Rezension von Mona

Inhalt

„Männer vom Schlage Henry Preston Standishs stürzten nicht einfach so von einem Schiff mitten in den Ozean. So etwas machte man schlichtweg nicht, das war alles. Es war eine blöde, kindische, ungezogene Tat, und wenn Standish jemanden hätte um Verzeihung bitten können, dann hätte er es getan.“ (S. 26)

„Mann über Bord!“ – Ein uns durch Filme und Bücher wohlbekannter Ausruf, der, mal in eher komischen, mal in dramatischen Situationen gern gerufen wird, sobald sich die schreckliche Situation ereignet, dass ein Mensch (nicht zwingend ein Mann), die Grenzen eines Schiffes übertritt. Doch was, wenn nicht ein einfacher Mann, sondern ein Gentleman vom Schlage Henry Standishs ins Wasser fällt und gerettet werden muss? Wie geht er mit dieser Situation um, welche Gedanken befallen ihn und mit welchen Stressoren muss er sich auseinandersetzen?

Herbert Clyde Lewis, ein mir bis dato unbekannter amerikanischer Schriftsteller, dessen Bekanntschaft ich dank des mare Verlags machen durfte, beschreibt kurz, aber keinesfalls kurzweilig, den Überlebenskampf des sehr gut gestellten Geschäftsmannes Standish. Obwohl Überlebenskampf es nicht trifft, denn es ist weder Überleben (viel zu dramatisch für einen Gentleman), noch ein Kampf (beschämend melodramatisches Verhalten). Standish hat sich durch eine Unachtsamkeit, wie „ein Clown, der auf einem Ölfleck ausrutschte“ (S. 92) den Fehltritt erlaubt, von einem Schiff zu fallen und sich damit zum Gespött aller zu machen. Mitten im großen, leeren Ozean vollzieht der wohlgekleidete Herr einige nicht allzu hektische Bewegungen. Gerade so gut, dass er nicht untergeht, aber nicht so affektiert, dass es albern aussehen könnte. Und dabei schaut er verärgert über sich selbst, aber dennoch optimistisch dem davonfahrenden Schiff hinterher, wohlwissend, dass seine Anwesenheit bald bemerkt und er gerettet werden wird. Auf diese äußerst blamable Rettungsaktion bereitet er sich innerlich vor, denn zu allem Pech trägt er nicht vorzeigbare Unterwäsche, die unvermeidlich bemerkt werden wird. Der zweite Faux-Pas für ihn an diesem Tag.

Der Autor schildet hier eine groteske und, zumindest anfänglich, sehr komische, da skurrile Situation. Standishs Gedanken zu folgen in diesem Schreckensszenario, das unvermeidlich in einem Kampf auf Leben und Tod münden muss, ist vollkommen bizarr, abstrus, kurios, ja einfach unglaublich komisch. Das Buch in der Öffentlichkeit zu lesen sei nicht empfohlen, wenn man sich, wie Standish, um seine Reputation Gedanken macht, denn es könnte passieren, dass dem Lesenden einige ungewollte Lacher entweichen (selbst erprobt).

Bis Standish allmählich die Erkenntnis dämmert, dass es vielleicht gar nicht so ausgeschlossen ist, dass seine Abwesenheit nicht schnell genug bemerkt wird und er sich mit dem Gedanken des Ertrinkens auseinandersetzen muss, vergeht fast ein ganzer Tag. Aber auch diese Erkenntnis wird würdevoll erlangt:
„[…] wenn er denn zum Ertrinken verurteilt werde, dann würde er ertrinken. Das war alles. Es war ganz einfach, und es hatte überhaupt keinen Sinn, darüber in Melodramatik zu verfallen und sich in nutzlosem Protest an die Brust zu schlagen. Es wäre nicht so schrecklich, wenn man es vernünftig anpackte, ohne den Kopf zu verlieren.“ (S. 86)

Als Standish diese Möglichkeit akzeptiert und er sich sogar gedanklich darauf einstellt, keine spektakuläre Geschichte hinterher zum Besten geben zu können, ändert sich auch der Ton der Geschichte und wir dringen zum Kern unseres Charakters vor. Die selbst auferlegten Zwänge und gesellschaftlichen Normen schälen sich langsam von ihm ab und die reine menschliche Natur kommt zum Vorschein. Der Mensch muss sich unvermeidlich mit seiner eher unbedeutenden Stellung angesichts der Elemente auseinandersetzen und allmählich geht es um die bloße Existenz, bar jeder gesellschaftlicher Zwänge, die hier sehr geschickt demaskiert werden.  

In all seiner Kürze enthält die Geschichte so viel Wegweisendes, was existentielle Fragen anbelangt und wie gute Dramaturgie funktioniert. Und dabei bietet die Prämisse, dass wir uns zum größten Teil in Standishs Kopf und am selben Ort befinden, gutes Potenzial für Langatmigkeit und Redundanz. Große Schreibkunst, dass hier jede Seite für sich genommen in irgendeiner Form unterhält, fesselt und/oder zum Nachdenken einlädt.

Fazit

In aller Kürze: Ein hervorragendes und unbedingt lesenswertes Buch!