Rezension von Silke

Martin Baltscheit erzählt in seinem Buch „Nur ein Tag“ auf kompakten 112 Seiten eine außergewöhnlich eindrucksvolle und lebendige Geschichte über den Tod. Die zwei Freunde Fuchs und Wildschwein sitzen auf Klappstühlen an ihrem See. Sie sind voller Vorfreude auf das kommende Ereignis. Sie warten darauf, dass endlich die kleine Eintagsfliege aus ihrem Ei schlüpft. Kaum ist das Fliegenmädchen auf der Welt, haben sich die beiden sofort in die „kleine Meisterin des großen Glücks“ verliebt. Immerhin ist es ein wunderschönes Mädchen, sehr süß und die kleine Eintagsliebe vom dicken Wildschwein.

Doch am liebsten möchten Fuchs und Wildschwein sofort verschwinden. Sie wissen nicht, wie sie der Kleinen sagen sollen, dass sie morgen schon nicht mehr lebt. Die kleine Eintagsfliege hingegen ist voller Überzeugung, eine Maifliege zu sein. Dadurch kommt sie gar nicht auf die Idee, dass ihr Leben bald schon zu Ende sein wird. Als das Thema dann doch zur Sprache kommt, behaupten die beiden Freunde einfach, dass es der Fuchs ist, der nur noch einen Tag zu Leben hat. So beschließt die Eintagsfliege, es dem Fuchs an seinem letzten Tag nochmal besonders schön zu machen. Alles soll er erleben dürfen, was sonst nur in ein ganzes Leben passt: Schulzeit, erwachsen werden, Hochzeit, Geburt des Kindes und alt werden.

Dann gibt der Fuchs auf seiner Geburtstagsrede versehentlich das gehütete Geheimnis preis. Die kleine Fliege ist am Boden zerstört und zieht sich zurück, hat sie doch ihren einzigen Tag im Leben vergeudet. Sie fühlt sich von den Freunden belogen und betrogen. Aber die Begegnung mit einer anderen völlig verbitterten Eintagsfliege öffnet ihr die Augen. Am Ende kehrt die Fliege zum See zurück, denn das Wichtigste hätte sie fast vergessen. Sie muss ja noch ihre Lebensaufgabe erfüllen, so dass sich der Kreis des Lebens wieder schließen kann.

Eine poetische Erzählung mit hinreißenden Illustrationen

Die Arbeiten des Autors wurden schon mit mehreren Auszeichnungen geehrt, z. B. mit dem Kinder- und Jugendhörbuch des Jahres 2014 und dem Deutschen Kindertheaterpreis 2016. Die Geschichte „Nur ein Tag“ basiert auf seinem gleichnamigen Kindertheaterstück, ist deshalb sehr umfangreich und kaum an einem Abend vorgelesen. Die Sprache ist poetisch und ausdrucksstark. Die ausführlichen Dialoge zwischen Wildschwein, Fuchs und Eintagsfliege sind zum einfacheren Vorlesen in unterschiedlichen Farben gedruckt. Man merkt dem Buch an, dass es ein Theaterstück war.

Von Beginn an ist klar, was am Ende des Tages geschehen wird: Der unausweichliche Tod der unglaublich lebensfrohen Eintagsfliege. Die Geschichte ist sehr fantasievoll geschrieben und mit Lebensweisheiten und Wortwitz garniert. Trotzdem liegt die Angst vor dem Tod der kleinen Fliege über der ganzen Geschichte.

Die Zeichnungen von Wiebke Rauers sind sehr detailreich und passen perfekt zu der Sprache des Autors. Alles ist sehr floral und weich gezeichnet in leuchtenden Farben. Fast jede Seite ist geschmückt mit einer kleinen oder großen Zeichnung. Man entdeckt immer etwas Neues, wenn man durch das Buch blättert. Die Illustrationen unterstreichen wunderbar den Charakter des schlauen Fuchses, der lebensfrohen Eintagsfliegen und des dicken Wildschweins.

Fazit

Bedingt durch das Thema, aber auch durch den Erzählstil, eignet sich das Buch meiner Ansicht nach erst für Kinder ab 8 Jahren. Die Kinder müssen aufmerksam zuhören, um der bildgewaltigen Sprache folgen zu können und die Geschichte zu verstehen. Zudem finden sich auch unbekannte Begriffe wie „capice“ oder „sweet“ im Text wieder, die eventuell erklärt werden müssen. An einigen Stellen ist die Handlungsbeschreibung gewöhnungsbedürftig, z.B. als das Wildschwein dem Fuchs ständig Kopfnüsse gibt. Die Illustrationen von Wiebke Rauers sind hinreißend, und es hätten gerne noch ein paar mehr in diesem Buch sein können. Die Emotionen der Figuren werden immer sehr plakativ dargestellt. Selbst wenn sich der Text noch nicht für kleinere Kinder eignet, finden sie trotzdem viel Freude am Anschauen der niedlichen Bilder.

Es ist ein wirklich mitreißendes Buch, was den Leser und den Zuhörer emotional aufwühlt und viel Raum für Fragen und Diskussionen gibt. Man lacht über die witzigen Dialoge, weint um die kleine fröhliche Fliege und redet im Anschluss mit den Kindern über den Kreislauf des Lebens.

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