Rezension von Ramon

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore Teil 2: Eine Metapher wandelt sich

Was im ersten Band geschah

Nachdem seine Frau ihn verlassen hat, zieht sich der namenlose Ich-Erzähler in ein Haus in den Bergen zurück, das früher dem berühmten Maler Tomohiko Amada gehörte. Auf dem Dachboden des Hauses findet er ein Bild des Malers mit dem Titel „Die Ermordung des Commendatore“, das eine starke Suggestivkraft auf ihn ausübt. Er stellt Nachforschungen über den Künstler an und stellt fest, dass der Maler des Bildes sich 1938 in Wien einer Widerstandsgruppe gegen den Faschismus anschloss und in ein Attentat verwickelt war, das aber scheiterte. Offensichtlich scheint sich das Bild metaphorisch mit den damaligen Ereignissen zu befassen.

Der Erzähler lernt außerdem einen mysteriösen Mann namens Menshiki kennen, der auf der gegenüberliegenden Seite des Tals lebt. Menshiki beobachtet mit seinem Fernglas regelmäßig eine Dreizehnjährige, von der er nicht weiß, ob sie seine Tochter ist oder nicht. Menshiki bittet den Erzähler um seine Komplizenschaft. Er soll das Mädchen in seinem Haus porträtieren, so dass Menshiki dann wie zufällig vorbei kommen und dem Mädchen noch näher sein kann.

Eine weitere Rolle spielt ein Schrein im Wäldchen, in dem nachts ein Glöckchen läutet. Mit Menshikis Hilfe lässt der Erzähler den Schrein öffnen, woraufhin ihm eine Idee erscheint, die sich die Gestalt des Commendatore aus dem Bild vom Dachboden geliehen hat. (Siehe auch Rezension Bd.1)

Einige nicht ganz überraschende Wendungen

Im zweiten Band setzen sich die merkwürdigen Ereignisse fort. Der Erzähler erfährt mehr über Ereignisse aus der Jugend von Tomohiko Amada und dessen jüngerem Bruder. Der Bruder des Malers, ein nachdenklicher, sensibler Mann, landete durch ein unglückliches Missverständnis in der für ihre Brutalität berüchtigten 6. Division des japanischen Heeres. Er wurde von seinen Kameraden gedemütigt und zu grausamen Taten gezwungen. Amada war mit einer jungen Österreicherin verlobt, die vermutlich im KZ Mauthausen umkam. Der Maler konnte trotz seiner Verwicklungen in die Widerstandsbewegung Österreich unbeschadet verlassen, allerdings sprach er danach nie wieder über die früheren Ereignisse. Anscheinend sind diese allerdings metaphorisch in dem Bild „Die Ermordung des Commendatore“ dargestellt, welches nun eine Art Eigenleben zu entwickeln beginnt.

Im weiteren Verlauf geschehen einige Dinge, die für den geübten Murakami-Leser nicht mehr ganz überraschend sein werden: Eine Hauptfigur verschwindet und der Erzähler steigt auf der Suche nach ihr in eine Art Hades hinab, der sowohl eine äußerliche, physische, als auch eine innere, psychische Dimension zu haben scheint.

Verlangsamung der Zeit

Die insgesamt rund tausend Seiten von Murakamis neuem Bestseller sind fast kammerspielartig inszeniert – nahezu die ganze Handlung spielt im Haus des Malers Tomohiko Amada und im Haus Menshikis auf der gegenüberliegenden Seite des Berges. Murakami schafft es, die Zeit fast völlig zum Stillstand zu bringen. Das Stilmittel der Verlangsamung hat er auch schon in anderen Romanen angewendet, in Teilen von „1Q84“ etwa oder am Ende von „Wilde Schafsjagd“. Diesmal wird es aber nicht punktuell eingesetzt, sondern von der ersten bis zur letzten Seite. Das ist einerseits sehr konsequent, führt aber gelegentlich auch zu einem Abflachen der Spannung, wenn die Handlung fast vollständig zum Stillstand kommt und die Gedanken und Routinen des Erzählers sich immer wiederholen.

