurch konnte es sich offenbar als zugängliche Lektüre behaupten. Seine Dauer erklärt sich also weniger aus formaler Kühnheit als aus Wiedererkennbarkeit in den zwischenmenschlichen Spannungen, die es schildert. Dass das Werk heutigen Lesern stellenweise fremd oder pädagogisch gelenkt vorkommen kann, mindert diesen Befund nicht, sondern gehört zu seiner historischen Eigenart. Gerade als Verbindung aus Erzählfreude, genauer Milieubeobachtung und moralisch gerahmter Figurenzeichnung bleibt „Baumeisters Rangen“ ein aufschlussreiches Beispiel dafür, warum bestimmte Kinder- und Jugendbücher weitergelesen werden.

Buchdaten

  • Autor: Ury
  • Titel: Baumeisters Rangen
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783988284884
  • Softcover-ISBN: 9783988283887

Rezension von Sandrine