Yesteryear

Mit „Yesteryear“ legt Caro Claire Burke einen Roman vor, der die verführerische Oberfläche einer perfekt inszenierten Gegenwart erst einmal ausstellt, um sie dann Schritt für Schritt zu hinterfragen. Im Mittelpunkt steht eine Frau, deren öffentlich gepflegtes Ideal von Häuslichkeit und Weiblichkeit plötzlich durch einen Zeitsprung in eine vollkommen andere Wirklichkeit gerät.

Was auf den ersten Blick nach einer einfachen Satire klingt, entwickelt bei Burke deutlich mehr Anspruch. Ihr Roman interessiert sich nicht nur für den schnellen Effekt, sondern für die Spannungen, die entstehen, wenn Einfluss, Selbstdarstellung und eine romantisierte Vorstellung vom traditionellen Frausein aufeinanderprallen. Als die Hauptfigur im 19. Jahrhundert landet, kollidieren nicht nur zwei Zeiten, sondern auch zwei sehr unterschiedliche Konzepte davon, was ein weibliches Leben ausmacht. Gerade aus diesem Gegensatz bezieht der Roman anfangs viel Energie.

Besonders überzeugend ist, wie der Text den Kontrast zwischen digitaler Selbstinszenierung und historischer Härte ausspielt, ohne sich in der bloßen Pointe zu verlieren. Die Stimmung schwankt immer wieder zwischen greller Zuspitzung und leiser Beklemmung. Burke schreibt leicht genug, damit die Seiten schnell gelesen sind, aber nie so gefällig, dass der gesellschaftliche Kern untergeht. Genau diese Balance verleiht dem Roman seine Eigenart: nach außen spielerisch, im Kern ernsthaft und aufmerksam.

Im besten Fall liest sich „Yesteryear“ wie eine kluge Parabel über Rollen, die Frauen heute scheinbar freiwillig annehmen und die sich historisch oft als Zwangsverhältnisse entpuppen. Der Roman fragt, wie viel Echtheit in einer inszenierten Lebensform steckt und wie rasch der Wunsch nach Stabilität in starre Ideologie kippen kann. Dabei bleibt Burke nah an ihrer Figur und gibt auch ihrer Verletzlichkeit Raum. So vermeidet das Buch eine platte Abrechnung und auch jede Form moralischer Selbstgewissheit.

Nicht alles wirkt gleich stark. Manchmal betont der Roman seine Grundidee etwas zu deutlich, sodass einzelne Passagen eher programmatisch als subtil erscheinen. Auch die Nebenfiguren bleiben nicht immer vollständig ausmodelliert, sondern erfüllen gelegentlich vor allem eine kontrastierende Funktion für die Hauptfigur. Wer durchgehend fein abgestufte psychologische Zeichnung erwartet, könnte hier und da zu kurz kommen. Trotzdem bleibt die erzählerische Bewegung so lebendig, dass solche Schwächen den Gesamteindruck nur begrenzt mindern.

Am stärksten ist „Yesteryear“, wenn Burke die Oberfläche ihres Konzepts nutzt, um über Sehnsucht, Kontrolle und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit nachzudenken. Dann wird aus dem Zeitreise-Setting mehr als eine originelle Idee: ein Roman über die Verführung einfacher Antworten. Das Ende setzt weniger auf einen spektakulären Effekt als auf Nachhall, und genau darin liegt eine seiner Stärken. Das Buch möchte unterhalten, aber eben nicht nur das.

Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun

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Erstens überzeugt die originelle Ausgangslage, weil sie Gegenwartskultur und historische Erfahrung wirkungsvoll aufeinandertreffen lässt. Zweitens findet Caro Claire Burke einen Ton, der zugleich leichtfüßig und kritisch bleibt, wodurch der Roman eine seltene Balance gewinnt. Drittens regt die Geschichte zu Fragen über Selbstinszenierung, Weiblichkeitsbilder und gesellschaftliche Erwartungen an. Ein Grund dagegen: Wer eine durchgehend fein austarierte Figurenzeichnung erwartet, könnte an einzelnen Vereinfachungen hängen bleiben.

Buchdaten

  • Autor: Caro Claire Burke
  • Verlag: Heyne
  • Preis: 24,00 €
  • ISBN: 9783453275355

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Rezension von Sandrine