Best of Märchen, Mythen, Murakami

Murakami bedient sich aus einem großen Märchen- und Mythenpool, verbindet griechische Mythologie mit Psychoanalyse und Motiven der Romantik, nicht zuletzt aber auch mit Motiven aus seinen früheren Werken.

Beim Lesen beschlich mich gelegentlich das Gefühl, dass wir es hier mit einer Art „best of“ zu tun haben, bei dem zu viele verschiedene Zutaten vermischt werden, so dass sich am Ende ein weniger kohärentes Ganzes ergibt als in manchem früheren Roman. So ist die Verbindung von Außen- und Innenwelt in „Hard boiled wonderland oder das Ende der Welt“ etwa viel konsequenter ausgeführt, weil Murakami sich auch wirklich auf dieses eine Motiv konzentriert hat. Das Motiv des für den Sohn unzugänglichen Vaters, der bis zu seinem Tod seine Vergangenheit verschweigt, kennen wir auch aus „1Q84“. Die Auswirkungen der Kriegsbrutalität auf die menschliche Seele finden sich hier auf ganz ähnliche Weise thematisiert wie in „Mr. Aufziehvogel“, dort allerdings in größerer Tiefe.

Zum Befremden manchen Lesers geraten dafür die Beschreibungen weiblicher Brüste von Roman zu Roman immer umfangreicher, auch werden deren Trägerinnen immer jünger. War es in „1Q84“ noch die 17-jährige Fukaeri, die mit dem Protagonisten ständig über ihre großen Brüste sprach, ist es nun die 13-jährige Marie, deren noch nicht vorhandene Brüste vom Erzähler und ihr selbst bei nahezu jeder Begegnung der beiden ausführlichst thematisiert werden.

Fazit

„Die Ermordung des Commendatore“ hat einige Qualitäten. Gerade der erste Band besticht durch einige originelle Ideen, sehr plastische Bildbetrachtungen, poetische Beschreibungen und außergewöhnliche Charaktere. Wenn hier Kritik geübt wird, dann auf hohem Niveau.
Aus zwei Gründen gehört der Roman nicht zu den besten des Autors.

Erstens bleiben am Ende zu viele lose Handlungsfäden und offene Fragen. Das mag bei Murakami ­–und bei magisch-realistischen Geschichten generell ­– dazugehören, aber ich glaube, nicht alle offen bleibenden Fragen lassen sich mit einem entsprechenden poetischen Programm rechtfertigen. Wenn Dinge angedeutet werden, die dann nie wieder eine Rolle spielen, wirkt das eher unausgereift. Da wird etwa erzählt, Maries (Zieh-)Vater sei Mitglied einer Sekte, der er sein ganzes Geld vermache. Ich war gespannt, was sich hieraus entwickelt, hoffte sogar auf eine Verbindung zur Parallelwelt von „1Q84“, in der ja eine Sekte eine größere Rolle spielt. Auf den Vater und die Sekte wird aber im weiteren Verlauf gar nicht mehr eingegangen. Solche ins Nirgendwo führenden Ansätze gibt es einige.

Zweitens sind bis auf einzelne faszinierende Einfälle wie die Idee in Gestalt des Commendatore alle Motive und Themen schon aus früheren Werken Murakamis bekannt und dort oft konsequenter bearbeitet. So bleibt „1Q84“ das bisher letzte Werk, in dem es Murakami gelungen ist, seinem Schaffen noch entscheidende neue Nuancen abzugewinnen. „Die Ermordung des Commendatore“ wirkt dagegen eher wie eine Werkschau. Wer mit dieser Erwartung an die zwei Bände herangeht, wird nicht enttäuscht werden.

Daten

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore
Teil 2: Eine Metapher wandelt sich
Dumont Buchverlag
489 Seiten
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Erschienen 2018
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