Rezension von Maike

Dieser Roman verführt in das Leben

Inhalt

In 5 Teilen (ver)führt uns Thomas Sautner durch seine wunderliche Geschichte ‚Die Erfindung der Welt‘.
Die erfolgreiche Schriftstellerin Aliza Berg, erhält einen Brief von dem Unbekannten „G“, mit dem Auftrag einen Roman zu schreiben, über das Leben in einer von ihm genau eingegrenzten Region. Obwohl Aliza der Auftrag reizt steht sie dem Ansinnen des Auftraggebers zunächst eher ablehnend gegenüber. Verführt durch die zeitgleich eintreffende Überweisung einer erheblichen Summe, als Vorschuss für ihr literarisches Wirken, entschliesst sie sich letztendlich doch dazu. So beginnt die in fantasievoller Sprache geschriebene Geschichte.

Die Erzählperspektive wechselt dabei zwischen Alizas Ich-Erzählung und verschiedenen Erzählern. Aliza trägt ausschließlich Schwarz, „um keine Aufmerksamkeit an ihrer Person zu generieren“. Doch genau das Gegenteil passiert ihr nun. Als sie in dem kleinen Ort Litstein ankommt ist sie bereits bekannt wie ein bunter Hund, auf Plakaten sichtbar, über den Artikel in der lokalen Zeitung angekündigt und ausgestellt über ihre Romane in der Schaufensterauslage der örtlichen Trafik. Da im einzigen Hotel im Ort kein Zimmer zu bekommen ist landet sie bei Elisabeth von Hohensinn (Elli), der Gräfin auf Schloss Litstein, die sie herzlich aufnimmt. Auch Elli, die einen wesentlichen Teil in der Geschichte einnimmt, lässt sich auf das Abenteuer ‚Roman über das Leben in Litstein‘ ein und gemeinsam beginnen die beiden mit der Suche nach dem Auftraggeber, dem ominösen ‚G‘. Im Laufe der Erzählung lernen wir weitere schillernde Figuren kennen: Ellis Ehemann Leopold, ‚der Unzulängliche‘ und doch Besondere, der das generationsübergreifende Erbe des Großvaters, als Wächter des Geheimraums, übernommen hatte. Leopold ist ein Denker, ein Frager, ein Wissenwoller, ein Philosoph und gleichzeitig auch der gute Geist der Gegend, rührend und tollpatschig. Dann gibt es Kristyna, die allein im Wald lebt, unabhängig ist und in allen Belangen nach ihrer Facon lebt, auf ihre besondere Art eine ‚Femme fatale‘ und ihre mysteriöse Enkelin Malina. Doch auch einigen Männern in Litstein kommen besondere Rollen zu: Jakob, der schweigsame, naturliebende Eigenbrötler; Fred, der scharfzüngige Kleinwüchsige; Peter, der intellektuelle Trafikant.

Während ihrer Recherchen zum Leben in Litstein versucht Aliza den Menschen und deren Leben nahe zu kommen, doch oft entziehen sich diese. So plagen Aliza immer wieder Selbstzweifel an der Sinnhaftigkeit ihres Tuns: „die Figuren entwickeln nicht nur ein Eigenleben, sie boykottieren sie [Aliza] regelrecht … ich muss froh sein, wenn ich überhaupt noch mit dabei sein darf ab und zu“. Doch es gibt weit mehr als die Menschen in Litstein, da sind die Tiere, die Pflanzen, die Wälder und Teiche und das Universum – denn schließlich geht es um die Erfindung der Welt. Es sind die vielen kleinen Begebenheiten, bildhaft und lautmalerisch beschrieben, die den Zauber des Buchs ausmachen.

Der Wechsel der Rollen und Erzählstile fordern die ungeteilte Aufmerksamkeit des Lesenden. So wendet sich Aliza auch mit einer provokanten Frage an den Lesenden: „Es geht mich ja nichts an, aber lesen Sie Ihr Leben auch so flüchtig, so an der Oberfläche entlang?“ – Ja, man muss als Lesender schon aufmerksam an dieser Geschichte dranbleiben, um die teils märchenhaften Verknüpfungen [der Keinraum, die Tür ohne Hütte, der Friedhof der verlorenen Worte, der Hohensinnische Vollständigkeitssatz] vollständig zu erfassen.

In fulminanter Sprache philosophieren die Protagonisten über das Leben, vom Beginn und dem Ende, vom Kreislauf des Untergangs und der Wiederkehr, von der Unsterblichkeit, vom Urknall. Und ja, auch Sex und Liebe spielen eine Rolle.

Rezension

Beeindruckt haben mich die facettenreichen Beschreibungen des Lebens im Wald, im Wasser, in der Natur und der Menschen. Man findet eine Fülle an interessant zusammengefügten Begriffen, die dadurch eine völlig neue Bedeutung bekommen und für mich dadurch die jeweilige Stimmung in der Erzählung fühlbar macht (z. B. wasserbesoffen, gemachtpassiert, puppenhausunwirklich, augengerändert, nassglücklich, unterraschend, froschadäquat). Zitieren möchte ich einen Aussage im Roman, die mich beeindruckt hat und von der ich finde, dass gerade das im vorliegenden Buch hervorragend gelungen ist: „Literatur öffnet verschlossene, inexistente Räume… Sie baut aus jenen Teilchen, die zeitlebens zwischen den Fingern zerrinnen, feste Burgen, aussichtsweite Schlösser….Verborgen bleibt das flüchtig Gefühlte, Gedachte, Gelebte“.

Fazit

‚Die Erfindung der Welt‘ ist ein Buch für genießerische Lesestunden, die aus dem Alltag in eine besondere Welt führen und den Blick auf „das Leben“ lenken.