
In „Fünf, sechs, sieben, acht“ erzählt Ewald Arenz von einem Mann, der merkt, dass Gewissheiten brüchig werden – im Beruf, in der Familie und im Blick auf die eigene Vergangenheit. Daraus entsteht ein stiller, aufmerksam gebauter Roman über Selbstbehauptung, Kränkung, Nähe und die Unsicherheit, die mit jedem neuen Lebensabschnitt einhergehen kann.
Im Zentrum steht Anton, ein sechzigjähriger Stepptänzer und Choreograf, der spürt, dass sein Platz nicht mehr unangefochten ist. Besonders schmerzhaft wird das, als ausgerechnet seine Tochter Emma beruflich in einen Bereich hineinwächst, der für ihn weit mehr ist als nur Arbeit. Gleichzeitig drängen frühere Verletzungen wieder nach vorn, und auch die Erinnerung an eine frühere Liebe gewinnt erneut Gewicht. Eine Reise nach Irland bringt Vater und Tochter in eine Situation, in der alte Fragen nicht länger auf Abstand gehalten werden können.
Arenz setzt dabei nicht auf große Effekte, sondern auf genaue Beobachtung. Anton erscheint weder als tragische Heldenfigur noch als bloßer Nörgler des Älterwerdens, sondern als Mensch mit Ecken, Stolz und Verletzbarkeit. Gerade diese Ambivalenz macht die Figur interessant. Der Roman zeigt, wie schwer es sein kann, das eigene Bild von sich selbst mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen, ohne daraus einfache Urteile zu machen.
Stark ist außerdem die Darstellung des Verhältnisses zwischen Anton und Emma. Ihre Beziehung lebt nicht nur von offenem Streit, sondern auch von unausgesprochenen Erwartungen, alten Mustern und dem Wunsch, endlich in der jeweils eigenen Rolle wahrgenommen zu werden. So entsteht ein Spannungsfeld, das familiäre Nähe und Konkurrenz zugleich sichtbar macht. Der Roman behandelt diesen Konflikt nicht schematisch, sondern mit Sinn für Zwischentöne.
Auch sprachlich bleibt Arenz auf der Seite der Genauigkeit. Der Stil ist klar, ruhig und gut lesbar, ohne flach zu wirken. Das passt zu einer Geschichte, in der körperliche Präsenz, Wiederholung und Disziplin eine wichtige Rolle spielen. Das Bühnenmilieu sorgt für eine eigene Färbung, doch der Roman verfällt nie ins Grelle. Stattdessen richtet er den Blick vor allem auf leise Verschiebungen im Inneren seiner Figuren.
Die Abschnitte in Irland erweitern den Roman um eine offene, atmosphärische Ebene. Die Umgebung dient nicht bloß als dekorativer Hintergrund, sondern verstärkt das Nachdenken über versäumte Chancen, frühere Entscheidungen und das, was sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Gerade dort wird deutlich, wie sehr das Buch Menschen in Übergangssituationen interessiert: Figuren, die nicht mehr an ihrem alten Punkt stehen und noch keinen neuen gefunden haben.
Nicht alle werden diese zurückhaltende Erzählweise gleich schätzen. Wer vor allem auf starke äußere Handlung, scharfe Zuspitzung oder ein lautes Künstlerdrama aus ist, könnte manche Passagen als zu gedämpft empfinden. Genau darin liegt aber auch die Eigenart des Romans: Er vertraut auf Atmosphäre, innere Bewegung und sorgfältig entwickelte Beziehungen. „Fünf, sechs, sieben, acht“ ist damit ein Buch über Veränderung, Erschöpfung und Neuorientierung, das seine Figuren ernst nimmt und ihnen Raum gibt.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun: Erstens beschreibt der Roman das Älterwerden differenziert, nicht als bloßen Verlust, sondern als Gemisch aus Selbstbehauptung, Unsicherheit und verletztem Stolz. Zweitens trägt die Beziehung zwischen Vater und Tochter das Buch, weil sie Nähe, Konkurrenz und unausgesprochene Erwartungen glaubhaft zusammenführt. Drittens gibt das Tanz- und Theaterumfeld der Geschichte ein eigenes Gepräge, ohne jemals nur dekorative Kulisse zu sein. Ein möglicher Einwand: Wer eine sehr ereignisreiche Handlung mit häufigen Wendungen sucht, könnte die ruhige, auf innere Prozesse gerichtete Erzählweise als zu zurückgenommen empfinden.
Buchdaten
- Autor: Ewald Arenz
- Verlag: DuMont
- Preis: 25,00 €
- ISBN: 9783755800576
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Rezension von Flora


