Rezension von Ramon

H.P. Lovecraft gehört zu den Klassikern der Horrorliteratur. Sein großer literarischer Erfolg stellte sich erst posthum ein, zu Lebzeiten veröffentlichte er vor allem in dem Pulp-Magazin „Weird Tales“. Wie auch seine Kollegen im Bereich der Grusel-Klassiker, Edgar Allen Poe und E.T.A. Hoffmann, wurde Lovecraft nicht besonders alt und starb 1937 im Alter von 46 Jahren. Es dauerte eine Weile, doch heute ist sein literarischer Rang anerkannt. In Deutschland wird er nicht nur bei Festa und Fischer Tor, sondern seit langem auch im Suhrkamp Verlag publiziert.

Das vorliegende Lesebuch „Cthulhus Ruf“ enthält 14 große Erzählungen des Autors, die von Andreas Fliedner und Alexander Pechmann neu übersetzt wurden. Es ist in drei Teile untergliedert, die uns die unterschiedlichen Facetten von Lovecrafts Schaffens nahebringen wollen.

Dazu gibt es ein ausführliches Vorwort zu Leben und Werk des Autors und kurze Einleitungen für die einzelnen Teile.

Wir erfahren von Lovecrafts schwieriger Kindheit. Die psychischen Krankheiten in seiner Familie ließen ihn zu einem zurückgezogenen Außenseiter werden, der sich vor allem auf ausführliche schriftliche Korrespondenzen mit Autorenkollegen konzentrierte. Eine späte Ehe scheiterte nach wenigen Jahren, den Rest seines Lebens blieb er allein und widmete sich ganz dem Schreiben.

Erneuerung eines Genres

 Präzise arbeitet Übersetzer Pechmann in einem Satz Lovecrafts Innovation für die Schauerliteratur hervor: „Lovecraft arbeitete wie ein Science-Fiction-Autor mit wissenschaftlichen Spekulationen und schuf innerhalb der phantastischen Literatur etwas völlig Neues, eine Parallelwelt, in der Wissenschaft und Aufklärung die Trugbilder des Aberglaubens nicht lediglich als falsch entlarven, sondern ihre Echtheit bestätigen, indem sie moderne, schockierende Erklärungen für sie liefern.“

Der erste Teil versammelt Geschichten aus Lovecrafts Frühwerk. Hier finden sich noch klassische, eher rustikale Horrorerzählungen wie „Das Bild im Haus“, die noch üblichen Genremustern folgen. Daneben aber auch subtile Meistererzählungen wie „Die Musik des Erich Zann“, die schon viele Ingredienzien des späteren Lovecraft-Werks enthalten. Hier bleibt der Einbruch des Übernatürlichen diffus und ist darum um so wirkungsvoller.

Im umfangreichsten zweiten Teil des Buchs finden sich die langen Erzählungen aus Lovecrafts Hauptwerk, die überwiegend dem „Chthulhu-Mythos“ zugerechnet werden können. Nach diesem existieren seit Milliarden von Jahren mächtige Wesen auf der Erde, gegen die der Mensch in jeder Hinsicht unbedeutend ist. Diese Macht- und Bedeutungslosigkeit stürzt die Menschen, die sich ihrer gewahr werden, meist in den Wahnsinn. Lovecraft übersetzt in diesem Mythos, so könnte man es vielleicht sagen, immer wieder innere Unsicherheiten in eine äußere Wirklichkeit, die er mit zahlreichen fiktiven Dokumenten, Büchern und Zeitungsartikeln belegt.

In „Cthulhus Ruf“ stellt er den Mythos erstmals ausführlich vor.

Gute, werktreue Neuübersetzungen

Diese meisterhafte, verschachtelte Erzählung enthält auch die berühmte Textpassage aus dem gefährlichen Zauberbuch „Necronomicon“, die es mittlerweile in sehr unterschiedlichen deutschen Übersetzungen gibt. Im Original lautet sie: „That is not dead which can eternal lie, And with strange æons, even death may die.“ Andreas Fliedners Neubersetzung: „Das ist nicht tot, was durch Äonen liegt, Und einst wird selbst der Tod vom Tod besiegt.“ Das ist vielleicht nicht so catchy wie die populärste freie Übersetzung „Es ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt“, aber sinngemäßer und treuer gegenüber dem Original und wiederum wesentlich flüssiger und sprachlich schöner als alle bisherigen Versuche einer werktreueren Übersetzung. Insgesamt machen beide Übersetzer eine hervorragende Arbeit mit viel Fingerspitzengefühl.

Lovecrafts Lieblingserzählung

„Die Farbe aus dem All“ bezeichnete Lovecraft selbst als seine Lieblingserzählung. Auf dem Hofgelände der Familie Gardner kommt ein Meteorit herunter, in dessen Innerem sich eine Kugel mit gänzlich unbekanntem Farbspektrum befindet. Nach und nach mutiert die Umgebung des Hofes, Pflanzen nehmen die Farben der Kugel an und gehen ein. Haustiere sterben, die Familie wird langsam wahnsinnig. Doch niemand in der Umgebung kümmert sich um sie. Weder bestehen die Lehrer darauf, dass die Kinder wieder in die Schule gehen, noch nehmen die Nachbarn irgendeinen Anteil. Keiner will sich mit dem Wahnsinn der Familie Gardner anstecken … Eine kompromisslose und verstörende Geschichte, in der die Ästhetisierung der unbekannten Farben seltsam kontrastiert mit der absolut hofflungslosen Situation der Familie, die von diesen Farben beherrscht wird.

Der kurze dritte Teil des Buchs enthält Geschichten, die eher Lovecraft-untypische Themen wie Freundschaft und Katzen in den Vordergrund stellen sowie eine Erzählung namens „Der silberne Schlüssel“, in der Lovecraft wie nebenbei sein poetisches Programm zu erklären scheint.

Fazit

Eine hervorragend editierte Sammlung mit gelungenen Neuübersetzungen, die auch zum Einstieg in das Lovecraft`sche Werk sehr gut geeignet ist.