Rezension von Ramon

Der Elbenfürst Tinwelint hat zwei Kinder, den Musiker Dairon und die schöne Tänzerin und Feentochter Tinúviel. Das größte Vergnügen für Dairon und Tinúviel besteht darin, gemeinsam in den Wäldern zu tanzen und zu musizieren. Immer wieder wird Tinúviel dabei von einem Gnom namens Beren beobachtet, der sich in die Tänzerin verliebt hat. Irgendwann spricht er sie an.

Sie nimmt ihn mit in die Hallen ihres Vaters, wo er um ihre Hand anhält. Der Elbenfürst, Beren geringschätzend, verlangt daraufhin einen Silmaril aus der Krone des Schwarzen Feindes Melko. Sollte Beren ihm den Silmaril bringen können, habe er gegen eine Heirat nichts einzuwenden. Beren versteht, dass er verspottet werden soll, weil niemand den Finger an Melkos Krone legen und am Leben bleiben kann, doch voller Zorn lässt er sich auf die Forderung des Elbenfürsten ein und begibt sich auf die Reise.

In dieser hier anerzählten Geschichte taucht nur einer der Namen aus dem Titel des Buches auf. Das hat damit zu tun, dass J.R.R. Tolkien über Jahrzehnte immer wieder an der Geschichte von Beren und Lúthien arbeitete und sie dabei inhaltlich wie formal stark veränderte. Erst später wurde aus Tinúviel Luthien und aus dem Gnom Beren ein sterblicher Mensch. Dieses Buch versammelt sämtliche Variationen der Geschichte in Gestalt von Gedichten, Liedern, mythologischen Skizzen und anderen Fragmenten.

Herausgeber Christopher Tolkien verfolgt damit zwei verschiedene Ziele. Zum einen wollte er die Geschichte von Beren und Lúthien aus den umfangreichen, auf unendlich viele Manuskripte und lose Zettel verteilten Aufzeichnungen über die Geschichte und Mythologie Mittelerdes so herauslösen, dass sie mehr oder weniger für sich stehen kann und ohne Kenntnis der anderen Aufzeichnungen verständlich ist. Zum anderen möchte er die Entwicklung dieser Geschichte über Jahre und Jahrzehnte erfahrbar machen. Wie Christopher Tolkien ausführt, handelt es sich hier vielleicht um die persönlichste Geschichte seines Vaters. Er beruft sich dabei auf einen Brief des Vaters über den schwer zu verwindenden Tod seiner Frau. Darin äußert er seinen Wunsch, auf ihrem Grabstein das Wort „Lúthien“ eingravieren zu lassen.

Wem kann man dieses Buch nun empfehlen? Wer einfach nur eine Geschichte lesen will, wird womöglich enttäuscht sein, da die eigentliche Erzählung in ihrer längsten Ausführung nur knapp 60 Seiten umfasst und in etwas anderer Fassung auch schon im „Silmarillion“ zu finden ist. Wer sich allerdings für die Ideengeschichte Mittelerdes interessiert, dafür, wie Tolkien seinen Stoff immer wieder umgeschrieben, verfeinert und verdichtet und die unterschiedlichsten Gestaltungsmittel gefunden hat, wird hier eine spannende Lektüre finden. Auch wenn der Aufbau des Buches ein wenig kompliziert anmutet, die Geschichte selbst, die sich übrigens auf den Seiten 45-103 unter der Überschrift „Die Geschichte von Tinúviel“ verbirgt, ist sehr leicht zugänglich auch für Nichtkenner des Tolkien‘schen Werks.

Und sie gehört tatsächlich zu den schönsten Geschichten Tolkiens und offenbart einmal mehr seine besondere Sprachkunst und erzählerische Sorgfalt. Anders als etwa das ebenfalls von Christopher Tolkien bearbeitete und vor wenigen Jahren erschienene Buch „Die Kinder Húrins“ konzentriert sich „Die Geschichte von Tinúviel“ auf wenige Hauptfiguren und bleibt sehr übersichtlich. Die anderen Textfragmente in „Beren und Lúthien“ enthalten dann allerdings wieder eine ganze Menge an Namen von Helden, Feinden und Ländern, die wohl nur die treuesten Tolkien-Leser einordnen können. Die erklärenden Einschübe Christopher Tolkiens und der Glossar am Ende des Buchs können da nur eine grobe Orientierungshilfe sein.

Abschließend sei noch bemerkt, dass es sich hier zweifellos um eines der am schönsten gesetzten und gestalteten Bücher handelt, die in den letzten Jahren erschienen sind. Neben kleinen Illustrationen an Kapitelanfängen finden sich zahlreiche auf Glanzpapier eingefügte farbige Bilder des langjährigen Tolkien-Illustrators Alan Lee, dessen Design u.a. maßgeblich die „Herr der Ringe“-Filmtrilogie prägte. Die Illustrationen sind sehr genau auf die Details der Texte abgestimmt und tragen dazu bei, auch manche skizzenhaft gebliebene Version der Geschichte von Beren und Lúthien mit besonderem Leben zu erfüllen.

Daten

Herausgeber: Christopher Tolkien

Illustrationen: Alan Lee

Originaltitel: Beren and Lúthien

Verlag: Klett Cotta

Erscheinungsjahr: 2017

Seitenzahl: 304

Übersetzung: Hans-Ulrich Möhring und Helmut W. Pesch

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