Rezension von Anastasia

„Das waren ja gar keine Menschen um mich herum. Das waren Insekten! Ameisen und Spinnen plantschten im Wasser oder spielten im Sand. Und hoch über meinem Kopf drehten Libellen sirrend ihre Runden.“ (Martin Widmark)

Inhalt

Lina ist unglücklich, seit ihr Bruder eines Tages spurlos verschwunden war. Alles, was ihr von ihm bleibt, sind die Erinnerung und die selbstgeschnitzte Flöte. Um sie aufzumuntern, schenken ihre Eltern ihr eines Tages einen roten Schlitten. Aber nur widerwillig nimmt sie den Schlitten mit, um einmal den Berg herunterzufahren. Dabei hat sie einen Unfall, wird ohnmächtig und wacht erst in einer wundersamen Welt wieder auf: dem Land Glück. Dort wirkt alles perfekt, doch schon am nächsten Tag wird Lina von einer großen, furchteinflößenden Krabbe in Gefangenschaft genommen. Von nun an muss sie, zusammen mit vielen anderen entführten Kindern, nach Perlen für die Krabbe tauchen. Ob es ihr jemals gelingen wird, zu entkommen?

Rezension

Bei Linas Reise ins Land Glück handelt es sich um das erste besondere Bilderbuch des Duos Martin Widmark und Emilia Dziubak, das im Verlag arsEdition erschienen ist.
Die Geschichte ist wunderschön und kombiniert alles, was ein gutes Kinderbuch haben sollte: Fantastik, Abenteuer und Spannung.
Die Ausgangslage in der Geschichte ist, dass Lina erwachsen oder zumindest jugendlich ist und ihrem Babysitter-Kind Daniel noch eine Geschichte vor dem Einschlafen erzählen soll. Dann fängt sie an, von ihrer eigenen Kindheit zu erzählen. Zu Beginn ihrer Geschichte ist die Situation sehr düster und trostlos, denn vor einigen Monaten war ihr großer Bruder spurlos verschwunden und Lina konnte nicht aufhören, ihn zu vermissen. Erst als ihre Eltern ihr einen Schlitten geschenkt haben, hat sie dem Leben wieder eine kleine Chance gegeben. Bei der Schlittenfahrt erfolgt dann der Übergang von der realen in die fantastische Welt: Lina wacht als winzige Däumelina auf, umringt von riesigen Insekten, die sprechen können und teilweise sogar Kleidung tragen. Zunächst wirkt alles idyllisch. Ein Käfer namens Herr Jacobi stellt den Ort als ‚Land Glück‘ vor, in dem alle glücklich sind. Als er ihr das Land zeigt und mit ihr viele tolle Sachen unternimmt, wird auch Lina Stück für Stück glücklicher. Doch irgendetwas stimmt nicht mit Herrn Jacobi. Warum will er nicht mit ihr zum Wasserfall fliegen? Am nächsten Morgen wendet sich dann das Blatt. Lina wird von der großen Riesenkrabbe entführt und am Wasserfall gefangen gehalten.
Die Geschichte ist wirklich wunderbar. Sie eröffnet den Kindern eine neue und unbekannte Welt, die die Fantasie anregt und die Vorstellungskraft fördert. Die Sprache ist wunderschön ästhetisch und wirkt fast poetisch – zu keinem Zeitpunkt ist der Schreibstil trivial oder für die Geschichte unangemessen. Die Schrift ist immer gut leserlich, auch wenn der Hintergrund schwarz oder die ganze Seite illustriert ist. Spannung wird direkt zu Beginn aufgebaut, denn natürlich interessiert den Leser und Zuhörer, was mit Linas Bruder geschehen ist und ob er jemals zurückkommen wird. Auch während der Gefangenschaft und des Fluchtversuches am Ende der Geschichte bleibt es spannend und man fiebert geradezu mit. Das Verschwinden eines Kindes ist ja eigentlich nicht unbedingt ein Thema für ein Bilderbuch, da es sehr ernst ist und leider oft in Zusammenhang mit dem Thema Gewalt und Tod steht. So viel sei gesagt: Das Thema Tod wird nicht aufgegriffen. Dennoch geht es um starke negative Gefühle wie Trauer und Angst, die für kleinere Kinder vielleicht noch zu überwältigend sein könnten. Auch die Krabbe ist gegenüber Lina und den anderen Kindern nicht gerade sanft und nimmt auch schonmal ihre Scheren zur Hilfe, um sie anzutreiben. Das Buch eignet sich aufgrund der Spannung und der düsteren Elemente daher frühestens für Kinder ab 5 oder 6 Jahren. Für diese Kinder leistet es aber einen großen Beitrag zum literarischen Lernen, insbesondere weil sie sich in die Gefühle von Lina und auch den anderen Kindern hineinversetzen müssen. Dies gilt auch für die Illustrationen, die oft recht dunkel und vereinzelt sogar gruselig sind, aber einen hohen ästhetischen Wert haben. Die Illustrationen spiegeln so hervorragend die düstere Atmosphäre wider, haben aber zu jedem Zeitpunkt viele farbige Akzente, sodass die Stimmung nicht zu betrübt ist. Die Bilder sind wirklich mit viel Liebe zum Detail gezeichnet und ich finde sie einfach nur wunderschön. Sie unterstützen, wie auch die Geschichte selbst, hervorragend die Entwicklung von Fantasie und Vorstellungskraft.

Fazit

Insgesamt ein sehr gelungenes Bilderbuch, das die Leser und Zuhörer in wenigen Seiten und vielen tollen Illustrationen in eine unbekannte, fantastische Welt und ein großes Abenteuer entführt. Die Geschichte und die Bilder passen einfach perfekt zusammen und ergänzen sich gegenseitig zu einem großartigen Kunstwerk. Das Bilderbuch ist keineswegs nur für Kinder geeignet, sondern kann auch Erwachsene begeistern. Von Widmark und Dziubak gibt es bereits ein zweites Bilderbuch – Als Larson das Glück wiederfand – und im August (2019) wird noch ein weiteres Bilderbuch im Verlag erscheinen. Dieses Bilderbuch ist auf jeden Fall schon einmal sehr zu empfehlen und auf die folgenden Geschichten bin ich auch sehr gespannt!